Kirchheim

Tonkunst durch gestaltete Klänge

Konzert Bei der Orgelnacht in der St. Ulrichs- kirche in Kirchheim gab es verschiedene Musikrichtungen zu hören: von geistlichen bis weltlichen Stücken. Von Gabriele Rolfs

Das Salonensemble „fracklos“ ergänzte die Orgelnacht auch mit der weltlichen Musik von Lebenskünstlern. Fotos: Markus Brändli
Das Salonensemble „fracklos“ ergänzte die Orgelnacht auch mit der weltlichen Musik von Lebenskünstlern. Foto: Markus Brändli

Die Orgelnacht in St. Ulrich ist in Kirchheim längst zur Tradition geworden - einer kreativen und immer wieder überraschenden Tradition. Auch dieses Jahr gelang es Dekanatskirchenmusiker Thomas Specker, die Zuhörer durch vier abwechslungsreiche Konzerte zu faszinieren. Im Verlauf des Abends erlebte das Publikum, wie sich Raumempfinden durch Klanggestaltung verändern kann, wenn echte Tonkünstler am Werk sind.

Thomas Specker eröffnete die 17. Orgelnacht mit César Francks Andantino in g-Moll für Orgel solo, das die Zuhörer zur Ruhe kommen ließ. Mit ihrem Spiel auf der Viola d’Amore bereicherte Gertrud Schmidt das Orgelspiel im Folgenden. Der sanfte und durchsichtige Klang des Instruments wird durch eine Kombination von Spielsaiten und zusätzlichen Resonanzsaiten erzeugt. Besonders reizvoll gelang Frank Martins „Musette“, bei der die faszinierende Klangmischung von Orgel und Viola d’Amore den Kirchenraum auf einmal flirrend und changierend erscheinen ließ, als ob unterschiedlich leuchtend bunte Kirchenfenster ihn in Farbe setzten. Bei „Prélude et danse fuguée“ von Gaston Litaize füllte Thomas Speckers Orgelspiel in einem großen Spannungsbogen den Klangraum von St. Ulrich, zu Beginn scheinbar spielerisch, am Ende drohend intensiv und stark.

Musikalisches Gebet

Die zweite Stunde der Orgelnacht hatte der Chor „Quintessenz“ unter der Leitung von Christa Strambach dem musikalischen Gebet gewidmet. Egal, ob der Chor einen Hymnus aus dem 5./6. Jahrhundert, das „Pie Jesu“ aus dem Requiem von Andrew Lloyd Webber oder die Komposition eines Chorsängers aufführte, egal ob a cappella oder mit orchestralem Orgelpart, mit oder ohne Solistinnen musiziert wurde - es stimmte einfach alles: Präsenz, Intonationssicherheit, Ausdruck. Ein Klang-Raum-Erlebnis besonderer Art vermittelte der Chor den Zuhörern durch die Aufführung von Mendelssohn-Bartholdys „Verleih uns Frieden gnädiglich“: Im Kirchenschiff verteilt, intonierten sie das alte Gebet präzise und umfingen die Anwesenden förmlich mit dem Klang. Die Standing Ovations der Zuhörer machten deutlich, dass der Chor alle Zuhörer erreicht hatte.

Nichtsakrale Experimente

Bei der Orgelnacht wird auch experimentiert und der Kirchenraum auch für nichtsakrale Musik geöffnet. So folgte auf den Schwerpunkt „Gebet“ das Salonensemble „fracklos“ unter der Leitung von Cornelia Schlichte - Musik der Lebenskünstler, cool und lässig, wehmütig und relaxt. Und auf einmal zeigte sich auch die Orgel in einem anderen Licht: Nicht nur klassische Kirchenmusik, sondern auch „Moon River“ von Henry Mancini kann man mit viel Charme gemeinsam mit einem Salonorchester auf ihr intonieren. Ein weiteres Glanzlicht des Abends war das letzte Konzert: „Orgel plus Bläser“ mit den drei Trompetern Klaus-Ulrich Dann, Hubertus von Stackelberg, Martin Schmelcher, Marion Hafen an der Pauke und Albrecht Schmid an der Orgel. Bei Bachs Concerto in D-Dur und Händels Feuerwerksmusik ließen die drei Trompeter den Kirchenraum mit ihrem makellosen Klang wie zur hellen Mittagszeit erstrahlen, ganz im Gegensatz zum Orgelsolo „Das Irrlicht“ von Gordon Balch-Nevin und den frappierenden Glockentönen des Vibrafons bei „Music of the Day“ von Bill Molenhof. So ist die Orgelnacht: immer überraschend, immer spannend - trotz der langen Tradition.

Der Chor „Quintessenz“ widmete sich unter anderem dem musikalischen Gebet.
Der Chor „Quintessenz“ widmete sich unter anderem dem musikalischen Gebet. Foto: Markus Brändli
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