Kirchheim

„Sanwaldgaukler“ gibt Konzert

Aktion Der Alltag in Seniorenheimen bietet wegen des Besuchsverbots wenig Abwechslung. Die Monotonie will Anne-Katrin Stuth etwas mildern und hat Hof- und Gartenkonzerte ins Leben gerufen. Von Iris Häfner

Alfred Bachmann unterhält mit gebührend Abstand die Bewohner des Henriettenstifts.  Foto: Jean-Luc Jacques
Alfred Bachmann unterhält mit gebührend Abstand die Bewohner des Henriettenstifts. Foto: Jean-Luc Jacques

Beim Schneewalzer reißt es auch den Letzten von den Stühlen. „Da ist sogar der Bewegungsmuffel am Fenster aufgestanden und hat ein bisschen getanzt“, freut sich Anne-Katrin Stuth, Besuchsdienstleiterin der Heinrich-Sanwald-Stiftung in Kirchheim. Dieses Kunststück fertiggebracht hat Alfred Bachmann aus Wellingen. Der hat sich sehr zur Freude der Bewohner des Henriettenstifts nicht nur mit der Lederhose in Schale geworfen, sondern auch sein Akkordeon mitgebracht. Bei strahlendem Sonnenschein gab er im Hof vor dem Haupteingang des Kirchheimer Seniorenheims ein Konzert. Der „Innenhof“ bietet sich für das musikalische Schmankerl regelrecht an. Wie ein großes U ist das Gebäude an dieser Stelle gebaut. So können viele Senioren direkt von ihren Zimmern den Melodien lauschen. Die Fenster sind geöffnet, es wird geklatscht, geschunkelt und die Arme geschwungen. Vor allem aber wird bei vielen Liedern aus voller Kehle mitgesungen.

Die Idee für die Hof- und Gartenkonzerte in Kirchheimer Seniorenheimen hatte Anne-Katrin Stuth. Ende vergangener Woche hat sie Alfred Bachmann angerufen, und vorsichtig angefragt, ob er nicht Lust hätte, für die Bewohner zu spielen. „Seit vier Wochen kann ich keine Besuche mehr machen“, bedauert der Wellinger, einer der ehrenamtlichen Besuchsdienstler bei der Heinrich-Sanwald-Stiftung. Das Telefonat gab ihm sofort Auftrieb. „Bei der Frage ,Wie geht‘s?‘ war die Stimme irgendwie matt. Als ich aber mein Anlieger vorbrachte, war Alfred gleich weitaus beschwingter“, beschreibt Anne-Katrin Stuth die Situation. Die Stimmung hat in den vergangenen Wochen auch bei dem Hobby-Musiker gelitten. Er singt in Plochingen im Oratoriumverein, das für diesen Monat geplante Konzert wurde abgesagt, ebenso die Proben, die online nicht wirklich funktionieren. „Eine Woche lang habe ich nicht gespielt, ich hatte keine Motivation - eine halbe Stunde nach dem Telefongespräch war ich im Musikzimmer“, erzählt Alfred Bachmann strahlend.

Seine gute Laune ist auf die Bewohner übergesprungen. „Ich beginne mit einem besinnlichen Stück“, erklärt Alfred Bachmann seinen Abstand haltenden Zuhörern und intoniert „Sah ein Knab ein Röslein stehn“. Passend zur Jahreszeit geht er schnell zu „Das ist der Frühling von Berlin“ über und bleibt mit „Das ist die Berliner Luft“ musikalisch in der Hauptstadt. Weiter geht es mit den Tulpen aus Amsterdam und anderen Frühlingsliedern, ehe es ihn in die Berge nach Tirol und ins Bayerische verschlägt. „Ich habe mich für Sie alle in Schale geworfen“, geht der Musiker auf sein fesches Gwand ein, das gut ankommt. „Bis zu den Socken runter stimmt alles“, meint dazu Anne-Katrin Stuth augenzwinkernd - wofür es einen Extra-Applaus gibt.

„Das ist eine tolle Idee. Eine Bewohnerin hat Tränen in den Augen. Das ist berührend“, sagt Janine Moldaschl, Leiterin der sozialen Betreuung im Henriettenstift. Die Wochen ohne die Angehörigen und Besuche sind vor allem für die Senioren nicht einfach, die im benachbarten Betreuten Wohnen leben. „Wir mussten ihnen sagen: Ihr dürft nicht mehr kommen. und unsere Freizeitangebote nutzen. Das ist uns unendlich schwer gefallen“, sagt sie.

Derweil ist Alfred Bachmann beim lustigen Zigeunerleben angekommen, bei dem viele mitsingen. Der Chor wird noch vielstimmiger bei „Muss i denn zum Städtele hinaus“. Es folgt der Schneewalzer, der quasi alle mitreißt, und mit „Servus pfüat Gott und auf Wiederseh‘n“ von Karl Moik ewwndet das einstündige Hofkonzert. „Die Lederhose ist super“, ruft eine Bewohnerin aus dem ersten Stock, ein anderer fordert für den singenden Akkordeonspieler ein Bier zur Stärkung an. „Ich bin zum Sanwaldgaukler geworden“, ruft Alfred Bachmann zum Abschied den Bewohnern zu, denen er eine schöne Abwechslung an diesem sonnigen Nachmittag geboten hat.

(Hobby-)Musiker und andere Künstler dringend gesucht

„Wegen des Besuchverbots können wir seit über einem Monat leider nicht mehr in die stationären Einrichtungen rein“, bedauert Anne-Katrin Stuth. Der klassische Besuchsdienst fällt somit komplett flach. Eine Ende dieser Zwangspause ist derzeit nicht absehbar, deshalb geht sie davon aus, dass die Hof- und Gartenkonzerte mehr oder weniger ihr Jahresprogramm wird.

„Wir brauchen deshalb dringend Musiker. Wichtige Voraussetzung: eine gewisse Lautstärke“, nennt sie ihre Wünsche. Ansonsten ist sie für alles offen und für jedes Angebot dankbar. „Das müssen keine Profimusiker sein, sondern Menschen, die Spaß haben, andere ehrenamtlich musikalisch zu unterhalten. Es geht hier nicht um Konzertmusik“, erklärt Anne-Katrin Stuth.

Die gibt es kommende Woche trotzdem. Eine Profimusikerin spielt mit einem Kollegen für ihre Großmutter vor einem Seniorenheim. Auch ein Gitarrist hat sein Engagement schon zugesagt. Melden können sich bei Anne-Katrin Stuth beispielsweise Familien, ein oder mehrere Musikanten - die natürlich den gebührenden Abstand einhalten. Gespielt wird, wo es architektonisch möglich ist - sprich, die Bewohner auch die Musik aus ihren Zimmern hören können. „Es muss auch niemand eine Stunde lang spielen. Lieber eine Viertelstunde Unterhaltung als gar keine“, ist sie pragmatisch. Es können sich aber auch Jongleure oder andere Künstler melden unter der Telefonnummer 0 70 21/73 69 69, oder der E-Mail-Adresse besuchsdienst@sanwald-stiftung.de. ih

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