Kirchheim

„So etwas habe ich noch nicht erlebt“

Proteste Patric und Laureen Clewing aus Weilheim leben mit ihren Kindern bei Portland im US-Bundesstaat Oregon. Wie überall auf der Welt gehen auch dort Menschen nach dem Tod George Floyds auf die Straßen. Von Antje Dörr

Portland ist das Hamburg der Vereinigten Staaten. Hip, jung, demokratisch, weltoffen. Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd, der bei einem brutalen, offenbar rassistisch motivierten Polizeieinsatz ums Leben kam, demonstrierten und demonstrieren in Portland Tausende von Menschen, teils friedlich, teils gewaltsam.

Selbst im kleinen Städtchen Sherwood, der Wahlheimat von Patric und Laureen Clewing, die 2018 mit ihren beiden Kindern aus Weilheim in die USA gezogen sind, sind Menschen auf die Straße gegangen. Obwohl die Proteste in der 20 000-Einwohner-Gemeinde friedlich geblieben sind, hätten sich Ladenbesitzer offenbar auf das Schlimmste eingestellt, berichtet Patric Clewing: „Als ich um 20 Uhr rausgehen wollte, um eine Milch zu kaufen, hatten alle Geschäfte schon geschlossen.“ Um 17 Uhr hätten die Ladenbesitzer offenbar dichtgemacht, aus Furcht vor Krawallen - ungewöhnlich in einem Land, in dem Kunden meist bis Mitternacht einkaufen können.

Auch Patric Clewing hat der Tod George Floyds erschüttert. „Grauenhaft“ nennt Clewing das Video, das zeigt, wie ein Polizist rund neun Minuten lang mit seinem Knie auf Floyds Hals drückt, obwohl der immer wieder „I can’t breathe“ ruft. „Solch einen Fall von Polizeigewalt, und auch solche Demonstrationen habe ich in der Zeit, in der wir hier wohnen, noch nicht erlebt“, sagt der Weilheimer, der für für ein süddeutsches Unternehmen zeitweise in den USA arbeitet.

Die Wut der Menschen, besonders der Afroamerikaner, wundert ihn nicht. Er sieht die Proteste in einem größeren Zusammenhang. „Es geht nicht nur darum, dass ein Schwarzer durch einen rassis­tisch motivierten Polizisten getötet wurde“, sagt Clewing. Viele fühlten sich chronisch diskriminiert, und dann komme noch eine Gesundheitskrise dazu. 40 Millionen Amerikaner hätten während der Pandemie ihren Job verloren, darunter seien überproportional viele Afroamerikaner. „Dann stehen sie ohne Job und Krankenversicherung da und können ihre Familien nicht mehr ernähren“, sagt Clewing.

Während die Benachteiligung schwarzer Menschen in vielen Teilen der USA offensichtlich ist, bekommt Patric Clewing davon in Sherwood selbst nichts mit. Das liege jedoch schlicht daran, dass es bei ihnen kaum Schwarze gebe. „Ich kann nicht behaupten, dass ich jeden Tag einen Afroamerikaner sehe“, sagt Clewing.

Die Proteste gegen Rassismus überziehen die ganzen USA. Das Land zeigt sich gespalten.Foto: picture alliance/dpa
Die Proteste gegen Rassismus überziehen die ganzen USA. Das Land zeigt sich gespalten.Foto: picture alliance/dpa

In der Kleinstadt sind laut US-Census tatsächlich nur 0,1 Prozent der Bevölkerung Schwarze, in Portland sind es kaum mehr. Im gesamten Bundesstaat Oregon sind Afroamerikaner ebenfalls stark unterrepräsentiert und machen nur 2,2 Prozent der Bevölkerung aus. Zum Vergleich: In den gesamten USA sind 13,4 Prozent der Menschen Afroamerikaner. Dass in Oregon so wenige Schwarze leben, ist allerdings kein Zufall, sondern wird als eine langfristige Folge der „black exclu­sion laws“ (deutsch: Gesetze zum Ausschluss Schwarzer) gedeutet, einer Reihe von Gesetzen, die ab 1844 verhindern sollten, dass Sklaven und deren Nachkommen sich im US-Staat Oregon niederließen. Auch das liberale und demokratische Oregon ist somit von Rassismus geprägt.

Patric Clewing fürchtet, dass nach dem Tod George Floyds die ohnehin gespaltene US-Gesellschaft noch weiter auseinanderklafft. „Hier gibt es nur arm oder reich, rechts oder links, Republikaner oder Demokraten“, sagt Clewing. Wohin die Reise für die USA nach den Präsidentschaftswahlen geht, wird die Familie in den Medien verfolgen müssen: Ende 2020 kehren Patric und Laureen Clewing mit ihren Kindern nach Weilheim zurück.

Die Weilheimer Patric und Laura Clewing leben mit ihren Kindern vorübergehend in den USA. Foto: pr
Die Weilheimer Patric und Laura Clewing leben mit ihren Kindern vorübergehend in den USA. Foto: pr
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