Kirchheim

„So haben wir kein Abi zweiter Klasse“

Corona Der gestrige Beschluss der Kultusministerkonferenz, die Prüfungen schreiben zu lassen, stößt bei den Schülern auf ein geteiltes Echo. Von Anke Kirsammer

Bei schönem Wetter verlegt Noah Gere seinen Schreibtisch nach draußen. Wegen der Corona-Krise müssen sich die Abiturienten weitg
Bei schönem Wetter verlegt Noah Gere seinen Schreibtisch nach draußen. Wegen der Corona-Krise müssen sich die Abiturienten weitgehend alleine auf die Prüfungen vorbereiten. Fotos: Carsten Riedl

Für viele Abiturienten bedeuten die Prüfungen Stress. In der Corona-Krise brauchen die Schulabgänger besonders starke Nerven. Seit anderthalb Wochen sind die Schulen geschlossen. Statt den Stoff im Unterricht vermittelt zu bekommen, heißt es, alleine zu Hause büffeln. Vergangenen Freitag wurden die Prüfungen um vier Wochen auf Mitte Mai verschoben, und dann stand plötzlich im Raum, sie komplett abzublasen. Gestern Mittag haben die Kultusminister nun beschlossen, dass eine Absage nicht infrage kommt. Der Teckbote hat Abiturienten gefragt, wie sie mit der Ausnahmesituation umgehen.

Noah Gere
Noah Gere

„Das ist für mich noch nicht endgültig entschieden, die Kultusminister werden sich auch noch mal treffen“, sagt Noah Gere aus Oberlenningen. „Im Moment darf man nur zu zweit raus, warum lässt man uns dann zusammen die Prüfungen schreiben?“ Einerseits hätte er es vernünftig gefunden, den Schnitt aus den bisher gesammelten Noten zu errechnen. Deshalb hat er auch eine entsprechende Petition von zwei Hamburger Schülern unterzeichnet. Andererseits müsse es doch ein tolles Gefühl sein, sich das Abi mit den Prüfungen zu verdienen, überlegt der 19-Jährige. Am besten hätte es der Abiturient der Esslinger Friedrich-Ebert-Schule gefunden, die Schulen zwei Wochen nach den Osterferien nur für die Prüflinge zu öffnen. Auch die weiteren Pläne des Gymnasiasten könnte die Pandemie durchkreuzen: Nach dem Abi will er Bauingenieurwesen studieren. Dazu braucht es ein dreimonatiges Vorpraktikum. Endet die Schule einen Monat später als ursprünglich gedacht, würde die Zeit für das Praktikum nicht reichen.

Sonja Gosch
Sonja Gosch

„Ich finde es nicht so gut, dass wir das Abi schreiben müssen“, sagt Sonja Gosch, für die das letzte Wort der Politik auch noch nicht gesprochen ist. „Die Unsicherheit stört mich total, aber so haben wir wenigstens kein Abi zweiter Klasse“, so die 18-jährige Schülerin, die ebenfalls in Oberlenningen wohnt. Deshalb sei es gut, dass die Bundesländer nun einheitlich entschieden haben. Die Voraussetzungen findet die Schülerin des Ernährungswissenschaftlichen Gymnasiums in Nürtingen jedoch speziell: „Daheim zu lernen, ersetzt keinen Unterricht“, sagt sie. Zu Hause lasse sie sich schon mal ablenken und stehe auch nicht wie sonst um 6 Uhr auf. „Ich versuche aber, so konsequent wie möglich zu sein.“ Seit dieser Woche arbeitet auch ihre Mutter im Homeoffice. „Unser gemeinsames Büro ist jetzt im Esszimmer“, verrät die Abiturientin schmunzelnd. Canceln muss die 18-Jährige den für Juli gebuchten Kanada-Urlaub. Manche ihrer Freundinnen wollten da schon ein Auslandsjahr antreten. „Mir ist nicht klar, warum man die Prüfungen nicht direkt nach den Osterferien schreiben lässt“, sagt sie. Wenn man immer nur wenige Leute in einen Raum gesetzt hätte, wäre das in ihren Augen gut machbar gewesen. In einigen Fächern waren die Lehrer mit dem Stoff noch nicht durch. Doch die Schule tut ihr Bestes: Im Fach Wirtschaft beispielsweise werden die Abiturienten per E-Mail mit Aufgaben versorgt, wenn Unterricht wäre. Dann können die Schüler auch ihre Fragen loswerden.

Max Merkwitza
Max Merkwitza

Die Noten treiben Max Merkwitza, der am Ludwig-Uhland-Gymnasium sein Abi macht, um. Er würde gern International Business Management studieren und fürchtet, dass er jetzt den nötigen Schnitt nicht schafft. Er hofft deswegen auf einen kleinen Bonus. In Bio, einem seiner Prüfungsfächer, hatten beim Thema Evolution noch ein paar Stunden gefehlt. Sei es mit Aufgaben oder direkter Hilfe – „unsere Lehrer versuchen uns zu unterstützen“, betont der 17-jährige Dettinger. Dennoch: Der ehemalige Schülersprecher fände es gut, wenn dieses Jahr für die Studienplatzvergabe nicht die Abinote zählen würde, sondern man sich an den Hochschulen nur vorstellen müsste. Er geht davon aus, dass das Abi nochmal verschoben wird. „Die Verbreitung des Virus lässt sich nicht so schnell eindämmen“, überlegt er. Wenn die Prüfungen abgesagt worden wären, hätte das zwar den Schülern Aufwand erspart. „Insgesamt wäre es aber unnötig kompliziert geworden“, meint Max Merkwitza.

Mara Müller
Mara Müller

„Ich finde es gar nicht schlecht, dass wird das Abi schreiben müssen“, sagt Mara Müller aus Ötlingen. Eine andere Lösung wäre gegenüber Schülern aus Bundesländern, die die Prüfungen schon hinter sich haben, auch unfair gewesen. Sie stellt es sich nicht so toll vor, in einem Vorstellungsgespräch sagen zu müssen, dass sie zu dem 2020er-Jahrgang gehört, der sein Abi einfach so bekommen hat. Es müsse doch möglich sein, beispielsweise in einer Sporthalle die Prüfungen schreiben zu lassen. Die 17-Jährige nutzt die unterrichtsfreie Zeit, um intensiv aufs Abi zu lernen, auch wenn sie zugibt, dass es nicht immer ganz einfach ist, sich aufzuraffen. In den Prüfungsfächern bekommt die Schülerin des Kirchheimer Wirtschaftsgymnasiums Arbeitsmaterial. Dafür hat die Schule eine Plattform eingerichtet. Eigentlich wollte sich die Abiturientin mit Freunden in Lerngruppen vorbereiten. „Weil wir uns jetzt nicht treffen können, machen wir das über Skype.“

Schüler melden sich per Petition zu Wort

Den Zeitplan für die schriftlichen Abiprüfungen hatte das Kultusministerium Baden-Württemberg wegen der Corona-Krise bereits vergangenen Freitag geändert. Sie sollten ursprünglich direkt nach den Osterferien stattfinden und laufen jetzt vom 18. bis zum 29. Mai. Der erster Nachtermin ist in der Zeit vom 16. bis 26. Juni. Ein zweiter Nachtermin soll im Juli angeboten werden und bei Bedarf ein Sondertermin ab Mitte September. Die mündlichen Prüfungen finden vom 20. bis 29. Juli statt. Begründet hatte die Kultusministerin Susanne Eisenmann den neuen Terminplan mit der Schließung der Schulen. Dadurch hätten die Prüflinge nach den Osterferien nicht die nötigen Voraussetzungen.

Hessen hat am Montag mit den Abiturprüfungen begonnen. In Rheinland-Pfalz wurden sie bereits geschrieben. Nach Ländern wie Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen hatte Baden-Württemberg den Termin fürs Abi verschoben. Die Regelungen gelten auch für andere Abschlussprüfungen wie Haupt- und Realschulprüfungen. Schleswig-Holstein plante diese Woche als erstes Land, die Abiturprüfungen ganz abzusagen.

Zwei Hamburger Schüler starteten am Montag eine Petition, in der sie eine bundesweite Absage der Abitur-Prüfungen fordern. Gerichtet ist sie an Bundeskanzlerin Angela Merkel, den Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher und an alle Kultusminister der Länder. Die Schüler wollen ein sogenanntes Durchschnittsabi, das sich aus 32 von 40 Ergebnissen der vergangenen vier Halbjahre errechnet. Wer sich gerne verbessern würde, sollte eine mündliche Prüfung in einem der vier bereits festgelegten Prüfungsfächer ablegen dürfen. In Deutschland gibt es dieses Jahr rund 350 000 Abiturienten. Davon hatten bis gestern mehr als 100 000 die Petition unterschrieben.

Die Schüler Union Baden-Württemberg dagegen hätte durch einen Wegfall der Abschlussprüfungen Nachteile für die Betroffenen befürchtet. Das beträfe jahrelang den Berufs- und Bildungsweg des gesamten Jahrgangs, auch wenn es um die Anerkennung des Abiturs an ausländischen Hochschulen gehe. Die Prüfungen seien auch in der aktuellen Situation möglich, erklärt Adrian Klant, Abiturient und Landesvorsitzender der Schüler Union Baden-Württemberg in einer Pressemitteilung. Das ließe sich in den leeren Schulgebäuden mit bestmöglichem Schutz der Gesundheit von Schülern und Lehrern machen. Auf dem Spiel stehe die Zukunft von Tausenden Schülern. „Wir sind verwundert, mit welcher Leichtigkeit und Verantwortungslosigkeit führende Lehrerverbände und Amtsträger von einer fairen Leistungsbewertung Abstand nehmen“, so die Schüler Union vor der Entscheidung. Es sei Aufgabe des Kultusministeriums, eine ordnungsgemäße Leistungsmessung für alle Schüler sicherzustellen. Wer sich trotz erschwerter Bedingungen in der schulfreien Zeit intensiv auf seine Prüfungen vorbereitet hat, könne zu Recht erwarten, dass sie stattfinden. Sollte der Zeitplan nicht eingehalten werden, erwartet die Schüler Union, dass zunächst weitere Lösungen, wie eine erneutes Verschieben, gesucht werden. Auch der Landesschülerbeirat sprach sich gegen die Absage von Abiturprüfungen in Baden-Württemberg aus. ank

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