Kirchheim

Stress ist zu 80 Prozent hausgemacht

Druck Er kommt überwiegend von außen auf einen zu, der Stress, doch er entsteht durchaus auch durch innere Antreiber. Zwei Stresstrainer verrieten in der Stadthalle ein paar Tipps. Von Peter Dietrich

Sich zu sehr zu verbiegen, kann zu Stress führen. Michele Gurgoglione und Ines Oertel raten ihrem Publikum, auch mal „Nein“ zu s
Sich zu sehr zu verbiegen, kann zu Stress führen. Michele Gurgoglione und Ines Oertel raten ihrem Publikum, auch mal „Nein“ zu sagen.Foto: Peter Dietrich

Was passiert, wenn man einen jungen Herrn die Arme ganz fest zur Seite ausstrecken lässt und dieser dabei auf der Leinwand ein grimmiges Gesicht erblickt? Der Versuch der beiden Referenten, dem Herrn die Arme her-unterzudrücken, scheitert kläglich. Doch dann ist plötzlich ein lachendes Gesicht zu sehen, und sofort geben die Arme nach: Lachen lockert, die Anspannung ist eine Frage der Einstellung. Ines Oertel und Michele Gurgoglione, Stresstrainer in Diensten des Aalener BGO-Instituts, mussten das beim Infotag des WUD IT-Systemhauses in der Kirchheimer Stadthalle nicht weiter erklären, denn das war anschaulich genug.

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Was sind sogenannte „Stressoren“? Am Arbeitsplatz nerven Zeit- und Termindruck, mangelnde Anerkennung und ständige Unterbrechungen. In der Familie führen finanzielle Belastungen, die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf und die Pflege von kranken Angehörigen zu Stress. Warnende Signale, so die beiden Referenten, treten in vier Bereichen auf. Sie können körperlich sein, etwa Kopf- oder Rückenschmerzen. Sie können sich emotional zeigen, wie in Nervosität und Gereiztheit. Sie zeigen sich kognitiv, etwa in Leistungs- und Konzentrationsverlust, und sie zeigen sich im Verhalten, etwa im erhöhten Alkoholkonsum oder im Schleifenlassen sozialer Kontakte. In der Regel sei es eine Kombination, so rauben ständig kreisende Gedanken einem Menschen den Schlaf. „Hören Sie auf Ihren Körper, eine Tablette ist kein Allheilmittel“, mahnte Ines Oertel.

Welche inneren Einstellungen führen zu Stress? Die Referenten nennen fünf typische Denkmuster. Da ist das „Sei perfekt!“-Denken, für das 80 Prozent Erfolg eine Schlamperei sind, weil auf mich immer zu 100 Prozent Verlass sein muss, das nur höchst schwer Aufgaben an andere delegieren kann. Das „Sei stark!“-Denken traut sich nicht, dem Vorgesetzten seine Grenzen als Mitarbeiter zu sagen und Hilfe anzunehmen. „Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass es Multitasking nicht gibt“, warnt Michele Gurgoglione davor, sich zu viel aufladen zu lassen. Wenn jemand partout nicht Nein sagen kann, den Kater des Nachbarn trotz Katzenallergie in seine Obhut nimmt, kann es am „Sei beliebt!“-Denken liegen, das um des Friedens willen unheilvolle Scheinkompromisse eingeht, denn: „Ich will, dass mich alle mögen.“ Das „Sei vorsichtig!“-Denken des Kontrollfreaks hemmt, und das „Ich kann nicht!“-Denken hindert, so verharrt mancher in einer Situation, die mit ein wenig Mut vielleicht zu überwinden wäre. „80 Prozent vom Stress sind hausgemacht“, sagt Michele Gurgoglione, hat aber auch eine gute Nachricht: „Alles, was wir gelernt haben, können wir auch wieder verlernen.“

Jede Stresssituation brauche ihre eigene Bewältigungsstrategie, betont Ines Oertel, es gebe kein Universalschema. Stress sei nicht aufzuheben, aber er lasse sich reduzieren. Am Anfang der „4A-Strategie“ steht das Wahrnehmen und Annehmen der Situation. Dann folgt als zweiter Schritt das Abkühlen, das tiefe Ausatmen. Der dritte Schritt ist die Analyse: Kann ich an dieser Situation etwas ändern? Falls ja, was sind wohl die Folgen, ist es mir das wert? Falls nochmals ja, ist klare Aktion angesagt. Falls nein, eher Ablenkung, zumindest für den Moment.

Manchmal helfe eine Übung wie das „Palmieren“: Man reibe sich die Hände gut warm und lege die Innenflächen auf seine Augen. Dann öffne man diese, sehe in positivem Sinn nur Schwarz und entspanne sich. Das kann mehrmals geschehen, der Chef sollte dabei wissen, dass so ein Mitarbeiter nicht schläft. Auch progressive Muskelentspannung helfe, Kassen bieten Entspannungs-CDs an.

Die Referenten empfehlen zudem tagsüber viele Pausen, nach kurzen Pausen finde man leichter wieder in die Arbeit. Den Urlaub empfehlen sie ebenfalls in mehreren Dosen zu nehmen: Egal, wie lange er dauere, die Erholung halte danach nur zwei bis drei Wochen. „Lieber öfters eine Auszeit nehmen“, rät Ines Oertel.