Kirchheim

So schön wie im Märchen

Hundert Jahre hat er nicht gedauert, der Dornröschenschlaf, in den die Corona-Pandemie Stadt und Land versetzt hat. Aber die sieben Monate seit Ende Oktober, als alle Gaststätten schließen mussten, sind vielen ähnlich lang vorgekommen wie das komplette Jahrhundert im Märchen der Brüder Grimm.

Im Originaltext der Märchensammler gibt es eine deutliche Parallele zur Gastronomie: „Das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln“, heißt es da. Nicht, dass in den Restaurants rund um die Teck die Braten sieben Monate lang auf dem Herd liegengeblieben wären. Aber aufgehört zu brutzeln hatten sie eben doch.

Am Freitag aber war für Kirchheim und Umgebung der große Tag gekommen. Wie nach dem märchenhaften Kuss des glücklichen Prinzen regte sich neues Leben: „Das Feuer in der Küche erhob sich, flackerte und kochte das Essen; der Braten fing wieder an zu brutzeln.“ Und es waren jede Menge Leute, die diesen Braten gerochen hatten: Sie kamen von überall her und rieben sich verwundert die Augen. Da gab es wieder Wirtschaften, die das taten, was in ihrem Namen steckt: Sie bewirteten ihre ausgehungerten Gäste.

Ausgehungert waren die Gäste zum Glück nur im übertragenen Sinn. Aber in diesem Sinn hatten sie sich tatsächlich mehr als ein halbes Jahr lang verzehrt nach der Möglichkeit, einen geselligen Abend im öffentlichen Rahmen zu verbringen - mit Freunden, Kollegen, Bekannten. Es gab ein fröhliches Wiedersehen, das vielfach an die Stelle erinnerte, an der Ludwig Thomas „Münchner im Himmel“ endlich wieder in seinem eigentlichen Himmel, im Hofbräuhaus, landet und dort seinen Stammplatz wiederfindet.

Wirte und Gäste jedenfalls begrüßten sich aufs Herzlichste. Stammgäste erhielten ungefragt ihre Standardbestellung. Alles war wie immer. Nur eins war neu: Alle waren erfüllt von einer großen Dankbarkeit. Die allgemeine Freude hätte größer kaum ausfallen können. Man war kollektiv versucht, mit Schiller und Beethoven den „schönen Götterfunken“ lauthals zu besingen.

Das einzige übrigens, was es für die Glücksritter und Märchenprinzen brauchte, damit sich die dornenreichen Hindernisse von selbst auseinandertaten und sie unbeschädigt hindurchließen, war ein negatives Schnelltest- Testat - und häufig auch ein vorbestellter Tisch. Dann aber stand dem Glück nichts mehr im Weg. Höchs­tens die Sperrstunde um 21 Uhr. Wenn jetzt auch das Impfen noch einen Zahn zulegt, stehen zahlreiche Sommermärchen-Nächte bevor, in denen Gastronomen und Gäste „vergnügt bis an ihr Ende“ leben können.

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