Kirchheim

„Unser Ziel ist, überflüssig zu werden“

Umweltbewegung Die Initiative Foodsharing hat auch in Kirchheim und Umgebung ihre Anhänger. Hanna Kahindi gehört zu einer Gruppe von Idealisten, die regelmäßig auf dem Markt Essen rettet. Von Thomas Zapp

Da freut sich die Marktfrau: Hanna Kahindi (links) bekommt von Catrin Schadt ein Gemüsesortiment, das nicht mehr verkauft werden
Da freut sich die Marktfrau: Hanna Kahindi (links) bekommt von Catrin Schadt ein Gemüsesortiment, das nicht mehr verkauft werden kann. Foto: Carsten Riedl

Anderthalb Ananas, fünf Schalen Erdbeeren, drei Früchtebecher, eine kleine Kiste Pastinaken, drei gelbe, etwas „latschige“ Paprika, fünf Bananen und noch diverse Birnen. Je nach Geschäft dürfte man etwa 25 Euro für dieses Gemüse- und Obstsortiment bezahlen. Hanna Kahindi bekommt es beim Obst- und Gemüsestand Reicherter auf dem Kirchheimer Wochenmarkt gratis und sogar noch ein freundliches Lächeln dazu geschenkt. Bei ihrem „Einkauf“ handelt es sich um Ausschussware, welche die Standbetreiber nach dem Markttag weggeschmissen hätten. Nun ist die 33-Jährige, die mit ihrem einjährigen Sohn Simon auf den Markt gekommen ist, keineswegs bedürftig.

Hanna Kahindi ist „Botschafterin“ von „Foodsharing“ (wörtlich übersetzt: „Essen teilen“) für den Raum Kirchheim und bezeichnet sich als „Lebensmittelretter“. Diese kümmern sich um Nahrungsmittel, die aussortiert worden sind, weil sie Druckstellen oder ein schrumpeliges Äußeres haben, aber trotzdem noch genießbar sind. Teilen gehört zum Prinzip: Noch ehe sich der Reporter versieht, hat er auch eine Kiste in der Hand, mit gelben Paprika, Pastinaken und Erdbeeren.

Aber was macht man mit Pastinaken? „Man weiß natürlich nie, was man bekommt. Da muss man den Speiseplan etwas anpassen“, sagt Christiane Gebecke, die Hanna Kahindi an diesem Tag unterstützt. Sie kennt das Foodsharing aus Hamburg, wohnt aber seit Kurzem in Kirchheim. „Manchmal kriegt man auch Obst und Gemüse, das man gar nicht kennt“, sagt Hanna Kahindi. Dann werde man automatisch kreativ, sagt sie. „Ich habe wieder angefangen, Rote Bete einzulegen“, erzählt ihre Mitstreiterin Christiane Gebecke. Was zu viel ist, verschenken sie weiter unter Bekannten oder an die Kirchheimer Schenkscheune. Als Konkurrenz zu den Tafeln sehen sich die Foodsharer aber nicht. „Die haben immer Vorrang“, sagt David Jans vom Foodsharing-Vorstand in Stuttgart.

Es ist unter den Lebensmittelrettern verpönt, mit einem festen Speiseplan zu kommen und Spenden auszuschlagen, weil man keinen Appetit darauf hat. Nehmen was kommt, heißt die Devise. Darum muss jeder Aspirant auf den Job als Lebensmittelretter zuvor einen Fragebogen ausfüllen, ob er sich wirklich mit den Zielen der Bewegung identifiziert. Die Fragen sind so formuliert, dass die Leute ausgefiltert werden, die Foodsharing als günstige Alternative zum regulären Einkauf sehen. „Viele scheitern beim ersten Mal, manche auch häufiger“, weiß Hanna Kahindi.

Es gibt noch weitere Verhaltensregeln für die Retter: Beim Essen abholen keine „normalen“ Kunden stören, freundlich zu den Spendern sein und Hilfe anbieten beim Kisten tragen. Catrin Schadt von „Früchte Reicherter“ freut sich über die Abnehmer. „Die Kunden erwarten top-frische Ware“, sagt sie. Da müsse viel aussortiert werden, obwohl es noch perfekt genießbar sei. „Das ist schon schade“, sagt sie. Ihr Chef Peter Reicherter freut sich ebenfalls. „Wir haben fast keinen Biomüll mehr, das ist genial.“ Für die Foodsharer wird das Gemüse an jedem Markttag schon zur Seite gestellt.

Wer keine Zeit für ein umfassenderes Engagement hat, kann auch im Alltag zum Retten beitragen. „Ich achte zum Beispiel im Supermarkt darauf, Sachen zu kaufen, die kurz vor dem Ablaufen sind“, sagt Christiane Gebecke. Damit verhindert sie, dass diese Produkte in den Müll wandern.

Für den Inhalt von Abfalltonnen von Supermärkten gibt es wiederum ganz spezielle „Abnehmer“, die sich verwertbare Nahrung nach Toreschluss aus den Tonnen holt. Das so genannte „Containern“ ist in Deutschland jedoch illegal und gilt als Diebstahl, zumal man dafür auf Privatgrundstücke eindringen muss. Freilich kennt man Leute aus der Szene, in Kirchheim würde das aktuell aber niemand machen, meint Hanna Kahindi. Zwei Container-Pioniere sind derzeit im Ausland.

„Unser Ziel ist es, überflüssig zu werden“, sagt Hanna Kahindi. Tatsächlich würde die Erfahrung zeigen, dass sie von den Unternehmen, bei denen sie Nahrung abholen, immer weniger bekommen. Offenbar animiere es mehr zum sparsamen Umgang mit Essen, wenn jemand das Übriggebliebene abholt.

Einer der Gründer der Foodsharing-Bewegung, der auch eine Zeit in Kirchheim wohnte und als geldlos Reisender berühmt geworden ist, heißt Raphael Fellmer. Der Berliner hat mittlerweile in der Hauptstadt das Start-Up-Unternehmen Sirplus gegründet, das in großem Stil Essen rettet und dann bis zu 80 Prozent billiger in eigenen Shops oder über das Internet verkauft. „Das hat aber mit dem Foodsharing nichts mehr zu tun“, sagt Hanna Kahindi. Die Bewegung arbeite ohne Gewinn.

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