Kirchheim

„So etwas habe ich noch nicht erlebt“

Wirtschaft Die Reisebranche leidet durch die Corona-Krise unter einem beispiellosen Einbruch. Doch es gibt auch erste Zeichen der Besserung. Von Thomas Zapp

Beratung hinter Plexiglas: Robin Straub hat sein First-Reisebüro in der Kornstraße in Kirchheim derzeit zwei Mal pro Woche geöff
Beratung hinter Plexiglas: Robin Straub hat sein First-Reisebüro in der Kornstraße in Kirchheim derzeit zwei Mal pro Woche geöffnet. Foto: Jean-Luc Jacques

Weder die Thomas-Cook-Pleite noch das Air-Berlin-Aus und auch nicht der 11. September haben die Reisebranche so stark getroffen wie das Corona-Virus. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt Enrico Lehmann vom Kirchheimer Unternehmen Reisewelt. Nach dem totalen Reisestopp im März tröpfeln zwar wieder Anfragen rein, aber vor allem für das kommende Jahr. Den Umsatz durch die Vermittler-Kommission gibt es daher auch erst 2021. Ansonsten ist er mit Stornierungen beschäftigt. „Das ist sehr ermüdend, vor allem, wenn man die Veranstalter nicht erreicht. Wir sitzen zwischen den Stühlen“, sagt Lehmann. Bis zum Jahresende schätzt er seinen Umsatzverlust auf 85 Prozent.

Bei seinen Kollegen sieht es nicht besser aus. „In den letzten Monaten bestanden unsere Hauptaufgaben darin, gestrandete Gäste wieder sicher nach Hause zu bringen sowie die bestmöglichen Lösungen für Umbuchungen, Rückerstattungen, Reklamationen oder auch Stornierungen unserer Kunden zu finden“, sagt Robin Straub von First-Reisen in Kirchheim.Momentan herrscht in der Branche vor allem eins: Verunsicherung. Deshalb wollten auf Anfrage auch nicht alle mit dem Teckboten sprechen. „Was heute gilt, kann morgen schon falsch sein“, bringt es Sylvia Martin vom TUI-Reisebüro am Postplatz in Kirchheim auf den Punkt. Das wirkt sich auch auf die Kundschaft auf. „Viele sind abgeschreckt von den sich ständig ändernden Masken- und Hygienevorschriften und neu ausgewiesenen Risikogebieten“, berichtet Robin Straub. Das betreffe insbesondere Flugreisen. Der Büroleiter des First-Reisebüros in Kirchheim war Anfang Juni mit seiner Frau noch zum Pilot-Projekt auf Mallorca, als man die ers­ten Touristen wieder auf die Insel ließ, und war sehr angetan. „Von wirklichen Einschränkungen haben wir nichts gemerkt.“

Doch nun ist auch auf Mallorca wieder alles anders, die Insel gilt aktuell als Risikogebiet. Deswegen kann man zwar trotzdem dort hinfliegen, kann während des Urlaubs aber überrascht werden. „Vor ein paar Tagen hat ein Hotel dort geschlossen“, erzählt Sylvia Martin, die sich dann um Rückkehrer kümmerte. Ihr Tipp: Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte eine Pauschalreise buchen, da stimmt sie mit Robin Straub überein. „Im Pauschalreiserecht ist man deutlich besser abgesichert, als wenn die Reise über verschiedene Veranstalter separat gebucht wird“, sagt Robin Straub. Denn sollte auch kurzfris­tig eine Reisewarnung für das gebuchte Land ausgesprochen werden, bieten die Veranstalter oft Umbuchungsmöglichkeiten oder kostenlose Stornierungen an. „Das Geld ist sicher und die Sorge etwas geringer“, sagt er. Aktuell merke er eine verstärkte Nachfrage für die Kanarischen Inseln und Griechenland, die als sicher gelten. Bei den „Autoreisezielen“ in Deutschland oder Österreich warnen beide unisono: Bodensee, Allgäu, Schwarzwald oder Nord- und Ostsee sind zum Teil überlaufen, Restplätze sind teuer.

Einiges wird aber auch besser: Zu Beginn der Corona-Zeit waren viele Veranstalter und Fluggesellschaften mit der großen Anzahl an Stornierungen überfordert. „Die Rückzahlungen beliefen sich auf mehrere Wochen bis hin zu Monaten. Aktuell vermerken wir aber bei etwaigen Stornierungen oder Reiseabsagen schon eine deutlich schnellere Reaktion der Anbieter“, sagt etwa Robin Straub. Sollte ein Reisegutschein mit Bonus-Guthaben nicht gewünscht sein, hat der Kunde in der Regel innerhalb von 14 Tagen sein Geld zurück, fügt er hinzu. Bei Flügen dauert es bis zu sechs Wochen - statt sechs Monaten zu Beginn der Krise.

Aber Umsätze bleiben trotzdem aus. „Viele warten aufs nächs­te Jahr“, sagt Sylvia Martin. „Von Normalität sind wir leider noch meilenweit entfernt“, ergänzt Robin Straub. Immerhin öffnet er seit Juni wieder, Sylvia Martin hat seit Juli geöffnet, wenn auch jeweils nur zwei Tage pro Woche. Mehr geht momentan nicht, denn immer noch muss viel abgearbeitet werden. Die meisten Kunden zeigen Verständnis. „Ich hatte anfangs Angst, wieder ins Büro zu gehen, aber mittlerweile geht es“, sagt sie. Auch Enrico Lehmann spürt: „Die Leute wollen weg.“ Noch im März habe er sich das Szenario schlimmer vorgestellt. Für 2021 erwartet er ein Aufbaujahr, bevor in zwei, drei Jahren das alte Niveau erreicht wird. „Die Aussichten sind gut“, glaubt er. Durchhalten heißt jetzt die Devise.

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