Kirchheim

Ulmfahrt entpuppt sich als halber Metzgersgang

  • Corona Was eine Ötlingerin am Mittwoch mit ihren Eltern im Impfzentrum an der Donau erlebt hat.
  • Einen Impftermin zu bekommen, ist gar nicht so einfach. Foto:  Jean-Luc Jacques
    Einen Impftermin zu bekommen, ist gar nicht so einfach. Foto:  Jean-Luc Jacques

    Region. „Ich hatte Glück!“, schrieb Birgit Sienz noch vor wenigen Tagen fröhlich in die WhatsApp-Gruppe, auf der sich ehemalige Abiturientinnen mit Abi-Jahrgang 1984 austauschen. Die Freundinnen beneideten sie. Viele haben betagte Eltern, für die Corona das Todesurteil sein könnte. Die Töchter wählen und klicken sich derzeit die Finger wund in der Hoffnung auf einen baldigen Impftermin. Da kann man schon von Glück reden, wenn man wie Birgit Sienz das große Los zieht. Die Ötlingerin hatte schon am 30. Dezember bei der Hotline 116 117 angerufen. Der Grund: Ihre 80-jährige Mutter ist seit Jahren ein Schwerstpflegefall mit Pflegegrad 4. Sie wird zu Hause vom Vater gepflegt. „Die beiden leben seit März in totaler Isolation, mir war klar, dass ich mich so schnell wie möglich um einen Impftermin bemühen muss“, erklärt die Tochter, warum sie so früh aktiv wurde - zu einer Zeit, wo es in erreichbarer Nähe lediglich in Stuttgart und Ulm Impfzentren gab. Beim ersten Anruf war kein Termin frei. Doch Birgit Sienz erhielt am Telefon den Tipp, es am nächsten Tag noch mal via Internet zu probieren. Gesagt, getan. Der Zugriff aufs Impfzentrum Ulm war erfolgreich. - Allerdings mehr durch Zufall: „Das ist ziemlich kompliziert“, erinnert sie sich: Man musste erst auf ein anderes Bundesland klicken, um dann erneut auf Baden-Württemberg gehen zu können und dann die Auswahl für ein Impfzentrum präsentiert zu bekommen. „Ich hab‘ halt hartnäckig rumprobiert“, erklärt sie sich ihren Erfolg. Zweimal kämpfte sie sich durch alle Masken durch, zweimal erhielt sie einen Code, den man dann durch einen zweiten verifizieren musste. Doch dann stand endlich der Termin für beide fest. „Ich war richtig stolz!“

    Am Mittwoch war es soweit: Birgit Sienz packte beide Eltern ins Auto und fuhr mit ihnen nach Ulm. Dort erlebte das Trio sein blaues Wunder. Für die Mutter sei die Impfung okay, bescheinigte man den Kirchheimern. Aber der Vater, der wird doch erst kommende Woche 80! - Alle Überzeugungskraft versiegte, Appelle an Logik und Menschlichkeit verhallten ungehört. Dass der Vater die Schwerstkranke so gut wie alleine pflegt - kein Argument. Dass ihm selbst nur wenige Tage bis zum 80. Geburtstag fehlen - egal. Dass das betagte Paar seit elf Monaten in fast unmenschlicher Quarantäne lebt - geschenkt. „Das hat weder mit Fairness etwas zu tun noch mit systematischem Vorgehen, denn die Impfdosis war ja bereits eingeplant“, meint Birgit Sienz achselzuckend.

    Die Mutter wurde geimpft, das Trio machte sich auf den Heimweg. Jetzt reiht sich die Tochter wieder in die Reihen der verzweifelt Wartenden ein. Irene Strifler

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