Kirchheim

Rotarier rotten Polio bald komplett aus

Kinderlähmung Den Kampf gegen die Krankheit führen Rotary Clubs weltweit seit vielen Jahren. Der Club Kirchheim-Nürtingen setzt dabei auch auf die Prominenz des Segelflug-Weltmeisters Tilo Holighaus. Von Andreas Volz

Der Kirchheimer Tilo Holighaus macht als Segelflug-Weltmeister Werbung für die Kampagne „Stoppt Kinderlähmung jetzt“.Fotos: pr
Der Kirchheimer Tilo Holighaus macht als Segelflug-Weltmeister Werbung für die Kampagne „Stoppt Kinderlähmung jetzt“.Fotos: pr

Gefährliche Gegner komplett auszurotten, widerspricht heutzutage den Prinzipien der „political correctness“. Selbst Raubtiere wie Wolf oder Bär, die dem Menschen in freier Wildbahn äußerst gefährlich werden können, erleben deshalb in Mitteleuropa ihre Wiederansiedlung - lange nachdem sie hierzulande als ausgerottet galten.

Bei einem Gegner allerdings darf die Menschheit eines Tages mit berechtigtem Stolz sagen, dass er ausgerottet ist: beim Polio-Erreger. In Deutschland ist Polio besser bekannt als Kinderlähmung. Und viele, die hierzulande einst als Kinder ihre Schluckimpfung gegen die Kinderlähmung erhalten haben, könnten es schon in Bälde als Rentner erleben, dass Polio weltweit „erledigt“ ist.

Rund 40 Jahre hätte es dann gedauert, die Krankheit zu besiegen. In den 80er-Jahren hat es sich eine weltweite Organisation erstmals auf die Fahnen geschrieben, hier einen historischen Sieg zu erringen: Rotary International. Seither haben Rotary Clubs aus aller Welt „mehr als 2,1 Milliarden US-Dollar und unzählige ehrenamtliche Arbeitsstunden für den Kampf gegen Polio zur Verfügung gestellt“, wie Dr. Florian Bopp, der aktuelle Präsident des Rotary Clubs Kirchheim-Nürtingen berichtet.

Sein Vorgänger im Präsidentenamt, Tilo Holighaus, stellt sich sogar als Weltmeister in den Dienst, um der Kinderlähmung den Garaus zu machen. „Den WM-Titel habe ich im Juni 2019 in den Pyrenäen errungen“, erzählt der Kirchheimer Segelflieger, der seine sportliche Prominenz in diesem Fall ganz bewusst einsetzt: Das Logo der Kampagne „End Polio Now“, das sich mit „Stoppt Kinderlähmung jetzt“ übersetzen lässt, prangt deutlich sichtbar auf dem sonst blütenweißen Flugzeug des Weltmeisters. „Ich habe mir das wie ein Sponsoren-Logo aufs Flugzeug geklebt, um so unsere Botschaft zu verbreiten.“ Tatsächlich wird er immer wieder direkt auf den Hintergrund des Logos angesprochen.

Überzeugungsarbeit ist gefragt

Überzeugend war das Engagement von Rotary auch im großen Stil, fügt Florian Bopp beim Gespräch im Vorfeld des morgigen Welt-Polio-Tags an: „Viele Regierungen haben ihrerseits Geld zur Verfügung gestellt - mehr als zehn Milliarden Dollar.“ Weitere Überzeugungsarbeit ist aber nach wie vor gegenüber Impfgegnern zu leis­ten, sagt Tilo Holighaus: „Polio existiert vor allem noch in Pakistan und Afghanistan, und dort gibt es viele Impfgegner, vor allem aus religiösen Gründen.“ Das einzige, was hilft, ist Aufklärung vor Ort - „und zwar durch eigene Leute, die in der richtigen Umgebung die richtige Sprache sprechen“.

Rotary hat dafür die ideale Struktur: „Unsere Clubs gibt es überall auf der Welt. Clubs aus Europa oder Nordamerika können viel Geld spenden, während andere Clubs vor Ort dafür sorgen können, dass das Geld auch wirklich an die richtige Stelle kommt.“ Das gilt auch beim Kampf gegen Polio. Es geht den Rotariern nicht nur darum, erneute Ausbrüche der Krankheit zu verhindern. Sie helfen mit dem „Polio-Plus-Programm“ auch denen, bei denen es zu spät ist für eine Impfung - denjenigen also, die mit der lähmenden Krankheit leben müssen.

„Bei den Impfungen kriegt man eben auch andere Dinge mit“, sagt Florian Bopp. Ob in Nigeria oder in Indien - wer vor Ort impft, merkt auch, dass jemand eine Mobilitätshilfe braucht oder auch ein Moskitonetz, das vor Malaria schützen kann. Den Rotariern geht es um weit mehr als „nur“ um den Kampf gegen Polio. Es geht ihnen um eine bessere Welt mit weniger Krankheiten und mit weniger Kranken.

Weitere Projekte, von denen die beiden berichten, sind eine Aktion bei Neckartenzlingen, wo Clubmitglieder 500 Bäume gepflanzt haben, oder auch ein Wasserprojekt in Indien. Es sorgt durch Terrassenbau dafür, dass fruchtbarer Boden nicht mehr weggeschwemmt wird. Menschen können somit weiterhin von der Landwirtschaft leben. Verhindert wird so deren Wegzug in die Großstädte. Verhindert wird aber auch die Zerstörung der Natur vor Ort. Globales Denken und lokales Handeln ist für Rotarier also weitaus mehr als ein dahingesagter Slogan.

Rotary Clubs und der Kampf gegen die Kinderlähmung

Am 23. Februar 1905 hat der Rechtsanwalt Paul P. Harris in Chicago den ersten Rotary Club gegründet. Heute gibt es in nahezu jedem Land der Welt Clubs. Insgesamt sind es über 36 000 Ortsvereine mit mehr als 1,2 Millionen Mitgliedern. In Deutschland sind es 1 097 Clubs mit rund 56 700 Mitgliedern. Der Rotary Club Kirchheim-Nürtingen hat derzeit 50 Mitglieder. Es gibt aber auch den Club Nürtingen-Kirchheim, der deutlich später gegründet wurde.

Vorurteile sind laut Florian Bopp weit verbreitet. „Viele halten uns für eine elitäre Vereinigung, wo man sich gegenseitig Geschäfte zuschanzt. So ist es aber nicht“, sagt der aktuelle Präsident des Clubs Kirchheim-Nürtingen. Außer Geld stellen die Mitglieder auch ihre Arbeitskraft zur Verfügung, um die Welt in kleinen Schritten zu verbessern - sei es im Kampf gegen Krankheiten wie Polio, sei es bei Umweltschutzprojekten oder durch Austauschprogramme, bei denen Schüler, Studenten und junge Berufstätige die Möglichkeit bekommen, fremde Kulturen kennenzulernen.

Polio ist eine Krankheit, die durch Impfung ausgerottet werden kann. Den ersten Impfstoff dagegen hat der US-amerikanische Virologe Jonas Salk (1914 - 1995) entwickelt. Erstmals hat er ihn 1952 eingesetzt. Zur Erinnerung an diesen Pionier der Polio-Bekämpfung wurde sein Geburtstag, der 28. Oktober, zum Welt-Polio-Tag erklärt.

Seit Ende August gilt Nigeria als poliofrei - und damit inzwischen auch ganz Afrika. In Afghanistan und Pakistan gab es 2019 allerdings noch insgesamt 32 Infektionen. Das Ziel, die Welt von der Kinderlähmung zu befreien, ist dennoch zum Greifen nahe. Zum Vergleich: 1988, vor 32 Jahren, gab es noch jedes Jahr 350 000 Poliofälle - in 125 Ländern.vol

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