Kirchheim

Seit 18 Jahren gab es nicht mehr so wenige Arbeitslose

Wirtschaft Die Lage auf dem Arbeitsmarkt war 2018 sehr gut. Handlungsbedarf gibt es bei Menschen, die keine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Von Heike Siegemund

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Symbolbild. Foto: Jean-Luc Jacques

Die Beschäftigung auf einem Allzeithoch, die Arbeitslosigkeit auf Rekordtief und die Nachfrage nach Arbeitskräften ungebrochen: Das vergangene Jahr war für den Arbeitsmarkt in den Landkreisen Esslingen und Göppingen „in all seinen Facetten sehr gut“, sagte Thekla Schlör, Chefin der Agentur für Arbeit in Göppingen, am Dienstag bei einer Pressekonferenz. Diese erfreuliche Situation habe dazu geführt, dass fast alle Personengruppen profitieren konnten und dass Arbeitssuchende sehr gute Chancen hatten, ergänzte sie.

So waren im Agenturbezirk, der die beiden Landkreise umfasst, zum Stichtag 30. Juni vergangenen Jahres 308 600 Frauen und Männer sozialversicherungspflichtig beschäftigt, 2,2 Prozent mehr als im Vorjahr und 36 000 mehr als noch im Jahr 2013. Durchschnittlich wurden der Arbeitsagentur 11 810 Stellen zur Besetzung gemeldet; das sind 9,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Arbeitskräftenachfrage liegt damit weiterhin auf sehr hohem Niveau, wie auch Geschäftsführerin Bettina Münz betonte. „Wir haben nach wie vor in vielen Feldern einen Fachkräftebedarf“, gab sie zu bedenken. Dieser werde vor allem bei den Pflegeberufen weiter steigen, und Nachwuchs lasse sich hier „nicht so einfach generieren“. Die Arbeitsagentur will deshalb hier verstärkt tätig werden und veranstaltet im Mai eine Messe zum Thema.

Rund 14 200 Menschen waren 2018 im Jahresdurchschnitt in den beiden Landkreisen arbeitslos gemeldet. Dies entspricht einem Rückgang zum Vorjahr von 7,4 Prozent. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote lag bei 3,2 Prozent (Vorjahr: 3,5). Mit Blick auf die Arbeitslosenzahl sprach Thekla Schlör vom „niedrigsten Stand seit dem Jahr 2000“ und betonte: „Das ist eine erfreuliche Entwicklung“, die man trotz des Flüchtlingszuzugs erreicht habe. Besonders freut die Agenturchefin, dass die Arbeitslosigkeit bei den Langzeitarbeitslosen um 8,4 Prozent überdurchschnittlich stark zurückgegangen war. Bei den unter 25-Jährigen sank die Arbeitslosigkeit um 8,2 und bei den Ausländern um 6,2 Prozent.

Diese Entwicklung belege, dass Unternehmen flexibler geworden seien und mehr Kompromisse bei der Auswahl ihrer Mitarbeiter eingingen, betonte Thekla Schlör. Zum anderen zeige die Arbeitsförderung der Jobcenter Erfolge.

Handlungsbedarf sehen Thek­la Schlör und Bettina Münz bei den Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Hier stieg die Zahl der Arbeitslosen im Vergleich zu 2017 um 6,2 Prozent. Diese Personengruppe machte 52 Prozent aller Arbeitslosen aus. Dabei handle es sich um viele Ausländer - „nicht nur, aber auch um Flüchtlinge“, sagte die Agenturchefin. Diese Menschen zu qualifizieren, sei wichtig. „Wo Qualifikation fehlt, ist Qualifizierung die Antwort.“ Die Menschen auf das Nachholen eines Berufsabschlusses vorzubereiten, sei eine Herausforderung - vor allem mit Blick auf die Sprachbarriere, aber auch auf die Motivation mancher Betroffenen. Qualifizierung finde aber nicht nur bei Arbeitslosen statt, fügte sie hinzu. Es gehe auch um einen präventiven Ansatz, um die Beratung von Unternehmen bei der Qualifizierung ihrer Mitarbeiter, um diese fit für die Zukunft zu machen. Hier verwies Bettina Münz auf das Qualifizierungschancengesetz, das erweiterte Möglichkeiten biete. Neu sei auch das Teilhabechancengesetz, bei dem Langzeitarbeitslose bei der Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit unterstützt werden. In den ersten Jahren werden die Lohnkosten zu einem großen Teil übernommen, und der Arbeitnehmer erhält eine „beschäftigungsbegleitende Betreuung“. Wichtig sei, diese Möglichkeit nur auf die „schwierigen Fälle“ zu begrenzen, sagte Bettina Münz.

Ein weiterer Punkt, mit dem sich die Arbeitsagentur in Zukunft verstärkt beschäftigt, ist „die Attraktivität der Berufsausbildung deutlich zu machen“. Weil es Veränderungen in der Schullandschaft gebe, will die Agentur stärker an Gymnasien präsent sein. Man müsse jungen Leuten verdeutlichen, welche Entwicklungsmöglichkeiten eine Ausbildung biete, verdeutlichte Bettina Münz. „Es ist nicht automatisch so, dass man mit Studienabschluss mehr verdient“, ergänzte Thekla Schlör. Was das Einkommen anbelangt, dauere es oft Jahrzehnte, bis man den Vorsprung anderer, die eine Ausbildung absolvierten, aufgeholt habe.

Übersicht zur Arbeitsmarktsituation

Im Kreis Esslingen lag die Arbeitslosenquote im vergangenen Jahr bei 3,1 Prozent und im Kreis Göppingen bei 3,4 Prozent. Die Göppinger Arbeitsagentur investierte insgesamt rund 55 Millionen Euro, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder zu beenden; für das Arbeitslosengeld und Sozialversicherungsbeiträge gab sie 123 Millionen Euro aus.

Mit Blick auf das laufende Jahr sagte Thekla Schlör: Nach Einschätzung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung verliere der Aufschwung am Arbeitsmarkt zwar etwas an Tempo; trotzdem habe das Institut „auch für 2019 den Abbau der Arbeitslosigkeit und Beschäftigungswachstum vorausgesagt“, betonte die Agenturchefin.

Zum Thema „Pflege (er)leben - Berufe nah am Menschen“ veranstaltet die für die Kreise Göppingen und Esslingen zuständige Agentur für Arbeit am Mittwoch, 22. Mai, von 10 bis 18 Uhr eine Messe im Uditorium in Uhingen. Die Veranstaltung rund um Pflegeberufe richtet sich an Unternehmen und Interessierte aus den Landkreisen Esslingen und Göppingen. hei

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