Kirchheim

Schwäbisch dominiert die Sommernacht

Mundart Zum Film „Laible & Frisch – Do goht dr Doig“ präsentierte sich der Schauspieler, Schriftsteller und Humorist Winfried Wagner live in Kirchheim. Von Andreas Volz

Von der ersten Sekunde an zog Winfried Wagner am Samstag das Publikum auf dem Kirchheimer Martinskirchplatz in seinen Bann: Schw
Von der ersten Sekunde an zog Winfried Wagner am Samstag das Publikum auf dem Kirchheimer Martinskirchplatz in seinen Bann: Schwäbisch war die Sprache des Abends.Foto: Mirko Lehnen

Ganz großes Kino in Kirchheim: Am Samstag war der Martinskirchplatz das (Epi-)Zentrum des Schwabentums. Über die Leinwand flimmerte der Kinofilm „Laible & Frisch - Do goht dr Doig“, und eine Stunde vor Filmbeginn sorgte Laible-Darsteller Winfried Wagner mit Live-Unterhaltung in schönstem Schwäbisch für beste Stimmung auf dem Sommernachtskino-Areal.

Treffsicher setzte Winfried Wagner eine Pointe nach der anderen, und das Publikum quittierte es mit dankbarem und befreitem Lachen. „Comic relief“ - eben diese Befreiung durch das Lachen - ist nicht nur im Film ein gängiges Stilmittel. Auch der große William Shakespeare griff an ganz entscheidenden Stellen auf diese bewährte Methode zurück, Spannung durch Humor abzubauen.

Humor ist Lachen über sich selbst

Über Humor scheint Winfried Wagner in unbegrenztem Ausmaß zu verfügen. Wichtigster Bestandteil allen Humors: die Fähigkeit, sich selbst aufs Korn oder auf den Arm zu nehmen. Auch das beherrscht der Ermstäler in voll­endeter Perfektion: Immer wieder geht es in seinen Szenen, von denen er erzählt, um die große Lust am Essen und die daraus resultierenden Auswirkungen auf Aussehen und Figur.

Wenn etwa der Arzt mit bedenklicher Miene sagt, Winfried Wagner (und in diesem Fall distanziert er sich keineswegs als „lyrisches Ich“ von sich selbst) solle „wenigschtens oimål am Tag schwitza“, erwidert der Patient kurz und knapp: „Des du-r-e - beim Mittagessa.“ Tatsächlich aber dachte der Hausarzt ans Joggen.

Bei diesem Thema wird der Humor in jeder Hinsicht zum „Selbstläufer“. Kniebeugen auf dem Trimm-dich-Pfad „send meine Knui von mir et g‘wöhnt“. Und bei „sellem Brückle ohne G‘länder“ zeichnet sich schnell ab, wo der Weg für den Jogging-Novizen enden wird: im tiefsten Morast. Zur Beruhigung aller Tier- und Naturschützer fügt Winfried Wagner hinzu: „Krotta send koine dren g‘wea, die wo i hätt‘ vertappa könna - des war sogar dene z‘ dreckat.“ Dafür aber macht er auf dem Trimm-dich-Pfad die Bekanntschaft mit ganz anderen Tieren: Pit ond Pitty, zwei nicht näher definierten Hunden von der Gattung „Kälble“.

Das führt dann unweigerlich zu Winfried Wagners berühmtestem Stück - zum Hundeklassiker „Faschten seat“, der im Flugzeug nach Berlin permanent aus der Handtasche der Sitznachbarin „belt“. An dieser Stelle muss der Mundartautor aber immer wieder aus der Rolle fallen und historische Bezüge herstellen, gerade für die vielen jüngeren Menschen im Publikum. Und so wird aus der kurzweiligen Unterhaltungsstunde zwischendurch ein kleines Geschichtsseminar. Die Hintergründe dieses Berlinflugs hatten sich nämlich bereits 1985 zugetragen - „ond dåmåls hat‘s ja d‘ DDR no gea“. Es durften also nur ausländische Fluggesellschaften von Stuttgart nach Berlin fliegen. Kein Wunder also, dass das „belt“ nur mit einem „l“ geschrieben ist.

Gesundheitsthemen sind besonders wichtig, vor allem wenn sie mit dem Essen zusammenhängen. Und so kann es eben auch passieren, dass einen „a hondsg‘wöhnlicha Brezel“ zum Zahnarzt führt. „Zahnarzt“ wiederum gehört für Winfried Wagner zu den schlimmsten Vokabeln im deutschen Wortschatz - übertroffen allenfalls noch von „Finanzamt“. Die Beiläufigkeit, mit der er seine Geschichten erzählt, erhöht allerdings noch die Aufmerksamkeit im gebannt lauschenden Publikum. Jeder, aber auch wirklich jeder kann Schmerz und Pein im Behandlungsstuhl mitfühlen.

Bleibt das abschließende Gesundheitsthema: Schwitzen in der Sauna. In die Sauna scheint der Erzähler noch seltener zu gehen als zum Zahnarzt. So sieht er sich dort nicht nur einer wandelnden „Litfaßsäule“ gegenüber, sondern auch seinem eigenen Schamgefühl. Letzteres betrifft wieder den gesamten Menschen und nicht nur die Figur Winfried Wagner: Direkt vor Filmbeginn entschuldigt er sich deshalb beim Kirchheimer Publikum noch einmal vorsorglich für die Massageszenen in „Do goht dr Doig“ - die übrigens mehr als köstlich sind. Aber glaubhaft versichert der Schauspieler vor ausverkauftem „Haus“ in Kirchheim: „Des war fei‘ et mei Idee.“

Dem Publikum jedenfalls gefällt‘s. Es fühlt sich bestens unterhalten: Live-Auftritt und Kinofilm, alles auf Schwäbisch. Da ging nicht nur der Teig, da hat auch das Schwabenherz gebebt. Kultur vom Feinsten - dank „comic relief“.

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