Kirchheim

Schiedsrichter darf nicht die Waage sein

Wenn das Essen einen höheren Stellenwert einnimmt als das Leben selbst, muss sofort gehandelt werden

36 Kilo, mehr darf nicht sein! – Immer mehr Menschen leiden an Essstörungen. Die Selbsthilfegruppe in Kirchheim bietet Hilfe für Betroffene.

Immer mehr Menschen verfallen dem Diätwahn, der dann zur Essstörung wird. Das einzige, was dann zählt, sind die Zahlen auf der W
Immer mehr Menschen verfallen dem Diätwahn, der dann zur Essstörung wird. Das einzige, was dann zählt, sind die Zahlen auf der Waage. Foto: Jean-Luc Jaques

Kirchheim. Ein Blick auf den Wecker. Es ist 6 Uhr, also wieder mal Zeit den Tag hinter sich zu bringen. Eine Banane mit 96 Kalorien, ein Apfel mit 68 Kalorien oder einfach gar kein Frühstück? Es wird wahrscheinlich wie so oft die letztere Variante sein. Dann geht es auf den Weg ins Badezimmer, zu dem wohl meistgehassten Objekt der Wohnung: der Waage, dem Schiedsrichter des Lebens. Die dicken schwarzen Zahlen auf der Anzeige bestimmen nun, wie der Tag beginnt, mit einem glücklichen Lächeln oder tiefstem Selbsthass. So oder ähnlich sieht der Tag aus mit dem ständigen Begleiter, der Magersucht.

Los geht nun das Schauspiel: Freunde und Verwandte im Glauben lassen, alles sei in Ordnung, Mittagessen in der Schule oder in der Arbeit aus dem Weg gehen und ja keine Schwäche zeigen. Hier regelt nichts anderes als das Essen den Tagesablauf. Täuschungen, Ausreden und Lügen folgen Tag für Tag, Monat für Monat und Jahr für Jahr.

Magersucht ist nur eine von vielen Essstörungen, die allgegenwärtig sind. Esssucht, Magersucht, Bulimie, Binge Eating, die Liste ist lang. Was all diese Krankheiten gemeinsam haben: Sie sind lebensbedrohlich. Auch die Gründe für eine Essstörung sind meistens gleich: familiäre Probleme oder Probleme in der Kindheit. Denn wie die Beratungsstelle der Selbsthilfegruppe für Menschen mit Essstörungen in Kirchheim mitteilt, ist jeder im Grunde in sich stabil und lässt sich nicht so einfach beeinflussen. Doch durch Probleme und Streitigkeiten innerhalb der Familie wird diese Stabilität gebrochen.

Haben sie einmal an Selbstbewusstsein, Eigenliebe und Stärke verloren, sind Menschen mit Essstörungen besonders anfällig für Einflüsse von außen. Ein Blick in die Modemagazine offenbart: Schön ist derjenige, bei dem das Schlüsselbein hervorsteht und die Oberschenkel beim Laufen ja nicht aneinander reiben. Auch in der Selbsthilfegruppe für Menschen mit Essstörungen ist man sich bewusst, dass die Gesellschaft zu diesen psychischen Krankheiten beiträgt. Weibliche Rundungen sind kaum noch zu finden. Während Marilyn Monroe Konfektionsgröße 42 trug, und auch Sophia Loren und Grace Kelly mit ihren Rundungen begeisterten, können die Taillen heutzutage nicht schmal genug sein.

Doch dann gibt es wiederum das andere Extrem, die Esssucht. Während andere Kalorien zählen, müssen Esssüchtige erst gar nicht damit anfangen, denn das ist hier vergebens. Wer als Kind nie gelernt hat, sich gesund und bewusst zu ernähren, der fängt auch im Alter nicht mehr damit an. So wandern abertausende Kalorien in den Körper, so wie die Kilos auf die Hüften.

Frauen sind bezüglich ihres Essverhaltens immer leichter zu beeinflussen. Dennoch steigt auch die Zahl der Männer, die an einer Essstörung leiden. In der Selbsthilfegruppe für Betroffene waren in den letzten vier Jahren nur zwei Männer. Doch für die Mitarbeiter ist das kein Wunder, da Männer ein sehr hohes Schamgefühl besitzen, wenn es um psychische Probleme wie Essstörungen geht.

Doch was kann man tun, wenn man merkt, sein Kind entwickelt eine Essstörung? Es zwingen sich helfen zu lassen? Für die Beratungsstelle der Selbsthilfegruppe ist das die falsche Methode, denn der Betroffene muss von sich aus nach Hilfe suchen. Natürlich kann der Druck von außen als Anstoß dienen, jedoch: Wer nicht aus eigenem Willen kommt, der zieht die Therapie auch nicht durch. Die erste Anlaufstelle für besorgte Eltern ist auf jeden Fall eine Beratungsstelle. Der Betroffene jedoch sollte eine Selbsthilfegruppe besuchen.

Eine Essstörung ist eine Krankheit mit vielen Zahnrädern. Hier treffen die unterschiedlichsten Probleme aufeinander. Jedes dieser Zahnräder versucht die Selbsthilfegruppe zu identifizieren. Sind die einzelnen Probleme dann auf dem Tisch, redet die Gruppe gemeinsam darüber. Manchen reicht die wöchentliche Sitzung völlig aus, andere wiederum brauchen professionelle Hilfe. Für diese Menschen ist der nächste Schritt die Therapie. Denn je länger die Essstörung das Leben der Betroffenen beherrscht, desto wichtiger ist eine Therapie.

Therapeutische Hilfe ist der Schritt in ein neues Leben, ein gesundes Leben. Denn das Gerücht, man könne nicht mehr leben, wie vor der Essstörung, ist falsch. Ganz im Gegenteil: Auch wenn das Essen nicht mehr so unproblematisch sein wird, wie es sein sollte, kann man lernen damit umzugehen. Doch Grundvoraussetzung ist: Man muss bereit sein, etwas zu ändern.

Die Selbsthilfegruppe für Menschen mit Essstörungen trifft sich jeden Donnerstag um 18 Uhr im Mehrgenerationenhaus Linde in Kirchheim. Telefonisch erreichbar ist die Gruppe unter den Nummern 0 70 21/7 63 71 und 0 15 78/9 71 26 41 oder der E-Mail Adresse michaschorpp@web.de.

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