Kirchheim

Senioren auf der Überholspur

Verkehr Auch ältere Menschen wollen im Auto sicher unterwegs sein. Die Verkehrswacht Neuffen-Teck bietet deshalb seit diesem Jahr ein spezielles Training für diese Gruppe an. Von Daniela Haußmann

Irma Stauch ist topfit. Die lebensfrohe Rentnerin sitzt gerne am Steuer ihres Kleinwagens. So lange sie denken kann, war sie immer viel auf der Straße unterwegs. Jahrzehntelang pendelte sie mit ihrem Wagen zur Arbeit. Seit ein paar Jahren ist die Plochingerin im Ruhestand. „So viele Kilometer wie früher lege ich im Auto nicht mehr zurück“, erzählt sie. Trotzdem ist der fahrbare Untersatz für Irma Stauch und andere Senioren ein wichtiger Teil ihres Lebens. Freunde besuchen, Einkaufen gehen, Termine beim Arzt oder Physiotherapeuten wahrnehmen - Mobilität ist vor allem im ländlichen Raum auch für ältere Menschen ein zentrales Thema. Schließlich ist mit ihm immer die Frage nach einem selbstständigen Leben verbunden.

Stauch tritt das Gaspedal durch. Ihr kleiner, hellgrüner Wagen beschleunigt. „Jetzt!“, tönt es aus dem Walkie-Talkie in der Seitenablage. Die 70-Jährige drückt das Bremspedal voll durch. Nur wenige Meter, das Fahrzeug steht. „Toll gemacht“, lobt Christa Faiß von der Verkehrswacht Neuffen-Teck. Kurz darauf rollt das der Pkw von Irma Stauch rückwärts in eine mit Hütchen angedeutete Parklücke. Ein Blick über die Schulter, die Straße ist frei und die Plochingerin setzt ihre Fahrt auf dem Sielminger Verkehrsübungsplatz fort. Irma Stauch hat sich ganz bewusst für das Seniorentraining entschieden. „Wann bietet sich schon die Chance, eine Vollbremsung zu üben oder Tipps von Experten zu bekommen?“, meint die Rentnerin.

Unter Anleitung auf dem Übungsplatz Fahrmanöver zu trainieren oder den eigenen Fahrstil zu analysieren, ist aus Sicht der 70-Jährigen sinnvoll. „Das zeigt mir, wo ich stehe und gibt mir Sicherheit, wenn ich am Steuer sitze“, erklärt sie ihre Motivation. Beweggründe, die Christa Faiß versteht. Für die Fahrsicherheitstrainerin ist nicht entscheidend, welches Alter ein Fahrer mitbringt: „Entscheidend für eine unfallfreie Teilnahme am Straßenverkehr ist der aktuelle Gesundheitszustand und die Fähigkeit, Risiken, die beim Bewegen eines Fahrzeugs auftreten können, richtig einzuschätzen.“

Die am meisten gefährdeten und zugleich gefährlichsten Verkehrsteilnehmer sind nach Angaben der Deutschen Verkehrswacht männliche Fahrer zwischen 18 und 24 Jahren. 2015 gehörte dem Statistischen Bundesamt zufolge jeder fünfte Autofahrer, der einen Zusammenstoß mit Personenschaden verschuldete, dieser Altersgruppe an, während von den 65- bis 74-Jährigen nur jeder dreizehnte einen solchen Crash verursachte. Das gleiche Ergebnis weist die Statistik für Fahrer aus, die 75 Jahre und älter sind. Ab dem 70. Lebensjahr nimmt dem ADAC zufolge der prozentuale Anteil der Autofahrer als Unfallverursacher bezogen auf ihre Fahrleistung zu, erreicht in der absoluten Größe jedoch nicht die Zahl der jungen Fahranfänger.

Mit zunehmendem Alter verändern sich laut Christa Faiß die körperlicher Fähigkeiten. „Die Einschränkungen, die sich da­raus ergeben, werden von älteren Fahrern kompensiert“, berichtet die Expertin und nennt Beispiele: „Manche meiden den Berufsverkehr, andere ziehen die Landstraße der Autobahn vor oder suchen sich zum Einparken einfach größere Lücken.“ Alles legitim. Schließlich ist auch unter deutlich jüngeren Fahrern noch kein Meister vom Himmel gefallen, wie Reinhard Richter bemerkt.

„In jeder Altersklasse gibt es“, nach Meinung des Trainers, „gute und schlechte Fahrer.“ Entscheidend ist die Fahrleistung und die sich daraus ergebende Routine.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben laut Richter ergeben, dass bei einer jährlich zurückgelegten Mindeststrecke von 3 000 Kilometern auch bei Senioren das Unfallrisiko nicht höher ausfällt als bei jüngeren Personen, die ein durchschnittliches fahrerisches Können aufweisen. Außerdem sind viele Rentner auch im fortgeschrittenen Alter noch aktiv, treiben Sport und halten sich so körperlich fit. „Die Fahrkompetenz an einem Lebensjahr festzumachen, greift daher zu kurz“, bilanziert Christa Faiß.

Wenige Meter weiter hat Reinhard Richter zwei Reihen von Hütchen im Abstand von 50 Zentimetern aufgestellt. Für Irma Stauch kein Problem. Sie kennt die Breite ihres Wagens und weiß wo die Räder sitzen. Langsam rollt sie erst mit der linken und dann mit der rechten Fahrspur über die von den roten Kegeln begrenzten Fläche. Im Gegensatz zu anderen Teilnehmern bleiben bei der 70-Jährigen alle der rund zehn Zentimeter hohen Pylonen stehen. Die Plochingerin ist vom Seniorentraining so begeistert, dass sie bald auch ein normales Fahrsicherheitstraining besuchen will: „Ich habe jede Menge gelernt.“ Reinhard Richter betont, dass es bei der viereinhalbstündigen Veranstaltung überhaupt nicht darum geht, Senioren ihren Führerschein wegzunehmen. „Auch ältere Menschen sollen sicher am Straßenverkehr teilnehmen. Dazu soll das Training einen Beitrag leisten“, erklärt der Experte, der Menschen ab dem Alter von 68 Jahren zur Anmeldung einlädt.

Der Weg zum Sicherheitstraining für Senioren

Die Teilnahme am Seniorentraining der Verkehrswacht Neuffen-Teck kostet 50 Euro. Im Verlauf von viereinhalb Stunden bietet die Schulung jedem Teilnehmer die Chance, sein eigenes fahrerisches Können zu analysieren, Verbesserungspotenziale zu erkennen und auch ganz konkrete Hilfestellungen anzusprechen. Wer beispielsweise mehr über Fahrassistenzsysteme erfahren will und noch Tipps zu ihrer bedarfsorientierten Auswahl beim Fahrzeugkauf benötigt, der kann sich im Rahmen des Seniorentrainings an die Experten wenden. Ob Abstandswarner, Rückfahrkamera, Totwinkel-Assistent oder Notbremsassistent - die Fahrsicherheitstrainer der Verkehrswacht Neuffen-Teck geben gerne Auskunft in allen Fragen rund um Auto und Verkehr.dh

Weitere Infos gibt es unter der Internetadresse www.vwnt.de.

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