Kirchheim

Täglicher Einsatz für die Corona-Latte

Gastronomie Kneipen und Clubs setzen in der Corona-Krise auf Außenbewirtung oder Tische auf der Tanzfläche, die Umsätze sind dennoch extrem eingebrochen. Für Verwirrung sorgt zudem die Maskenregel. Von Thomas Zapp

In der Wunderbar werden den Gästen gleich am Eingang die Regeln erklärt.Foto: Markus Brändli
In der Wunderbar werden den Gästen gleich am Eingang die Regeln erklärt. Foto: Markus Brändli

Die „Corona-Latte“ ist bei Gunnar Stahlberg keine Kaffee-Spezialität, sondern ein hölzerner Abstandshalter von genau 1,50 Metern Länge. „Der ist täglich im Einsatz“, sagt der Inhaber der „Wunderbar“ in der Kirchheimer Altstadt lachend. Auch in die Plexiglas-Scheibe an der Bar musste er investieren, vor der Bar hat er mit Hockern Sitzmöglichkeiten. Seit dem 1. Juli dürfen bei ihm theoretisch 20 Personen aus verschiedenen Haushalten an einem Tisch sitzen, davor waren es zehn.

Der erfahrene Gastronom nutzt die Auflagen für dekorative Elemente: An einem Holzsockel hängt ein Stop-Schild, der Spender mit dem Desinfektionsmittel wurde gleich darüber angebracht. Zu den Regeln in der Wunderbar gehört, dass man zu seinem Tisch geleitet wird und bis dahin eine Maske trägt. Da es wegen der Abstands-Gebote im Innenbereich weniger Platz gibt, hat Gunnar Stahlberg außen ausgebaut und die Fläche dort fast verdoppelt. „Wir haben zum Glück tolle Nachbarn, die nichts dagegen hatten“, sagt er. Allerdings hat Stahlberg dadurch mehr Aufwand. „Ein Drittel mehr Personal ist im Einsatz, da es mehr Laufwege gibt.“ Hinzu kommt die Zurückhaltung der Gäste: Das Wochenende nach der Wiedereröffnung sei das „schlechteste seit 20 Jahren“ gewesen. Dirk Storm vom „Pub Storm‘s“ sieht die Situation dagegen gelassen. „Ich hab maximal 10 bis 15 Prozent weniger Umsatz. Aber ich kann mich nicht beklagen“, sagt er. Damit scheint er aber eine Ausnahme zu sein. Die Zahlen des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands sprechen eine andere Sprache (siehe Info).

Club wird zur Bar

Noch schwerer haben es die Club-Betreiber. Seit dem 30. Mai dürfen sie zwar wieder öffnen, doch derzeit nur als Schank- und Speisewirtschaften. Jedem Gast muss ein Sitzplatz zugewiesen werden, Getränke und Speisen dürfen nur im Sitzen konsumiert werden. Tanzen ist verboten, die Hintergrundmusik darf nur leise abgespielt werden. „Das ist eine große Herausforderung, die Leute in den Keller zu holen“, sagt Sedat Aybulut, Inhaber des Edison-Clubs am Postplatz. Er hat seine Diskothek zu einer reinen Bar umfunktioniert und sowohl das Licht für die Tanzfläche abgestellt als auch Tische aufgestellt, wo normalerweise die Gäste dicht an dicht tanzen. Aber das ist ja noch untersagt, wie lange, weiß auch Sedat Aybulut nicht. „Wir wissen ja nicht einmal, ob ab September eine zweite Welle kommt“, meint er. Aber wichtig ist ihm momentan vor allem die Botschaft, dass er überhaupt geöffnet haben darf. Dafür nimmt er auch deutlich weniger Umsätze in Kauf. „Normalerweise haben wir hier 400 bis 500 Leute, jetzt sind es um die 50“, sagt der Unternehmer.

Auch eine andere Kirchheimer Institution vermeldet ihre Rückkehr: Alex‘s Pub, ehemals Milchbar, hat seit vergangenen Freitag wieder geöffnet und freut sich, mit seinen Gästen „feiern“ zu können - mit „Open End“. Beide tun gut daran, die Vorgaben einzuhalten. In Stuttgart hat das städtische Ordnungsamt einen Club geschlossen, weil dort rund 100 Menschen die Corona-Vorgaben ignoriert hatten.

Bei Thomas Heidkamp hat Corona gleich doppelt zugeschlagen: In seiner Sportsbar Bistro 93 in Jesingen fielen die großen Umsatzbringer wie die Endphase der 1. und 2. Fußballbundesliga zunächst ganz weg und dann deutlich kleiner aus. Die Fußball-EM ist ohnehin verschoben worden. „Das hat uns arg getroffen“, sagt der Gastronom. Auch die Auflagen fürs Dartsspielen oder für Automaten änderten sich ständig. „Da wird man irre“, sagt er offen. Außerdem muss er die Hygiene-Extras wie Plexiglas vor dem Ausschank, Desinfektionsmittel, Spender, Schilder und Masken bezahlen. „Bei 1 200 Euro hab ich aufgehört zu zählen.“

Zum Glück kann er auf ein Stammpublikum bauen. Für die treuen Gäste hat er eine Kundenkartei angelegt, damit sie nicht einen Anmeldebogen ausfüllen müssen. Dennoch merkt er generell eine Zurückhaltung. „Wenn ich die Jahreskalkulation zugrunde lege, sind bis Ende Juni bei mir etwa 50 000 Euro ausgefallen, auch an Events wie Livemusik, Bier-Quiz oder eben Fußballschauen“, sagt Heidkamp, der das Bistro mit seiner Partnerin Ulrike Kromer 2019 übernommen hatte. Seine Hoffnung richtet sich auf den September und eine weitere Normalisierung. Dann kehre hoffentlich wieder Normalität ein, sonst werde es eng: „Man kann nicht lange so weitermachen.“ Den dafür notwendigen langen Atem hat nicht jeder: „Die Kneipe“ in der Kirchheimer Henriettenstraße hat die Rolläden heruntergelassen.

Maskenpflicht hat sich verschärft

Eine Umfrage unter den Mitgliedern des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga hat ergeben, dass die geltenden Abstandsregelungen die Zahl der verfügbaren Sitzplätze erheblich verringern. „Fast jeder zweite Sitzplatz geht verloren“, sagt Daniel Ohl, Sprecher des Dehoga Baden-Württemberg. Ein Problem sei mit der neuen Verordnung ab 1. Juli zudem die Gleichsetzung von Innen- und Außenbereich. „De facto ist das eine Verschärfung für die Gastwirte, denn bislang brauchte die Bedienung im Außenbereich keine Maske zu tragen. Daher appellieren wir an die Landesregierung, zu prüfen, ob die für Mitarbeiter gerade bei steigenden Außentemperaturen teilweise sehr beschwerliche Maskenpflicht im Freien medizinisch wirklich notwendig ist“, betont Daniel Ohl. zap

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