Kirchheim

Scheufelen meldet Insolvenz an

Hiobsbotschaft Die Lenninger Papierfabrik steht vor einer schwierigen Herausforderung. Hoffnungslos scheint die Lage jedoch nicht zu sein. Geschäftsführung und Betriebsrat setzen auf das innovative Graspapier. Von Iris Häfner

Scheufelen Luftbild SommerLuftbild, Luftaufnahme, honorarpflichtig
Scheufelen Luftbild SommerLuftbild, Luftaufnahme, honorarpflichtig

Wenige Tage nach der traditionsreichen Papierfabrik Feldmühle Uetersen musste nun auch die Papierfabrik Scheufelen gestern beim Amtsgericht Esslingen einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens stellen. Als Hauptgrund für die finanzielle Schieflage nennt Dr. Ulrich Scheufelen, langjähriger geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens, die hohen Zellstoffkosten, die 40 Prozent ausmachen. „Die sind in den vergangenen zwölf Monaten um über 20 Prozent gestiegen, der Papierpreis ist jedoch gleich geblieben“, sagt Ulrich Scheufelen. Wegen der Digitalisierung gibt es eine Überproduktion.

Die Löhne und Gehälter der 340 Scheufelen-Mitarbeiter sind für die nächsten drei Monate gesichert. „Das Insolvenzausfallgeld übernimmt die Agentur für Arbeit. Wir hoffen deshalb, in dieser Zeit in die Gewinnzone zu kommen“, ist Scheufelen zuversichtlich.

Kaum war die Insolvenz publik, meldeten zwei Investoren Interesse an. „Die Belegschaft wird leiden müssen. Investoren sind schärfere Rechner - wir Mittelständler entlassen nicht so gerne“, ist sich Ulrich Scheufelen bewusst.

Es besteht jedoch durchaus Grund zur Hoffnung, dass die Firma in anderer Form weiter existiert und zumindest ein Teil der Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz behalten kann. „Der Verpackungsmarkt wächst gigantisch“, erklärt der aktuelle Geschäftsführer Stefan Radlmayr. Deshalb ist die Firma verstärkt in diesem Sektor aktiv. Im Geschäftsjahr 2016 wurde unter der Marke phoenolux ein hochweißer Zellstoffkarton für Luxus- und Premiumverpackungen in den Markt eingeführt und ein neuer Kundenkreis erschlossen. „Wir wollen, dass das Unternehmen mittel- und langfristig im Verpackungsbereich in die Spitzenposition kommt“, ist Stefan Radlmayr zuversichtlich, dass dies gelingt. Jetzt, am Ende des Prozesses, ist dem Unternehmen jedoch „die Luft ausgegangen“.

Da Scheufelen bisher aber überwiegend Hersteller gestrichener Premium- und Bilderdruckpapiere war, muss die Firma dazulernen. „Um Know-how nach Lenningen zu bringen, haben wir den Packaging Campus gegründet. Wir arbeiten mit dem Fraunhofer Institut und mit strategischen Partnern zusammen“, erklärt der Firmenchef. Der Geschäftsbetrieb der Packaging Campus Lenningen GmbH ist von der Insolvenz nicht betroffen.

Schon heute soll der Insolvenzverwalter seinen ersten Arbeitstag in Oberlenningen haben und für die Zukunft des Unternehmens arbeiten. Scheufelen kann mit seinem Graspapier auftrumpfen. Auf diese Sparte setzt auch der Betriebsratsvorsitzende Mehmet Simsek. „Jetzt sind wir in der Planinsolvenz. Es geht um den Standort Lenningen und ich bin zuversichtlich, dass es mit dem Graspapier möglich ist, ihn zu sichern“, sagt er. Unabhängig von Massenprodukten könne man es etablieren. „Das ist unsere Hoffnung und Chance - die müssen wir nutzen. Der Nachhaltigkeitsgedanke wird immer wichtiger. Die Diskussion um die Plastikvermüllung kommt uns entgegen“, erklärt Mehmet Simsek.

Das Gras für das Papier wächst auf stillgelegten Flächen. „Das Landwirtschaftsministerium hat die Flächen errechnet, die in einem Umkreis von 60 bis 70 Kilometer von Lenningen brach liegen“, sagt der Betriebsratsvorsitzende. Auch der Bauernverband ist mit im Boot. Das Gras wird auf der Wiese getrocknet und dann in Ballen gepresst zur Papierfabrik gefahren.

Scheufelen Graspapier zeichnet sich durch die Verwendung von mindestens 40 Prozent getrockneten, nicht chemisch aufgeschlossenen Grasfasern mit einem Wachstumszyklus von wenigen Monaten aus. Das Graspapier beziehungsweise der dafür verwendete neue Rohstoff Graspellets wurden nach verschiedenen Auszeichnungen 2017 nun auch bei der Fruit Logistica Messe in Berlin im Februar sowie bei den Green Tec Awards im Mai jeweils für Innovationspreise für nachhaltige Verpackungslösungen nominiert. Interesse an dem Produkt haben schon mehrere große Lebensmittelkonzerne bekundet. „Das wären Riesenabnehmer“, sagt Mehmet Simsek.

Im Geschäftsjahr 2017 erlöste das Unternehmen einen Umsatz von 83 Millionen Euro und produzierte 104 000 Tonnen Papier.

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