Kirchheim

Studieren lässt sich immer und überall

Unternehmerdialog Ottmar Schneck sprach über die Zukunft der Bildung und der Arbeitswelt. Beides lässt sich nicht mehr vom Leben trennen. Von Andreas Volz

Kurzweilig, mitunter plakativ, aber immer auch nachdenkenswert plauderte Professor Schneck in Kirchheim über die digitalisierte
Kurzweilig, mitunter plakativ, aber immer auch nachdenkenswert plauderte Professor Schneck in Kirchheim über die digitalisierte Bildung. Foto: Carsten Riedl

Wie sieht die Arbeit in der Zukunft aus? Wie muss sich Arbeit auf Bildung einstellen - und umgekehrt? Geht es da überhaupt noch um die Zukunft, oder ist die Gegenwart längst in dieser Zukunft angekommen? Diesen Fragen stellten sich die Gäste beim Kirchheimer Unternehmerdialog, zu dem die Wirtschaftsförderung der Stadt ins Kompetenzzentrum K 3 der Firma Feeß geladen hatte.

Zumindest die Co-Working-Spaces, die demnächst auch in Kirchheim entstehen sollen, sind längst Realität in Deutschland. Kirchheim springt also auf einen Zug auf, der schon längst fährt: „In ganz Deutschland gibt es bereits 14 Millionen Co-Worker, die praktisch schon nicht mehr fest angestellt arbeiten“, sagte der Referent des Abends, Professor Dr. Ottmar Schneck, Rektor der SRH Fernhochschule mit Sitz in Riedlingen.

Und wenn schon Angestellte nicht mehr zwingend an einem bestimmten Schreibtisch sitzen müssen, dann gilt das erst recht für die Studenten der mobilen Universität: „Die sind alle unabhängig von Zeit und Ort.“ Die meisten sind zwischen 25 und 40 und absolvieren bei SRH ein berufsbegleitendes Aufbaustudium: „Da kann es passieren, dass jemand gerade in Saudi-Arabien eine Maschine aufbaut und sich von dort aus morgens um 5 Uhr bei uns einloggt, um weiterzustudieren.“

Was nach großer Freiheit klingt, erfordert aber ein hohes Maß an Disziplin. Letzteres zeigt die Erfolgsquote, die Ottmar Schneck in Kirchheim vorstellte: „93 Prozent derer, die das erste Semester bei uns durchstehen, schaffen hinterher ihren Abschluss.“ Disziplin ist also bei genügend Fernstudenten vorhanden. Sie haben verinnerlicht, was ihr Rektor generell propagiert: „Bildung lässt sich nicht mehr vom Leben separieren.“ Das klingt gut - für alle, die ohnehin bildungshungrig sind.

Was aber für Bildung 4.0 gilt, hat auch für Arbeit 4.0 zu gelten, und da wird es mitunter schwierig, wenn Arbeit so gar nicht mehr vom Leben zu trennen ist. Aber auch dafür hat Ottmar Schneck Lösungen parat, vielleicht sogar künftige Studiengänge: „Projektmanagement, Buchhaltung, Finanzierung - das gibt es alles schon. Wir brauchen dazu aber auch noch ganz andere Dinge wie Waldtherapie.“ Das klinge zwar ziemlich esoterisch, aber vielleicht helfe es Burn-out-Gefährdeten ja tatsächlich, wenn man ihnen - leicht überspitzt formuliert - „Baum­umarmungskurse“ anbiete.

Jedenfalls habe sich in der Bildung und in der Arbeitswelt seit Humboldts Zeiten viel geändert. Alexander von Humboldt habe sein Weltwissen in den fünf Bänden des „Kosmos“ zusammengefasst: „Das sind gerade mal zehn Kilobyte, also eine halbe Floppy Disk. Heutzutage trägt jeder das Hundertfache dieser Speichermenge auf seinem Smartphone mit sich rum - schon allein mit den ganzen Fotos, die keiner braucht.“

Auch die Kehrseite spricht Ottmar Schneck an, dass nämlich jedes Smartphone angezapft wird. Selbst der Regensensor eines Autos melde ungefragt Wetterdaten weiter. Aber geschickt bringt der Redner beides zusammen: „Wir können nicht darüber diskutieren, ob wir die Digitalisierung wollen. Wir können ja auch nicht fragen: ,Wollen wir Wetter‘?“

Wichtig ist für Ottmar Schneck vor allem die enge Verzahnung von Theorie und Praxis - schon beim Studium, das möglichst anwendungsbezogen sein sollte. Deshalb sei es auch gut, nach dem Bologna-Prozess mittlerweile zehn verschiedene Hochschulzugangsberechtigungen zu haben. Und trotzdem bleiben seit Humboldts Zeiten drei Dinge wichtig in der Bildung: Vernetzung und Globalität sowie ihre Wertfreiheit und ihre ethische Fundierung. Denn an diesem Punkt kritisiert er die Digitalisierung doch: „Heutzutage wird im Netz viel zu schnell alles bewertet. Da gibt es nur noch Daumen hoch oder Daumen runter.“

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