Kirchheim

„Solche Menschen sind verführbar“

Vortrag Der ehemalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering spricht in der Werkstatt am Neckar über das Recht auf Bildung.

Wendlingen. Wenn man den Vortrag Franz Münteferings umschreiben muss, dann am ehesten mit einer rhetorischen Frage, von ihm selbst in den Raum geworfen: „Wie wollen wir morgen leben und was können wir dafür tun?“ Eine der vielen Antworten, die der frühere SPD-Vorsitzende dazu parat hatte, lautete: sagen, was ist - das hatte bei „Münte“ einige Facetten. Beispielsweise den demografischen Wandel. „Es hilft nicht, das zu verdrängen“, mahnte er. Sagen, was ist - das sei nicht immer leicht, werde einem auch manchmal übel genommen. Dennoch sei es wichtig.

Was für den demografischen Wandel gilt, gelte zudem auch für die Pflege. „Wer wird denn das mit der Pflege machen? Wer kann sich wie und um wen kümmern?“, fragt Müntefering. Er plädiert dafür, dass man sich nicht für die Pflege eines geliebten Menschen aufopfern solle, denn oft bleibe dabei der pflegende Mensch schneller auf der Strecke als der Pflegebedürftige. Es sei klüger, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine Attitüde, die Müntefering für grundfalsch hält, aber oft auch von 75-Jährigen hört: „Über solche Sachen sprechen wir, wenn wir alt sind.“

Abitur nicht für jeden das Beste

Ein weiteres großes Feld, das der Grand Seigneur der SPD beackerte, war das Thema Bildung. Da entscheide sich, ob die Lebenschancen gleichmäßig verteilt sind. „Und sie sind es nicht“, sagt er. Wenn man über Ungerechtigkeiten in Deutschland spreche, dann sei dies der Punkt, an dem man ansetzen müsse. Alle Kinder müssten eine Chance auf Bildung haben - nicht nur in Deutschland. Man müsse sie hinaustragen, beispielsweise nach Afrika oder in die Länder, in denen der IS Mädchen verbiete, in die Schule zu gehen. „Solche Menschen sind verführbar“, nannte er eine Konsequenz, die vernachlässigte Bildung mit sich bringt.

Auch die duale Ausbildung schaffe die Grundlage für ein eigenständiges Leben. Nicht für jedes Kind sei ein Studium das Beste, sagte der Sauerländer, der selbst kein Abitur gemacht hat und sich über die vielen Einser-Abiturienten wundert. Denen stellte er die eine Million junger Menschen entgegen, die jährlich ohne Schulabschluss ins Leben gehen.

Müntefering warb dafür, den Erzieherinnen in Kitas, den Pflegekräften und Grundschullehrern die Bedeutung zukommen zu lassen, die sie verdienen: „Das sind keine nachrangigen Arbeiten“, stellt er klar. Sich um Menschen zu kümmern, sei mindestens so wertvoll, wie Schrauben in Autos zu drehen. Der Applaus im voll besetzten Zelt hinter der Werkstatt zeigte, dass er damit einen Nerv getroffen hatte. Sylvia Gierlichs

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