Kirchheim

Samtpfoten unter Beschuss

Straftat Im Kirchheimer Wohngebiet Bohnau ist vor wenigen Wochen eine Hauskatze angeschossen worden – kein Einzelfall, wie Tierärzte und Polizei wissen. Von Bianca Lütz-Holoch

Es ist um die Mittagszeit, als Lilly nach Hause kommt. Familie Schreiber merkt sofort, dass sich ihre Katze anders verhält als sonst. Sie versteckt sich und leckt sich ständig an der rechten Seite. Tanja Vetter-Schreiber entdeckt eine Wunde, vermutet aber zunächst nichts Böses: „Wir waren überzeugt, dass die Verletzung von einem Ast oder Strauch kommt“, erzählt die Kirchheimerin. Bis Sonntag verheilt die Wunde zwar weitgehend. Doch Lilly ist immer noch nicht die Alte. „Sie ist nicht mehr gesprungen und hat auf dem rechten Bein gehumpelt“, so Tanja Vetter-Schreiber. Als sie die Stelle abtastet, bemerkt sie, dass sich dort eine Verdickung gebildet hat.

In diesem Moment kommt der Katzenbesitzerin zum ersten Mal der Verdacht, dass es sich um eine Schussverletzung handeln könnte. „Der Kater unserer Nachbarn hat nämlich auch eine Kugel im Rückgrat“, sagt Tanja Vetter-Schreiber. Ein Besuch bei ihrer Tierärztin und eine Röntgenaufnahme bestätigen ihre Vermutung: Lilly hat einen Kugel unter der Haut. Sie ist angeschossen worden - unter der Woche, irgendwo im oder beim Kirchheimer Wohngebiet Bohnau.

Familie Schreiber ist geschockt. Und was sie noch fassungsloser macht: Lilly ist offenbar kein Einzelfall. „Katzen werden häufiger angeschossen - ohne dass darüber etwas öffentlich bekannt wird“, erfährt die Familie.

„Das haben wir häufiger als Zufallsbefund“, sagt die Kirchheimer Tierärztin Dr. Tanja Schlegel, die Lilly behandelt. Das Gleiche berichten auch andere Tierartpraxen aus der Region. „Die Kugeln bemerkt man meist, wenn aus einem anderen Grund geröntgt wird.“ In der Regel verursachen die Geschosse keine großen Beschwerden: „Die Besitzer kriegen das oft gar nicht mit“, weiß die Tierärztin. Auch die Katzen können damit gut leben - es sei denn, die Kugel hat ein Organ getroffen oder es treten andere Komplikationen auf. Herausoperiert werden die Geschütze normalerweise nicht.

Katze Lilly kommt allerdings um eine Operation nicht herum. Durch das Eindringen der Kugel hat sich eine schmerzhafte Zyste gebildet, die raus muss. Die etwa einen halben Zentimeter große Kugel selbst bleibt drin. Sie zu entfernen, wäre zu kompliziert und auch gefährlich für Lilly.

Nach der OP muss Lilly ein Korsett tragen, das sie am Springen hindert. Raus darf sie in der Zeit nicht. Auch treten Komplikationen auf: Ein Blutgefäß im OP-Bereich platzt. Die Stelle muss punktiert werden. Wieder müssen Schreibers ihre Katze zum Tierarzt bringen. Die Wochen, bis Lilly endlich wiederhergestellt ist, sind nicht nur für das Tier, sondern auch für die Familie belastend - emotional, zeitlich und finanziell. Die Tierarztrechnungen bleiben vermutlich an der Familie hängen. Nur wenn tatsächlich ein Schuldiger gefunden wird, könnten Schreibers das Geld einklagen. „Für uns hat das einen Rattenschwanz nach sich gezogen - und für denjenigen, der geschossen hat, waren es vermutlich drei unbedeutende Minuten“, zeigt sich Tanja Vetter-Schreiber betroffen. Wer Lilly angeschossen hat, ob Jugendliche oder Katzenhasser am Werk waren, darüber kann nur spekuliert werden.

Schwierige Ermittlungen

Familie Schreiber erstattet Anzeige. Von der Polizei fühlt sie sich gut betreut. Doch der Täter wird nicht gefunden. „Die Ermittlungen gestalten sich bei solchen Fällen extrem schwierig, weil der eigentliche Tatort unbekannt ist“, sagt Martin Raff, Sprecher des Polizeipräsidiums Reutlingen. Auch Zeugen fehlen meist. Im Wohngebiet Bohnau befragt die Polizei die Nachbarn, doch keiner hat etwas Verdächtiges beobachtet.

Also verteilen Schreibers Handzettel in den Briefkästen der Umgebung und hängen Plakate auf. Hinweise bekommen sie zwar nicht. Aber die Kampagne erfüllt noch einen anderen Zweck: Der Fall wird öffentlich bekannt. Und genau das möchte Tanja Vetter-Schreiber erreichen. Einerseits, um Hinweis auf den Täter zu erhalten, und andererseits, um allgemein aufzuklären. „Solange kaum jemand weiß, dass immer wieder Katzen angeschossen werden, können die Täter ja ungehindert und unbemerkt weitermachen“, sagt sie.

Katze Lilly im KorsettFoto: privat
Katze Lilly im KorsettFoto: privat

Angeschossene Katze ist kein Einzelfall

Schussverletzungen bei Katzen kommen zwar häufiger vor, werden aber selten angezeigt. Das liegt daran, dass die Kugeln oft erst später und durch Zufall erkannt werden.

Im Kreis Esslingen sind in den vergangenen Jahren neben Lillys Fall vier weitere Schussverletzungen bei Katzen angezeigt worden. Bei keinem Fall konnte der Täter ermittelt werden. Im Juli 2013 schoss ein Unbekannter in Filderstadt mit einem Luftgewehr zweimal auf eine Katze. Im Dezember 2015 wurde in Wernau mit einer Luftdruckwaffe auf eine Katze geschossen. Im selben Monat ereignete sich in Altdorf Ähnliches - allerdings benutzte der Täter eine Schrotflinte. Im April 2016 wurde in Aichtal mit einem Kleinkalibergewehr auf eine Katze geschossen.

Im Wohngebiet Bohnau hatte bereits im April 2015 ein Fall von Tierquälerei für Aufsehen gesorgt. Unbekannte verletzten einen Kater mit einem Knüppel so schwer an der Wirbelsäule, dass seine Besitzer ihn nur noch einschläfern lassen konnten. Damals hatte der Tierschutzverein Kirchheim vor Katzenhassern gewarnt. Die Polizei sieht für einen „Serientäter“ jedoch keine Anhaltspunkte.

Strafbar ist das Schießen auf ein Tier gleich in zweierlei Hinsicht. Zum einen können Täter, die Tiere ohne vernünftigen Grund töten oder ihnen aus Rohheit erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügen, mit einer Geldstrafe oder mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren belegt werden (§ 17 Tierschutzgesetz). Werden Haustiere, die einen Besitzer haben, verletzt oder getötet, so gilt das außerdem als Sachbeschädigung im Sinne des § 303 StGB.bil

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