Kirchheim

Tonerde statt Herzdruckmassage

Geschichte Das Rettungswesen mit DRK und Feuerwehr ist heutzutage gut durchorganisiert und läuft reibungslos Hand in Hand. Ein Blick zurück zeigt, dass dies nicht immer der Fall war. Von Daniela Haußmann

Helmut Eiting zeigt die dürftige Rettungsausrüstung von früher.Foto: Daniela Haußmann
Helmut Eiting zeigt die dürftige Rettungsausrüstung von früher.Foto: Daniela Haußmann

Ob Krankheit, Unfall oder Brand - wer im Notfall medizinische Hilfe braucht, kann sich auf ein perfekt ausgebautes Rettungssystem verlassen. Doch das war nicht immer so. „Als die Kirchheimer Feuerwehr 1849 ins Leben gerufen wurde, handelte es sich um eine reine Löschtruppe. Mit Hilfeleistungen für Verletzte hatten die Kameraden damals nichts am Hut.“ sagt Helmut Eiting. Obwohl es das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in der Teckstadt seit 1913/14 gibt, kam es erst in den Fünfzigerjahren zu einer Zusammenarbeit beider Rettungsorganisationen, weiß der Vorsitzende des Kirchheimer Vereins für historische Feuerwehrtechnik.

„1958 fand die erste gemeinsame Hauptübung von DRK und Feuerwehr statt“, berichtet Helmut Eiting. „Vor Kurzem sind wir auf einen Film gestoßen, der das Ereignis dokumentiert.“ Damals beschränkten sich die Aufgaben der Sanitäter auf die Grundversorgung von Verletzten. „Über die Befähigung, beispielsweise Personen zu beatmen, verfügten die Helfer damals nicht“, klärt Eiting auf. „Es fehlte der notwendige medizinische Hintergrund.“ Erst als das DRK ab Mitte der Siebzigerjahre zur Feuerwehr in die Henrietten- straße zog, ergab sich ein Wissensaustausch. Die Sanitäter brachten den Floriansjüngern unter anderem bei, wie sich Druckverbände anlegen lassen oder wie Brüche geschient werden. „Bei der Berufsfeuerwehr war das anders, die hatte sich den Sanitätsdienst früh einverleibt“, erzählt Helmut Eiting. „Bei der Freiwilligen Feuerwehr hingegen wurde die Erste Hilfe erst 1985 in die Grundausbildung integriert.“

Davor gab es in den Reihen der Feuerwehr keine Sanitätsausbildung. „Um 1920 war ein Kamerad in beiden Rettungsorganisationen aktiv“, so der Experte. „Aber solche Doppelmitgliedschaften waren eine Ausnahme.“ Bis zum Zweiten Weltkrieg war das DRK laut Helmut Eiting für die Verpflegung der Bevölkerung in Katastrophenfällen zuständig und für die Versorgung von Kriegsverletzten. Wer bis 1945 beispielsweise bei Bränden oder Bombardements verletzt oder verschüttet wurde, musste hart im Nehmen sein. Die Verletzten wurden zwar aus den Gebäuden geschafft oder aus den Trümmern befreit, doch eine medizinische Versorgung erhielten sie erst im Krankenhaus. Mit Karren, Lastern oder Fahrzeugen, in denen die Tragen übereinander gehängt wurden, brachten Sanitäter die Verletzten in die Klinik.

Ab den Fünfzigerjahren steigerte der zunehmende Individualverkehr die Bedeutung der Ersten Hilfe. „Die Zahl der Autos, die in Kirchheim und Umgebung über die Straßen rollten, war überschaubar“, erinnert sich Helmut Eiting. „Geschwindigkeitsbegrenzungen wie heute gab es nicht. In der Stadt galt Tempo 50, doch auf der Landstraße fuhr jeder so schnell er wollte.“ Entsprechend schwer fielen die Unfälle aus. Größtenteils unangegurtet flogen viele Fahrer durch die Frontscheibe und verstarben. Hilflos stand die Feuerwehr jenen gegenüber, die nicht sofort tot waren, sondern beispielsweise mit abgetrennten Gliedmaßen am Einsatzort lagen. Die Opfer mussten auf lebensrettende Sofortmaßnahmen warten, bis das von der Polizei alarmierte DRK eintraf.

„Damals ereigneten sich aufgrund der geringeren Verkehrsdichte zwar weniger Unfälle als heute, aber sie fielen brutaler aus“, sagt Helmut Eiting. „Das war bis weit in die Achtzigerjahre hinein so. Daher kam man zwangsläufig irgendwann zu der Einsicht, dass Feuerwehrleute Kenntnisse in Erster Hilfe haben sollten.“ Obwohl dieses Know-how bei den Feuerwehrleuten ziemlich spät eine Rolle spielte, waren die Fahrzeuge bereits im Krieg mit Verbandskästen ausgestattet. „Aber die dienten mehr der Eigenversorgung. Sie enthielten Pflaster, Verbände, essigsaure Tonerde und Riechsalz, das bei Schwindel und Ohnmacht unter die Nase gehalten wurde“, erläutert Helmut Eiting. „An diesen alten Verbandskästen war nicht mal ein Mindesthaltbarkeitsdatum angebracht.“ Mit zunehmender Verkehrsdichte wuchs aber nicht nur die Bedeutung der Ersten Hilfe. Auch die technische Hilfeleistung wurde immer wichtiger.

„1976 bekam die Feuerwehr Kirchheim einen Range Rover, der mit einem hydraulischen Rettungssatz ausgestattet war, zu dem ein Spreizer und eine Schere gehörte“, fährt Eiting fort. „Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir eingeklemmte Personen ausschließlich mit dem Brecheisen aus ihrem Fahrzeug befreit.“ Ein Beispiel, das aus Sicht des Experten zeigt, dass die Feuerwehr ebenso wie das DRK stets mit den Anforderungen gewachsen ist.

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