Kirchheim

Turbulente Zeiten für Medienmacher

Vortrag Der „Spiegel“-Journalist Joachim Mohr spricht in der Bastion über das größte deutsche Nachrichtenmagazin und die Situation der Presse. Von Günter Kahlert

Steht‘s wirklich so düster um die Zukunft der Zeitung? Joachim Mohr berichtet aus seinem Alltag. Foto: Günter Kahlert
Steht‘s wirklich so düster um die Zukunft der Zeitung? Joachim Mohr berichtet aus seinem Alltag. Foto: Günter Kahlert

Für Joachim Mohr ist die Veranstaltung in der proppenvollen Bastion wie ein Heimspiel. Obwohl der gebürtige Kirchheimer seit 24 Jahren als Journalist beim „Spiegel“ in Hamburg arbeitet, ist er in dem Club immer noch ein bisschen zu Hause. Fast alle kennen ihn. Er erinnert sich lebhaft und sehr positiv an seine Zeit hier: die Gymnasialzeit am Ludwig-Uhland-Gymnasium, der erste Kontakt zur Bastion 1977 als damals 15-Jähriger, seine Arbeit als Mitglied und Kassier im Club und auch an seine freie Mitarbeit beim Teckboten während des Studiums. Auch gibt es immer noch langjährige Freundschaften wie beispielsweise zu Andreas Kenner, der Joachim Mohr auch hierher geholt hat.

Doch das war nicht das eigentliche Thema des Abends. „70 Jahre Spiegel“ stand auf dem Programm. Kann spannend sein oder auch nicht. Um es vorwegzunehmen: Es war spannend.

Spiegel gibt der Pressefreiheit einen neuen Stellenwert

Die wesentlichen Fakten zur Geschichte des „Spiegel“ brachte Joachim Mohr als vierminütigen Einspieler mit, der auch die „Spiegel-Affäre“ von 1962 thematisierte. Kurze Rückblende: Ein Bericht über die Abwehrbereitschaft der Bundeswehr brachte damals eine Anzeige wegen Landesverrats, die Durchsuchung der Redaktion und die Inhaftierung von Gründer Rudolf Augstein und mehrerer Redakteure. „Ein Glücksfall für den Spiegel“, wie Joachim Mohr die damaligen Ereignisse als Historiker kommentiert. „Damit hat er seinen Ruf als unabhängiges, investigatives Magazin endgültig gefestigt und der Pressefreiheit in Deutschland einen ganz anderen Stellenwert gegeben.“

Eine Protestwelle rollte damals durch das Land, die letztlich in einer Regierungskrise und im Rücktritt mehrerer Politiker mündete. Darunter der damalige Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß.

Doch das ist alles lange her. In Joachim Mohrs Präsentation spielte der „Spiegel“, wie er heute ist, die Hauptrolle. Es geht um die Diversifizierung der Spiegel-Gruppe, die Herausforderung der Digitalisierung oder den redaktionellen Aufwand, den sich der „Spiegel“ leistet, mit 245 Journalisten, acht Büros in Deutschland und 18 in aller Welt. Dazu gibt es eine Dokumentationsabteilung mit 70 Mitarbeitern, 150 Millionen Dokumenten und sieben Millionen Bildern. 300 Publikationen in 15 Sprachen werden hier jeden Tag gesichtet. „Es ist eines der größten Zeitungsarchive der Welt“, erklärt Joachim Mohr.

Gibt es Einflussversuche?

Immer wieder betont Mohr die Unabhängigkeit des Magazins. Zwischenruf: „Gibt es Einflussversuche?“ Er antwortet schmunzelnd: „Jeden Tag, jede Menge, jederzeit!“. Dann fügt er hinzu: „Aber wir verdienen Geld, und nur dann kann Journalismus unabhängig bleiben.“

Auch der „Spiegel“ ist nicht vor Auflagenrückgängen gefeit. 2002 verkaufte das Nachrichtenmagazin noch 1,1 Millionen Exemplare pro Woche, derzeit sind es noch 760 000. „Das gefällt uns gar nicht“, sagt der Journalist. „Wenn wir nach wie vor nur den gedruckten Spiegel machen würden, gäbe es uns in zehn Jahren nicht mehr.“ Also gibt es längst „Spiegel Online“ (seit 1994), „Spiegel TV“ und all die anderen Ableger aus dem Verlag. „Online wächst immer weiter“, schildert Joachim Mohr die Situation der Medien. Das Problem: Digital werde weniger verdient, als man durch den Rückgang von Print einbüßt. Eine „Bezahlschranke“, wie sie viele Verlage ins­tallieren, ist seinen Worten nach auch nicht die Lösung. So verliere man 90 Prozent des Traffics und damit Anzeigen.

"Heute arbeiten wir nicht nur als Journalisten, sondern auch in einem Labor"

Zudem zersplittern die Zielgruppen durch immer neue digitale Kanäle. Facebook, Twitter, Snapchat, Instagram und Co. erfordern alle eine eigene „Sprache“ und Aufbereitung, um Menschen zu erreichen. „Heute arbeiten wir nicht nur als Journalisten, sondern auch in einem Labor“, sagt Joachim Mohr zu der Situation. „Wir sind ständig am Entwickeln und wissen nicht, wie lange das jeweilige Format aktuell ist.“

Turbulente Zeiten für Medien also, auch für solche Schwergewichte wie den „Spiegel“. Prognosen zur Zukunft der gedruckten Medien sind angesichts des unglaublich schnellen Wandels schwierig. Langfristige Chancen sieht Joachim Mohr bei ein paar ganz Großen - und im lokalen Bereich. „Gerade bei Lokalzeitungen bekomme ich gesammelt und professionell aufbereitet Informationen, an die ich sonst nur sehr schwer oder umständlich rankomme“, präzisiert er seine Einschätzung. Natürlich werde auch hier der digitale Bereich immer wichtiger, und es gebe interessante Ansätze. Als Beispiel nennt Joachim Mohr Vereinsplattformen im Internet, die unter dem Dach der lokalen Zeitung laufen. Sein Fazit: „Meldungen aus Deutschland, Amerika oder sonst woher bekomme ich im Internet zuhauf, aber nicht, was direkt vor meiner Haustür passiert.“

Anzeige