Kirchheim

Vernünftiges Beispiel geben

Es liegt durchaus auf der Hand: Steine heizen sich im Sommer extrem auf. Kinder und Jugendliche machen sich diesen Effekt gerne im Freibad zunutze und legen sich auf die Platten am Beckenrand, wenn sie entsprechend ausgekühlt aus dem Wasser steigen. Abends auf der Terrasse oder auf dem Balkon sitzen viele gerne nahe an der Hauswand, weil diese auch nach Sonnenuntergang noch Wärme abstrahlt.

Aber sehr viel häufiger hat der Hitzestau im Gestein negative Folgen - trägt er doch auch seinen Teil zur Klimaerwärmung bei. Deswegen ist es sinnvoll, sich Gedanken zu machen, ob sich nicht noch sehr viel mehr Flächen als bisher begrünen lassen. Das Grün hat nicht nur den Vorteil, dass es sich nicht aufheizt, sondern auch den, dass es zusätzlich kühlendes Wasser speichert und wieder abgibt.

An Tagen wie diesen, wenn jeder nach Kühlung lechzt und - sofern es sich tagsüber nicht vermeiden lässt, nach draußen zu gehen - den Schatten sucht, ist eines jedem klar: Statt auf Pflas­tersteinen, umgeben von Steinwänden und ohne Sonnenschirm, würden alle lieber unter einem Baum oder einer Laube sitzen, gerne auch auf grünem Rasen. Dass die alten Biergärten mit großen Bäumen aufwarten, hat seinen guten Grund.

Aber alle Vernunftgründe helfen am meisten, wenn sie auch wirklich die Vernunft des einzelnen ansprechen. Wer seinen Steingarten in einen Rasen oder gar in eine blühende Wiese verwandeln soll, muss das auch wollen, muss die Notwendigkeit dafür einsehen. Und auch dann bleiben immer noch die Gründe, die einst dazu geführt haben, den Garten zu schottern: Ein grüner Garten verlangt nämlich wesentlich mehr Pflege - die sich ab einem gewissen Alter zunehmend schwieriger gestaltet.

Die Stadt tut gut daran, wenn sie Überzeugungsarbeit leis­tet. Die Zeichen der Zeit stehen nämlich nicht allein auf Handeln gegen den Klimawandel - so wichtig das auch ist. Die Zeichen der Zeit stehen auch auf individueller Freiheit als höchstem Gut. Jegliches Hineinregulieren wird von vielen Bürgern als unzulässiges Einmischen in Privatbelange empfunden: ob zu Recht oder zu Unrecht, sei einmal dahingestellt. Aber Satzungen werden nur allzu schnell als eine Form von Gängelung und Zwangsbeglückung betrachtet.

Die Vernunft wurde im Zeitalter der Aufklärung in den Mittelpunkt gestellt. Wer also möchte, dass die Menschen vernünftig handeln, sollte sie vor allem aufklären, über die Folgen ihres Handelns. Und er sollte selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Die Stadt muss folglich damit beginnen, vor ihrer eigenen Haustür zu kehren - also zu begrünen.

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