Kirchheim

Styropor versetzt die Baubranche in Aufruhr

Dämmstoffabfälle Jahrzehntelang wurden Häuser mit Polystyrolplatten gedämmt. Seit Oktober gilt der Baustoff jedoch als Sondermüll. Von Daniela Haußmann

Styropor versetzt die Baubranche in Aufruhr
Styropor versetzt die Baubranche in Aufruhr

Aus dem Kunststoff Polystyrol lässt sich vieles machen, etwa das allseits bekannte Styropor, das bislang auch beim Hausbau als Wärmedämmung diente. Was lange in Sachen Energieeinsparung und so auch für den Klimaschutz als Nonplusultra im Bau propagiert wurde, gilt seit Oktober als Sondermüll. Grund dafür ist laut Andreas Banzhaf der Brandschutz für den Dämmstoff. Styropor ist brennbar. „Dämmplatten aus Polystyrol enthalten deshalb oft das Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD)“, wie der Chef von Banzhaf Holzbau weiß.

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HBCD ist dem Umweltbundesamt zufolge ein Umweltgift, das sich stark in Organismen anreichert, im Verdacht steht, fortpflanzungsschädlich zu sein und außerdem sehr langlebig ist. „Auf der Mülldeponie dürfen nur noch mineralische Abfälle entsorgt werden und nicht das Dämmmaterial“, sagt Eberhard Fritz. Eigentlich könnte es durch spezielle Aufbereitungstechnologien wieder verwertet werden. „Allerdings betreiben die Verwerter Rosinenpickerei. Sie nehmen das Dämmmaterial nur dann an, wenn weder Putz noch Kleber an ihm haftet“, wie der Stoffstrommanager des Kirchheimer Unternehmens Feess Erdbau bemängelt. „Die Entfernung ist nicht gerade praktikabel, da sie mit einem hohen Aufwand verbunden ist.“ Deshalb wird es in Müllverbrennungsanlagen thermisch entsorgt. .

Abgesehen davon sorgt die Tatsache, dass HBCD-haltiges Material neuerdings als gefährlicher Abfall deklariert ist, nun für Probleme. Nach Inkrafttreten der Regelung weigerten sich Andreas Banzhaf zufolge bundesweit die Anlagenbereiter die Dämmstoffabfälle anzunehmen.

Die Folge: Das Polystyrol lagert in Containern auf dem Hof vieler Baufirmen und wartet auf den Abtransport durch den Entsorger. Wird das Dämmmaterial in Müllverbrennungsanlagen als Monocharge entsorgt – worunter Abfälle zu verstehen sind, die nur aus einem Material bestehen - ist laut Eberhard Fritz nun eine Genehmigungsänderung nötig. Das bedeutet das Bürokratieaufwand für alle Beteiligten.

Die Lage hat sich nach Auskunft des Geologen zwischenzeitlich wieder etwas entspannt. „Das Umweltministerium in Stuttgart kam mit den Anlagenbetreibern zu einer Einigung“, so der Experte. „Unter der Voraussetzung, dass eine bestimmte Menge Polystyrol bei der Anlieferung mit anderen Bauabfällen vermischt ist, darf es verbrannt werden.“ Allerdings gilt diese Praxis nur in Baden-Württemberg.

Das hat zur Folge, dass nicht nur Firmen aus dem Südwesten, sondern auch aus anderen Bundesländern ihre Abfälle bei den hiesigen Müllverbrennungsanlagen entsorgen wollen. „Hinzu kommt, dass auch aus dem Ausland Abfälle aller Art angeliefert werden“, so Eberhard Fritz. „Damit entstehen Engpässe und Wartezeiten.“ Leidtragende sind am Ende die Betriebe, die Michael Hallwachs zufolge, die Lagerkosten tragen müssen, weil volle Container auf ihrem Hof herumstehen und für den Einsatz auf den Baustellen erst einmal wegfallen. Um Monochargen entsorgen zu können, müssen Baufirmen dem Feess-Sprecher zufolge nachweisen, dass die Dämmstoffe kein HBCD enthalten. Das geht nur über teure Analysen. „Somit entstehen beim Rückbau von Gebäuden zusätzliche Kosten zu Lasten des Verbrauchers“, betont Eberhard Fritz und erklärt: „Selbst dann ist noch nicht gewährleistet, dass die Verwerter die Abfälle dann auch annehmen“

Mit Blick auf Privatleute betont Andreas Banzhaf, dass niemand wegen HBCD in Panik verfallen muss. In verbautem Zustand ist es dem Unternehmer zufolge für die Gesundheit ungefährlich. Das bestätigt auch Eberhard Fritz. Wer gerade ein Haus baut oder saniert, sollte aus Sicht von Andreas Banzhaf auf Dämmstoffe zurückgreifen, die aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen Dazu zählt beispielsweise Hanf, Stroh, Holz- oder Schafwolle. Laut Eberhard Fritz müssen aber auch diese Materialen teilweise für den Einbau mit Präparaten bearbeitet werden.

„Niemand kann letztlich sagen, welcher Stoff in Zukunft als gefährlich gilt.

Eberhard Fritz

Abfall- und Stoffstrommanager bei der Firma Feess.

Lange wurde HBCD-haltiges Styropor als Dämmstoff verbaut. Seit Oktober gilt das Material als Sondermüll, denn der Flammschutz wu
Lange wurde HBCD-haltiges Styropor als Dämmstoff verbaut. Seit Oktober gilt das Material als Sondermüll, denn der Flammschutz wurde als Umweltgift eingestuft.Fotos: Daniela Haußmann