Kirchheim

Steine, Staub und Lärm

Zertifizierung Der gemeinnützige Verein Fair Stone mit Sitz in Kirchheim kümmert sich um die Arbeitsbedingungen in Steinbrüchen und in Fabriken. Von Andreas Volz

Die Bilder zeigen einen der gigantischen Steinbrüche in China sowie einen Arbeiter mit Staubmaske (unten). Foto: pr

Wenn Steine reden könnten, was würden sie wohl erzählen? Von Jahrmillionen erlebter Erdgeschichte könnten sie berichten, aber auch von den Bedingungen, unter denen sie im 21. Jahrhundert industriell abgebaut und weiterverarbeitet werden. Letzteres lässt man sich in Kirchheim besonders genau erzählen. An der Ecke Schuhstraße/Flachsstraße sitzen sie: die „Steinflüsterer“ von Fair Stone, die zwar nicht selbst auf die Steine einreden, sich aber von den Steinen sehr viel zuflüstern lassen.

Das geht natürlich nicht durch die bloße Betrachtung von Steinen, die in Deutschland oder auch anderswo in Europa importiert werden. Dazu ist es notwendig, die Herkunftsländer aufzusuchen, in die riesigen Steinbrüche zu gehen und auch die Weiterverarbeitung in den Fabriken zu beobachten. Ziel ist es, die Arbeitsstandards und die soziale Absicherung der Arbeiter vor Ort zu verbessern sowie die gesamte Lieferkette lückenlos zu überwachen.

Entstanden ist Fair Stone aus der Arbeit von Dr. Heinecke Werner als Geschäftsführer der win-win GmbH: „Wir beraten Unternehmen, die sich in sozialen und ökonomischen Projekten engagieren. Wir helfen ihnen dabei, entsprechende Fördermittel zu akquirieren.“ So kam es vor gut zehn Jahren auch zur Zusammenarbeit mit einem Nürtinger Naturstein-Importeur, aus der letztlich der gemeinnützige Verein Fair Stone hervorgegangen ist.

James Herrmann, der die Geschäfte des Vereins führt, berichtet von „riesigen Steinbrüchen in China, die für den Export arbeiten“. China bestimme den globalen Markt zu nahezu 50 Prozent. Sowohl in den Steinbrüchen als auch in den verarbeitenden Fabriken werde mit hoher industrieller Effizienz gearbeitet - im Gegensatz zu Indien, wo man in den Steinbrüchen noch überwiegend mit Sprengungen hantiere.

Ein Hauptaugenmerk von Fair Stone liegt aber auf der Arbeit in den Fabriken, denn dort gibt es oft größere Probleme als in den Steinbrüchen: „Der meiste Staub entsteht bei der Verarbeitung“, sagt James Herrmann. Hinzu kommt der extreme Lärm in den Fabriken. Den Arbeitern droht der komplette Hörverlust. „Wir wollen bei den Arbeitern ein Bewusstsein für die Gefahren schaffen, sodass sie sich auch selbst besser schützen.“ Heinecke Werner erzählt von einer Fabrik in Vietnam: „Die Frauen, die dort arbeiten, haben uns gesagt: ,Der Lärm stört uns nicht, wir arbeiten gerne hier‘.“

Es geht aber auch um Umweltbestimmungen, etwa beim Umgang mit dem Schlamm, der zwar ein Abfallprodukt ist, aber nicht einfach über bestehende Kanäle und Flüsse abgeleitet werden soll. James Herrmann: „Wir achten darauf, dass dieser Schlamm in der Ziegelherstellung verwertet wird.“ Gleiches gilt natürlich auch für vorhandene Natursteine, die in Europa als Bauschutt anfallen. Auch da macht sich Fair Stone für die Wiederverwendung stark.

Natursteine kommen im Straßenbau und im Hochbau zum Einsatz, und da achtet die öffentliche Hand mittlerweile stark auf die entsprechenden Zertifikate. Fair Stone will auch bei Privatleuten das Bewusstsein schärfen, sei es im privaten Garten- und Landschaftsbau, bei Grabsteinen oder bei Küchenarbeitsplatten. Bei Grabsteinen gebe es heftige Auseinandersetzungen: Indische Exporteure gehen gegen deutsche Friedhofsatzungen vor, die fair gehandelte Steine vorschreiben.

Lebensraum für den Uhu

Die Umweltstandards in China dagegen hält James Herrmann für beachtlich: „Da werden auch mal Steinbrüche geschlossen, wenn sie die Umweltbedingungen nicht einhalten.“ In Europa lobt er vor allem die Schweiz: „Die Schweizer sind unsere vorbildlichsten Partner. Die sind uns bei der nachhaltigen Beschaffung weit voraus.“

Nachhaltigkeit in Steinbrüchen gilt aber nicht nur irgendwo auf der Welt, sondern auch vor der eigenen Haustür: Gerade die aufgegebenen Steinbrüche - etwa hier am Albtrauf - sind als Biotope besonders wertvoll. Fair Stone liegt auch die Biodiversität im Lebensraum Steinbruch am Herzen. Nicht zuletzt der Uhu kann dort Nischen finden, die ihn vor dem drohenden Aussterben bewahren.

Foto: pr

Fair Stone, Lieferketten und Natursteine

Fair Stone arbeitet mit Partnern in Deutschland, England und in der Schweiz zusammen. In der Schweiz hat der gemeinnützige Verein aus Kirchheim beinahe eine Monopolstellung: Fünf der sieben größten Schweizer Importeure von Natursteinen sind Partner von Fair Stone.

Die Lieferketten stellen eine besondere Schwierigkeit für die Zertifizierer dar. James Herrmann beschreibt das Dilemma: „Wenn ein Importeur seine Lieferkette bei uns nicht registrieren lässt, können wir das auch nicht nachweisen. Da muss mehr politischer Druck aufgebaut werden.“

Natursteine bezeichnen hochwertige Steine, sei es Granit, Basalt, Sandstein oder Schiefer - obwohl es sich, streng genommen, auch bei Kiesel und Split um Natursteine handeln würde. Zu unterscheiden sind Natursteine aber vor allem von künstlichen Steinen wie Ziegelsteinen oder Beton.

Der Verein Fair Stone hat ein jährliches Budget von knapp 100 000 Euro und finanziert sich vor allem aus Lizenzgebühren, die die Importeure zahlen.vol

Anzeige