Kirchheim

Und die Kirche war wüst und leer

Rückblick Vor 50 Jahren wurde in der Südstadt die Thomaskirche eingeweiht. Am Anfang war sie innen noch deutlich kahler als heute. Von Peter Dietrich

Die Thomaskirche in Kirchheim unter Teck, eingeweiht am 3. Dezember 1967
Die Thomaskirche in Kirchheim unter Teck, eingeweiht am 3. Dezember 1967 Foto: Peter Dietrich

Sparen, sparen, sparen: Das hieß es beim Bau der evangelischen Thomaskirche in den Jahren 1966 und 1967. Die Baukosten wurden so unter die 1,2 Millionen Mark gedrückt. Zunächst war für die Kirche im Kirchheimer Süden kein Turm geplant. Doch der Stuttgarter Architekt Hans Werner Schliebitz, der auch die gesamte Siedlung und die benachbarte Teck-Realschule plante, entwarf eine abgespeckte Variante mit halbierten Baukosten. Die Sparmaßnahmen - dünne Wände sowie Pfusch am Bau - sorgten in der Folgezeit für viele nachträgliche Kosten und Ärger. Außentüren, Außenwände, Dach und Fenster mussten saniert oder erneuert werden.

In einem Heft der Thomasgemeinde über ihre Kirche von 2001 beklagte Kirchengemeinderat Ekkehard Trumpf die „Sparwut“. Außer Stühlen gab es zuerst kein Mobiliar in der Kirche, Altar und Kanzel waren kunstlose Blöcke. Die winzige Teeküche hatte einen Ausguss, sonst nichts. Die Gemeinde war zusammengewürfelt und sehr arm, denn die neue Siedlung nahm vor allem Heimatvertriebene und DDR-Flüchtlinge auf.

Trotzdem reichten Spenden im Jahr 1970 für drei kleine Glocken. Die erste Orgel, 1968 aufgestellt, war alt und geliehen. Ihre Nachfolgerin, eine Pfeifenorgel, kostete 60 000 Mark und wurde ebenfalls durch Spenden finanziert. Nun wünschte sich die Gemeinde für die große Altarwand aus Beton einen Schmuck, der zur Orgel passte. Textilien und Keramik schieden bald als unpassend aus, aber die monumentale Holzplastik des Künstlers Benedikt Werner Traut von der Christusbruderschaft Selbitz fand begeisterte Zustimmung. Sie heißt „Strahlungen“ und prägt den Kirchenraum erst seit 1982. Die Kirchengemeinderätin Eva Kaiser stellte nicht nur den Kontakt zum Künstler her, sie kaufte später auch dessen Zyklus „Lebensstationen“ und spendete ihn. Die zuvor kahle Sakristei hat die Gemeinde von 1996 bis 1998 in Eigenarbeit verschönert. Geburtshilfe kam damals von der Kreuzkirche. Bis zur Einweihung der Thomaskirche am ersten Advent 1967 traf sich die neue Gemeinde im Foyer der Teck-Realschule. Heute hingegen sind Schüler in der Thomaskirche zu Gast, zum Mittagessen genauso wie zum Üben der Bläser - das wäre in der Schule zu laut.

Pfarrer Gottfried Settgast und Marie-Luise Heck.
Pfarrer Gottfried Settgast und Marie-Luise Heck. Foto: Peter Dietrich

Pfarrergalerie ist überschaubar
Die Pfarrergalerie der jungen Gemeinde ist bisher überschaubar. Ab Februar 1966 leistete der Ruheständler Karl Dieterich Pionierarbeit. Ihm folgten Rolf Steinhilper, Gerhard Benz und ab 1985 Wilfried Krause. Als der im Jahr 2005 einem Krebsleiden erlag, war das für die Gemeinde ein Trauma. Er hatte viele Neuerungen eingeführt und hinterließ große Fußstapfen. Vorübergehend kamen Brigitte Turnacker und Anna-Christina Fischer. Im Juni 2009 kamen Doris und Gottfried Settgast an die Thomaskirche. Nun steht Ende Januar der Ruhestand an, dann wird die Pfarrstelle auf 50 Prozent gekürzt.

Nichts zu kürzen gibt es bei der Kirchenmusik. „Wir haben nie einen angestellten Kirchenmusiker gehabt“, sagt Pfarrer Gottfried Settgast. Also wird jeder Gottesdienst musikalisch anders gestaltet. Mal mit Orgel, mal mit E-Piano, mit dem Flötenensemble der Familien-Bildungsstätte, mit dem Kinderchor „Thomasspatzen“ oder dem Gospelchor „Quasi allegretto“. Einen bedeutenden Raum nehmen die Lieder aus der Kommunität von Taizé ein. Zu jedem Sonntag gehört eines, manchmal auch mehr, dazu kommen Taizé-Abendgebete.

In der neuen Siedlung „Dettinger Weg“ wurden einst 2 600 Evangelische erwartet - eine sehr gute Schätzung, im Mai 1967 zählte die Thomasgemeinde 2 756 Mitglieder. Heute sind es in der überalterten und inzwischen internationalen Siedlung nur noch unter Tausend. Die Gemeinde ist in der Südstadt bestens vernetzt, ökumenisch mit den Katholiken von Maria Königin ebenso wie mit dem multifunktionalen Treffpunkt „Pavi“. Die ehrenamtlich betriebene Jugendbibliothek der Thomaskirche wird noch immer rege genutzt. „Manche kommen jede Woche und holen drei Bücher“, sagt die Kirchengemeinderätin Marie-Luise Heck. „Vor den Ferien sind die Stapel besonders hoch.“

Info Der Festgottesdienst „50 Jahre Thomaskirche“ mit Dekanin Renate Kath beginnt am 3. Dezember um 10.30 Uhr. Außerdem findet am morgigen Samstag, 25. November, ab 14.30 Uhr ein Adventsbasar statt. Besonders ist die Adventskranz-Werkstatt: Die Besucher finden eine Auswahl an grünen Adventskränzen, Kerzen, Bändern und Dekorationsschmuck. Mitarbeiterinnen schmücken dann den Kranz. Gleichzeitig gibt es auf dem Rambouilletplatz viele Aktivitäten für Kinder.

1969: Volles Programm in einem toten Viertel

Beeindruckend ist die Liste der Aktivitäten, die es schon 1969 gab. Zu ihnen gehörten der ökumenische Kindernachmittag, eine Kinder- und Jugendmusikschule, eine Jugendbücherei, Turngruppen, gesellige Abende, Ausflüge, Tanzkurse und Tanzkreise, Basare, Jugendpartys und vieles mehr. In die Kinderkirche kamen bis zu 80 Kinder, es gab bis zu 50 Konfirmanden.

Die Thomaskirche mit ihrem Gemeindezentrum war lange der einzige Treffpunkt in der Siedlung, den Bau eines Begegnungszentrums hatte die Stadt versäumt. Im verregneten Sommer 1968 wurden in der Kirche kurzerhand Tischtennisplatten aufgestellt. In den Jugendkeller fanden täglich bis zu 100 Jugendliche. Zwei Kirchengemeinderäte waren als Aufpasser dabei.pd

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