Kirchheim

Staustadt Stuttgart strahlt aus

Verkehr Nichts geht mehr – dieser Satz gilt nicht nur im Kasino auf den Fildern, sondern auch für viele Straßen rund um die Landeshauptstadt. Von Iris Häfner

Steffen Bilger, Hans-Jürgen Reichardt und Andreas Schwarz saßen auf dem Podium zum Thema Verkehr.Foto: Jean-Luc Jacques
Steffen Bilger, Hans-Jürgen Reichardt und Andreas Schwarz saßen auf dem Podium zum Thema Verkehr.Foto: Jean-Luc Jacques

Stehen statt fahren. Mit dieser Tatsache müssen sich viele Berufspendler in der Region Stuttgart zweimal täglich abfinden: morgens auf dem Weg zur Arbeit und abends auf dem Heimweg. Wer braucht da noch Yoga - Gelassenheit lässt sich mental regelmäßig im Auto trainieren. Mit im Stau stehen die Lkw- und Sprinter-Fahrer, die fristgerecht ihre Waren beim Automobilriesen oder das Päckchen im Privathaushalt abliefern müssen.

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Das Verkehrschaos rund um die Landeshauptstadt betrifft nahezu jeden. Die Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU Baden-Württemberg (MIT) hat deshalb in die Kirchheimer Stadthalle zum Thema „Verkehrs­infra­struktur Großraum Stuttgart“ eingeladen. Auf dem Podium saßen Steffen Bilger, Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Ludwigsburg, Bezirksvorsitzender der CDU-Nordwürttemberg und Mitglied im Verkehrsausschuss; Andreas Schwarz, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im baden-württembergischen Landtag, und Dr. Hans-Jürgen Reichardt, Geschäftsführer der Abteilung Industrie und Verkehr IHK Region Stuttgart.

„Der Verkehrsinfarkt kostet Unternehmer und Pendler Zeit, Nerven und Geld“, sagte Professor Erich Sigel, Moderator des Abends. Rund eine Milliarde Euro beträgt laut seiner Aussage der wirtschaftliche Schaden, den die Staus jährlich produzieren. Viele Firmen hätten einen Investitionsstopp für Stuttgart eingeläutet, weil es zu wenige Infrastrukturprojekte gebe, die den Kollaps rund um die Landeshauptstadt auffangen.

Als erster hatte Hans-Jürgen Reichardt das Wort: „Ein investierter Euro bringt volkswirtschaftlich sechs Euro. Das ist extrem viel.“ Dank der starken und damit gewachsenen Wirtschaft hat auch der Verkehr zugenommen. Doch das Geld für Verkehrsprojekte ist lange in Regionen geflossen, die keine so leistungsstarke Wirtschaft vorweisen können. „Am wenigsten Geld fließt hierher, obwohl wir der größte Wirtschaftsraum sind“, kritisierte er. Mittlerweile würden jedoch Bundesmittel fließen - wenn sie denn im Land angefordert werden. Das funktioniert in Bayern offensichtlich anders. Kaum ist ein Fördertopf angelegt, wird für den Freistaat Bedarf angemeldet. „Eine unbequeme Wahrheit: Um ein Prozent Wirtschaftswachstum zu bekommen, fällt zwei Prozent Transportwachstum an“, nannte er Ross und Reiter. Seine Schlussfolgerung: Mehrverkehr akzeptieren. „Damit müssen wir gesellschaftlich umgehen“, sagte der IHK-Vertreter.

Von einer gewissen Frustration sprach Steffen Bilger, sobald man sich mit dem Thema Verkehr auseinandersetzt. Carsharing hat für ihn nichts mehr mit Ökos zu tun. „Das ist ein Erfolgsmodell“, postulierte er. Seine Hoffnung liegt im automatisierten Fahren. „Wer im Stau steht, kann dann Zeitung lesen, Mails lesen oder am Laptop arbeiten“, schaute er in die Zukunft. Er warnte auch vor zu viel Optimismus bezüglich des Straßenbaus. „Das hat in der Bevölkerung wenig Akzeptanz“, ist seine Erfahrung aus dem Wahlkreis. Eine Lösung für Stuttgart ist aus seiner Sicht der Nordostring. „50 Prozent der Verkehrsteilnehmer wollen gar nicht nach Stuttgart, sie müssen nur durch“, sagte Bilger.

Andreas Schwarz will die Mobilität dauerhaft erhalten, gleichzeitig aber die daraus resultierenden Klimaschäden reduzieren und setzt deshalb auf Innovation. Sanieren statt neu bauen, lautet ein weiteres Schlagwort, wobei er sich nicht gegen sinnvolle neue Trassen wehrt. Eine Herkulesaufgabe sieht er bei der Brückensanierung. „Wir sind ein leistungsstarkes Bundesland, das auf entsprechende Infra­struk­tur angewiesen ist“, ist er sich bewusst. Deshalb wurden 50 Stellen neu bei der Straßenbauverwaltung geschaffen. „Der Alb­auf­stieg der A 8 ist das entscheidende Nadelöhr“, sagte er. Um auf der zentralen Ost-West-Achse Entspannung zu schaffen, müsse eine halbe Milliarde Euro in den Abschnitt zwischen Mühlhausen und Drackenstein investiert werden. Damit könne dem Ausweichverkehr im Lenninger Tal, aber auch über Neidlingen begegnet werden.

Die Zuhörer hatten konkrete Fragen und ebensolche Ansichten. Als Irrsinn bezeichnete eine Esslingerin den sechsspurigen Ausbau der B 10 zwischen Neckarpark und Plochingen, wie es im Bundesverkehrswegeplan steht. Neckar und Bebauung schließen das aus. Viel besser investiert sei das Geld in die Filderauffahrt, um so Stuttgart vom Fernverkehr zu entlasten. Ein Zuhörer wollte gar die große Lösung der Neckar-Alb-Autobahn wiederbeleben. Die Planung stammt aus den 1970er-Jahren und hätte über Marbach, den Schwäbischen Wald nach Reichenbach und Schlierbach geführt. In Jesingen wäre die Einmündung in die A 8. Diskussionsthemen waren auch der ÖPNV, Schleusenausbau auf dem Neckar bis Plochingen, Radfernweg und Gigaliner - von den Befürwortern lieber Lang-Lkw genannt.

Stau auf manchen Straßen rund um Stuttgart ist schon Alltag.Foto: Pixabay
Stau auf manchen Straßen rund um Stuttgart ist schon Alltag.Foto: Pixabay