Kirchheim

Schrauben gegen den Neid

Die Fahrradwerkstatt vom Weilheimer AK Asyl ist für den Ehrenamtspreis 2016 nominiert

Direkt am Lindachufer schrauben sieben Männer jeden Montagabend an Rädern für Flüchtlinge und andere Bedürftige. In der Flüchtlingsarbeit sind sie kaum mehr wegzudenken.

Rudolf Hanov eilt einem togoischen Flüchtling zu Hilfe: Das Schutzblech will und will einfach nicht halten. Fotos: Carsten Riedl
Rudolf Hanov eilt einem togoischen Flüchtling zu Hilfe: Das Schutzblech will und will einfach nicht halten. Fotos: Carsten Riedl

Weilheim. „Fast wie neu!“, ruft einer der Kunden den Männern noch zu, als er im Licht der Straßenlaternen anfängt, schneller in die Pedale zu treten und in Richtung Rathaus davonradelt. Ralf Stüber und seine Kollegen gucken ihm lachend nach. Der Togoer, der seit über einem Jahr mit 98 Flüchtlingen im Weilheimer Containerdorf wohnt, hatte seit Stunden an seinem Schutzblech getüftelt. Das Fahrrad ist eins von 168 Rädern, die die Ehrenamtlichen der Fahrradwerkstatt schon angenommen, repariert, schick gemacht und weiterverkauft haben. Jeden Montagabend ab 19 Uhr brennt im Werkstattschuppen an der Lindachstraße das Licht. In Weilheim ist die Fahrradwerkstatt längst eine Institution.

Der Togoer ist weg, doch die Arbeit geht weiter. Vor der Werkstatt, von den Flüchtlingen liebevoll „Bike-Shop“ genannt, versammeln sich jedes mal Menschentrauben. Manche stehen Schlange, manche schrauben selbst mit. Mit Aufträgen und Nachfragen kommen die Ehrenamtlichen der Fahrradwerkstatt kaum noch hinterher. Viele von ihnen kommen auch an anderen Tagen nach Feierabend in die Werkstatt, um noch ein bisschen zu schrauben. „Davon wird unser Teller doch auch nicht leer“, sagt Rudolf Hanov – einer von ihnen. „Die Zeit für gute Taten hat doch jeder. Man muss nur die richtigen Prioritäten setzen“, fügt Stüber hinzu. An einem schönen Sommerabend wie diesem fällt es leicht, sich vorzustellen, wieso die Priorität der Männer am Weilheimer Lindachufer liegt: Die vollgestellte Garage wird zu einer kleinen Oase des Alltags. Helfen kann so einfach sein.

Zwischen dunklen Wänden und tiefen Decken stehen rund 20 Räder, die noch keinen Abnehmer gefunden haben. Der Nachschub kommt jedoch ständig. Sachspenden sind die unverfänglichste Art, jemandem zu helfen, haben die Ehrenamtlichen festgestellt. Die Quellen der Weilheimer scheinen unerschöpflich. Noch nach über einem Jahr wird jede Woche geliefert. Besonders Menschen, die selbst Fluchterfahrungen haben, tun sich leicht, etwas zu geben.

Die richtigen Schmuckstücke rückt die Fahrradwerkstatt für 50 Euro raus. Weniger schmucke Räder schon für einen Zehner. Verkehrstauglich sind sie alle. An die gespendeten Fahrräder werden Ersatzteile montiert, bis sie allen Vorschriften der Straßenverkehrsordnung entsprechen. Dann werden sie gefahren – bis zum Zusammenbruch. Für viele Flüchtlinge sind die Fahrräder Gold wert. Dementsprechend werden sie auch genutzt.

Denn die Weilheimer Flüchtlingsunterkunft liegt weit ab vom Stadtzentrum, an der Nordseite des Egelsbergs. Es ist ein Dorf aus 33 Containern – Schlafplätze für 99 Männer, die im Sommer 2015 in Weilheim angekommen sind. Ohne Fahrrad wären sie aufgeschmissen – und noch abgeschnittener von der Weilheimer Gesellschaft, als sie es eh schon sind. Als die Männer ankamen, hatten sich schnell Ängste in der Bevölkerung gebildet. „Viele meinten, da kommen jetzt hundert Schwarze, die unsere Kinder aufessen“, erinnert sich Stüber. Die Lage hat sich etwas beruhigt.

Einige der Asylbewerber haben Jobs gefunden oder ihre Familien nachgeholt. Trotzdem gibt es Vorbehalte – Neid oder Argwohn. Auch deshalb sagt die Fahrradwerkstatt deutlich: „Wir geben Fahrräder an alle raus.“ Egal, ob Flüchtlinge oder Weilheimer. Es muss sich niemand rechtfertigen. Bedürftige sollen nicht gegen Bedürftige ausgespielt werden.

Fahrradwerkstatt Weilheim Flüchtlinge
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