Kirchheim
Varini-Vernissage: Silbrige Streifen im Abendlicht

Kunst Viele Menschen haben die Vernissage zur Intervention des Schweizer Künstlers Felice Varini vor dem Kirchheimer Kornhaus verfolgt. Von Kai Bauer

Zahlreiche Besucher hatten sich am Samstagabend in der Max-Eyth-Straße unter den breiten, silbrig spiegelnden Bändern und Linien versammelt, die über die Fassaden und die steilen Dachflächen der historischen Altstadt führen. Bei mildem Herbstwetter konnte man die Vernissage zur Intervention des Schweizer Künstlers Felice Varini, der selbst anwesend war, im Freien genießen.

„Ich bin total begeistert, wie viele Kunstinteressierte heute Abend hier zusammen gekommen sind“, freute sich Dr. Pascal Bader, Oberbürgermeister der Stadt Kirchheim. „Wie bei Ihrem Werk, Herr Varini, lohnt es sich auch im Alltag, ab und an die Perspektive zu wechseln.“ Er dankte auch dem Kunstbeirat, der dieses Projekt in ehrenamtlicher Arbeit ausgewählt und organisiert hat, da dieser zur Zeit unter erschwerten Bedingungen arbeitet. „Das Kornhaus, die eigentliche Wirkungsstätte des Kunstbeirats, ist zur Zeit geschlossen, und so war es der logische Schritt, die Kunst von Innen nach Außen zu führen und im öffentlichen Raum zu präsentieren.“

Die Kunstwissenschaftlerin Susanne Jakob und Professor Florian van het Hekke vom Kunstbeirat der Städtischen Galerie im Kornhaus und Kuratoren des Projekts, dankten den vielen helfenden Händen und den zahlreichen Förderern und Sponsoren. Dabei schilderten sie auch die beeindruckenden nächtlichen Projektionen, als bei ausgeschalteter Geschäfts- und Straßenbeleuchtung die Markierungen auf die Gebäudeoberflächen aufgebracht wurden, auf denen dann anschließend die metallischen Bänder appliziert wurden. 

Professor Dr. Stephan Trüby vom Institut Grundlagen moderner Architektur und Entwerfen, Universität Stuttgart, erläuterte in seiner Rede die städtebaulichen und theoretischen Zusammenhänge des Werkes: „Nein, es ist kein Stern, kein Kreuz, kein irgendwie symbolträchtiges Zeichen, das für die besorgniserregende Großwetterlage steht, das ist Felice Varini sehr wichtig“, stellte Professor Trüby klar. „Zwölf Punkte für sechs Geraden klingt zunächst recht nüchtern und ist vom Künstler auch so gemeint. Wir haben nicht über Metaphysik zu sprechen, sondern über jene Sphäre von Erscheinungen, in der die Dinge nichts anderes repräsentieren, sondern sich selbst präsentieren.“

Im Anschluss an die Veranstaltung konnte man bei einbrechender Dunkelheit die silbrigen Streifen im verschwindenden Abendlicht bewundern und mit zahlreichen Besuchern eigene Interpretationen des Werks diskutieren. 

Das Kunstwerk

"ZWÖLF PUNKTE FÜR SECHS GERADEN" von Felice Varini ist eine Art Vexierbild, das den Raum zur Fläche werden lässt. Die sechs Geraden kehren den gewohnten Wahrnehmungsprozess einer perspektivischen Darstellung scheinbar um und machen den realen Raum zu einer zerschnittenen, durchkreuzten Fläche. Erst die Erfindung der Fluchtpunktperspektive durch den Florentiner Architekt Filippo Brunelleschi um 1400 nach Christus ermöglichte es, den Raum in der Fläche darzustellen. An einem bestimmten Punkt der Max-Eyth-Straße scheint nun ein umgekehrtes Vexierbild zu entstehen: der eben noch reale Raum klappt in der Wahrnehmung des Betrachters zur Zweidimensionalität, zur Postkarte zusammen, die von wild gekreuzten silbrigen Linien bedeckt, oder sogar von breiten Schnitten einer riesigen Schere zerteilt scheint. Es entsteht eine Fläche mit Durchblick, weil man durch die ausgeschnittenen Streifen den gespiegelten Himmel hinter den Fachwerkgebäuden zu sehen scheint. Zwar betont Varini, dass ein Betrachter aus jeder Position heraus das Werk gleichwertig wahrnehmen kann und es keine hierarchische Ordnung der Sichtweisen auf seine Arbeit geben soll. Doch schon durch die mediale Berichterstattung fühlt man sich aufgefordert, durch den Prozess der räumlichen Orientierung zu einer bestimmten, als "richtig" empfundenen Position zu gelangen, um die übergreifende Struktur zu erkennen. Gelingt dies nicht, zerfällt die Wahrnehmung der Linien zu einzelnen Fragmenten, die zwar ästhetisch im jeweiligen Kontext der Oberflächen und Raumsituationen funktionieren, als Gesamtheit jedoch sinnlos erscheinen. Felice Varini verpasst der Stadt ein anspruchsvolles, aber auch humorvolles neues „Image“, ein visuelles Update, das ein futuristisches, technoides Erscheinungsbild entstehen lässt, das die historischen Fassaden einbezieht.