Kirchheim

Sprudelnde Inspirationsquellen

Kultur Die Orgeln des Kraichgau seien bedeutungslos, nur der Wein schmeckt? Der Kirchheimer Förderverein Kirchenmusik gewinnt auf einer Tour durch die Region ein anderes, viel positiveres Bild.

Die Klosterkirche Maulbronn war das erste Ziel des Fördervereins ­Kirchenmusik. Foto: Staatliche Schlösser und Gärten
Die Klosterkirche Maulbronn war das erste Ziel des Fördervereins ­Kirchenmusik. Foto: Staatliche Schlösser und Gärten

Eine Orgelbesuchstour durch den Kraichgau sei ausgesprochen reizvoll, schreibt der für diese Region verantwortliche Orgel-Sachverständige Achim Seibt: „Immerhin liebten dessen Bewohner gutes Essen und edle Tropfen. Die Orgeln selbst dagegen wären völlig bedeutungslos.“ Nicht so die Erfahrung des Fördervereins Kirchenmusik, der sich auf seiner Orgeltour die Instrumente in der Region vorgenommen hat.

Die von Bezirkskantor Ralf Sach ausgewählten Instrumente zeigten sich durchweg als Besonderheiten an Klang und Bautechnik. Prominente Erstetappe war die Maulbronner Klosterkirche mit ihrer monumentalen Grenzing-Orgel, deren Erbauer als „Orgelvater Mallorcas“ gilt. Mallorca als Eingangstor ins Kraichgau? Zarte, singende Zungen, streichende Prinzipale und melancholische Flöten bringen in der Tat Reminiszenzen der Baleareninsel in den ehrwürdigen Kirchensaal der Hesse-Stadt.

Ein Sammelsurium von Stilen

Auch die Stiftskirche Bretten, in der der große Luther-Freund Philipp Melanchthon getauft wurde, war ehemals Teil einer eindrücklichen Klosteranlage. Während der Anfahrt stimmte Pfarrer Daniel Trostel aus Dettingen die neugierigen Orgelpilger sachkundig und mit Lebensdaten des umtriebigen Humanisten auf das Zwischenziel ein. Der Kircheninnenraum: ein improvisatorisches Sammelsurium von Stilen, Formen oder einfach nur: von unbedachten Nachlässigkeiten! Die Walcker-Orgel dagegen, frisch von Gerhard Lenter aus Ludwigsburg grundsaniert, zeigte sich mit ihrem eigensinnigen Klangaufbau als sprudelnde Inspirationsquelle für musikalische Experimente. Wie selbstverständlich tanzte der „Holy Blues“ von Barbara Dennerlein unter Füßen und Händen von Ralf Sach durch den Kirchenraum.

St. Peter in Bruchsal gab mit seiner Balance aus verspieltem Rokoko und architektonischer Strenge der Reisegruppe anschließend wieder wohltuende Geborgenheit zurück, gleichermaßen Urlaub von allzu viel Reformation. Der von Balthasar Neumann gestaltete Bau beherbergt eine Barockorgel, wie man sie schätzt: einerseits silbrig, elegant und klar im Klang, andererseits gleich einem erdenden Arbeitstier.

Die unendlichen Sechzehntel-Staffetten im Pedal bei den Präludien des Bach-Schülers Johann Christian Kittel muteten unter den Füßen des Organisten wie eine galoppierende Pferdeherde auf hartem Asphalt an. Und längst nicht jedes Tempo war die schwergängige Traktur bereit, mitzugehen. Reformation hat eben auch Grenzen.

Orgel entkommt dem Untergang

Ins Schloss Bruchsal lockte die legendäre „Titanic-Orgel“. Einst von der Firma Welte für den Katastrophen-Liner gebaut, überlebte dieses Instrument nur deshalb, weil es aufgrund seiner aufwendigen Bauweise nicht rechtzeitig fertig wurde. „Verlässlichkeit habe eben nicht nur Vorteile“, merkte die Leiterin der Sammlung dazu süffisant an. Wie anrührend, als das präzise Lochbandsystem sodann einen englischen Choral durch den Museumsraum wehen ließ.

Die letzte Station, Brettens Kreuzkirche mit seiner entzückenden Dorfkirchenorgel von Hasenmeyer aus dem 18. Jahrhundert, stand zwischendurch bedenklich auf der Kippe: Der Tag begann mit wolkenbruchartigen Sturzbächen, man rechnete fest mit Feiertagsstaus. Und in Maulbronn musste der eingeschlossene Kantor aus dem Treppenaufgang befreit werden. Doch die Gruppe hatte Glück: Ein erlebnisreicher Tag klang mit einem gemeinsam gesungenen Abendchoral in dem unscheinbaren Barock-Kirchlein aus. „Ihr aber, meine Sinnen, auf auf ihr sollt beginnen, was eurem Schöpfer wohlgefällt.“ pm

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