Kirchheim

Über ein Kilo Heroin im Magen

Mann aus Mali wird zu knapp vier Jahren Haft verurteilt

Im März fanden Polizisten im Magen eines 26-jährigen Afrikaners 100 Heroinpäckchen. Nun saß der Mann auf der Anklagebank am Landgericht.

bernd Winckler

Kirchheim/ Stuttgart. Der Parkstreifen „Rübholz“ an der A 8 zwischen den Ausfahrten Wendlingen und Kirchheim-West ist ein beliebter Zwischenstopp der Fernbusse, die von Nord nach Süd fahren. Gleichzeitig ist hier auch immer öfters der Zoll mithilfe der Bundespolizei vor Ort, um Personenkontrollen vorzunehmen.

So auch am frühen Morgen des 4.  März dieses Jahres. Dabei wurden alle Insassen eines Fernbusses, der von Amsterdam nach München unterwegs war, genau unter die Lupe genommen. Und dabei fiel den Kontrolleuren jener 26-Jährige, der aus Mali stammt, auf, weil er sich recht sonderbar bewegte. Außerdem wirkte er müde und beugte sich mehrfach vor, als ob er Magenschmerzen hätte.

Wie sich herausstellte spielte der schmächtige Mann buchstäblich mit seinem Leben, denn er hatte tatsächlich Magenbeschwerden, wie sich bei einem Drogentest herausstellte. Im Nürtin­ger Krankenhaus fand man noch mehr: Genau 100 professionell in Kunststoffbeuteln verpackte Heroinpäckchen, von denen bereits ein Teil den Weg in den Darmtrakt gefunden hatte. Nach einer Notoperation holten die Ärzte die „Body-Paks“ heraus. Die Waage zeigte genau 1 075 Gramm hochwertiges Heroin, ausreichend für 43 000 Konsumeinheiten zum jeweiligen Verkaufswert von 40 bis 60 Euro. Macht unter dem Strich einen Rauschgift-Straßenwert von einer knappen Viertel Million Euro.

Ein Ermittler in der Sache sagte am gestrigen ersten Prozesstag am Stuttgarter Landgericht: „Die Weiterfahrt mit dem Bus nach München hätte der Mann nicht überlebt!“. Zu groß sei die Gefahr, dass eines der Päckchen undicht wird. So sei man hier eigentlich auch zum Lebensretter geworden. Der 26-Jährige steht nunmehr unter Anklage des Handeltreibens mit Rauschgift und der Beihilfe dazu.

Die 7. Strafkammer in Stuttgart versuchte von dem jungen Mali zum einen Hinweise auf den Ursprung der gefährlichen Droge zu bekommen und auch den möglichen Empfänger herauszufinden, was nicht einfach ist, denn der Angeklagte hat nie eine Schule besucht, kann weder lesen noch schreiben, und gibt an, dass er nicht wusste, dass es sich um Rauschgift handelte, was ihm allerdings der Staatsanwalt nicht abnimmt.

Er sei im Jahre 2011 mit einem Schlepper-Boot über das Mittelmeer nach Italien gekommen, wurde dort registriert und reiste nach seinen Angaben von dort aus weiter nach Frankreich. Bereits in Italien habe er einen gewissen Nigerianer namens John kennengelernt, der ihm ab und zu mit Geld aushalf,

„John“ habe ihn dann Anfang dieses Jahres mit Geld für eine Busfahrkarte von Paris nach Amsterdam ausgestattet und ihm dort dann die 100 Päckchen übergeben, die er Stück für Stück schluckte. Dann setzte „John“ den 26-Jährigen in den Fernbus nach München, gab ihm eine Telefonnummer, die er bei seiner Ankunft anrufen sollte. Den Ermittlern sagte der Angeklagte, er wolle in München nur seinen Bruder besuchen, nachdem er aber zuvor in die Schweiz gereist sei, von dort aus dann weiter nach Udine in Italien. „Jeder Drogen-Körperschmuggler hat in München einen Bruder“, kommentiert dies ein Zollbeamter im Zeugenstand.

Wohin letztlich das Kilo Heroin bester Qualität geliefert werden sollte, bleibt in dem Prozess vor dem Landgericht derweil unbeantwortet. Der anklagende Staatsanwalt vermutet, dass mindestens ein weiteres Mitglied der Bande als Begleiter mit im Bus war. Doch die Polizei, die alle Reisenden genau kontrollierte, fand nichts in dieser Hinsicht und auch keinen Hinweis darauf.

Der junge Afrikaner selbst streitet den Transport in seinem Körper nicht ab. Er habe als Lohn dafür 2 000 Euro von John versprochen bekommen. Angezahlt wurden bereits 500 Euro, die man bei dem 26-Jährigen sicherstellte.

Körperschmuggler mit solchen Mengen Rauschgift im Magen seien recht selten, klärt ein Zollamtmann des Stuttgarter Zollamts die Richter auf. Nicht selten würden solche Transporte mit dem Tod des Trägers enden. Die findet man dann mit aufgeschnittenem Körper irgendwo. Aber die „Body-Packs“ werden immer professioneller, meint er. Die 100 Päckchen waren so hart verpackt, dass man nicht einmal mit einer Nadel habe einstechen können. Der Fahnder vermutet, dass in den Niederlanden die Dinger maschinell verpackt werden. Und auch das Öffnen muss dann maschinell geschehen. Die sichergestellten 1 075 Gramm Heroin sind nunmehr dem Markt entzogen.

Der Angeklagte selbst hat juristisches Glück, denn er muss wegen Rauschgifthandel und Beihilfe dafür lediglich drei Jahre und neun Monate hinter Gitter, wobei die Höchststrafe bei Drogendelikten bei 15 Jahren liegt.

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