Kirchheim

Sozialminister Lucha und das weite Feld der Diakonie

Infogespräch Das Leben in all seinen Facetten und seinen Schnittstellen in der Gesellschaft präsentierten die Mitarbeiter des Kreisdiakonieverbands. Von Iris Häfner

Die Pflege war nur eines von vielen sozialen Themen, die bei der Diskussion mit dem Sozialminister angesprochen wurden. Foto: DA
Die Pflege war nur eines von vielen sozialen Themen, die bei der Diskussion mit dem Sozialminister angesprochen wurden. Foto: DAK

Kein Blatt vor den Mund genommen haben die Vertreter der Kreisdiakonie, als gestern Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha von den Grünen zu Gast im Johannes-Busch-Gemeindehaus in Kirchheim war. Der Minister kennt sich aus, das wurde schnell klar. Er lernte Krankenpflege, studierte Sozialarbeit und später Management im Sozial- und Gesundheitswesen. 30 Jahre arbeitete er in der psychiatrischen Versorgung in der Region Bodensee-Oberschwaben, gibt er seine Vita preis. Ihm zur Seite saßen sein Fraktionskollege Andreas Schwarz, hiesiger Landtagsabgeordneter, und Matthias Gastel, Bundestagsabgeordneter der Grünen. Auch ihnen sind soziale Themen nicht fremd.

Gastgeber Eberhard Haußmann, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands und der Diakonie im Landkreis, moderierte die Veranstaltung. Den Reigen der Diskussionsrunde eröffnete Jochen Schnizler, Sprecher der Diakonie- und Sozialstationen im Landkreis. Er beklagte den Mangel an Fachkräften und prangerte das mitunter schwierige Finanzierungssystem für seine Mitarbeiter an. Die Diakoniestation fängt das auf, was die privaten Pflegeanbieter nicht anbieten. „Wir fahren auch wegen einer Spritze auf die Alb“, sagte er und sprach das Thema Wohnungen an: Die wenigsten sind altengerecht.

„Der Wohnungsbau zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche Belange“, ist sich Manne Lucha bewusst. Deshalb sei mit dem Projekt Quartier 2020 der erste Schritt zur Umsetzung schon unternommen. Damit soll sozialer Raum in den Kommunen geschaffen werden - 147 Bewerbungen liegen seinem Ministerium für den Wettbewerb bereits vor. „Wir altern individuell, nicht schematisch. Wir fahren wie im Slalom durchs Leben“, sagte er weiter. Jeder wolle selbstbestimmt und in Würde zu Hause leben. „Die Alteneinrichtungen werden zu Hospizen - das müssen wir den Menschen, die dort arbeiten, kommunizieren“, so der Minister. Die Richtlinien, die die Kassen für die Finanzierung der Altenhilfe akzeptieren, will er am liebsten in das Reich der „Glaskugeldeuterei“ verbannen. Die lineare Lösung für alle gebe es nicht mehr. Und an die Adresse der Versicherten erklärte er: „Die Pflegeversicherung ist Teilkaskoversicherung, nicht Vollkasko. Jeder muss sein Leben rechtzeitig mitgestalten.“

Hier hakte Ingrid Riedl, Leiterin der Diakonischen Bezirksstelle und der AG Hospiz, ein. „23 Prozent der Vollzeitbeschäftigten arbeiten im Niedriglohnbereich. Im Alter sind sie auf Unterstützung angewiesen. Auf uns kommt nicht nur eine Welle, sondern ein Tsunami zu. Wie wollen die Kommunen das schultern?“, fragte sie und prangerte das System der Ungleichheit an, wenn Leiharbeiter für dieselbe Arbeit weniger Lohn in der Tasche haben als Werksangestellte. „Wir müssen den Niedriglohnsektor überwinden“, sagte Manne Lucha. Das bedeute aber mehr Bildung für alle - und das Einfordern derselben. 2 139 Euro brutto seien nötig, damit ein Mensch ohne Förderung bis ins und im Alter leben kann.

„Wir haben in der Flüchtlingsarbeit in den vergangenen drei Jahren Flagge gezeigt“, sagte ­Ingrid Gunzenhauser, Bereichsleiterin Jugend und Migration der Bruderhausdiakonie. Kirchen und Diakonie hätten viel Geld in die Hand genommen und dabei auch die Freiheit erhalten, die Dinge so zu organisieren, damit sie passgenau stimmen. Einzig die zeitliche Befristung auf zwei Jahre missfällt ihr. Um nachhaltig arbeiten zu können, brauche es einen langen Atem und damit eine gesicherte Finanzierung auch von öffentlicher Seite. „Integration kann nicht auf Knopfdruck passieren“, erklärte sie. Dem ist sich auch der Minister bewusst. „Baden-Württemberg gibt für Flüchtlinge 2,2 Milliarden Euro aus. 780 Millionen Euro bekommen wir vom Bund für die Jahre 2016 und 2017 erstattet“, nannte er Zahlen. Kontrollen, wo die Gelder hinfließen, seien nötig, schließlich handelt es sich um Steuergelder. Er hat jedoch auch großes Vertrauen in die Institutionen und deren Mitarbeiter. „Die Eckfahnen müssen wir wie beim Fußball stecken und Regeln aufstellen. Was dann auf dem Feld passiert - da bleibt Freiheit“, erklärte Manne Lucha.

Manne Lucha (vierter von rechts) war im Johannes-Busch-Gemeindehaus zu Gast. Foto: Markus Brändli
Manne Lucha (vierter von rechts) war im Johannes-Busch-Gemeindehaus zu Gast. Foto: Markus Brändli
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