Kirchheim

Viele Fragen bleiben offen

Theater Memminger Ensemble gastiert mit Theodor Fontanes „Effi Briest“ in der Kirchheimer Stadthalle.

Kirchheim. Nach den „Buddenbrooks“ also ein weiteres Romanschwergewicht als Theaterstück in der Stadthalle. Auch Fontanes „Effi Briest“ ist häufig verfilmt worden. Unvergesslich ist die Filmfassung von Hans Werner Fassbinder von 1974 mit Hanna Schygulla. Die siebzehnjährige Effi wird mit dem zweiundzwanzig Jahre älteren Baron von Innstetten verheiratet. Sie lässt sich aus Langeweile mit dem Frauenheld Crampas ein. Nach Jahren entdeckt Innstetten Briefe von Crampas an seine Frau, tötet Crampas im Duell und lässt sich von Effi scheiden. Effi ist nichts geblieben, auch nicht ihr Kind. Sie stirbt jung.

Bei dem Gastspiel des Landestheaters Schwaben aus Memmingen ist vom ersten Auftritt an ein entschiedener Wille zu spüren, einen eigenen Weg zu gehen. Schon rein äußerlich ist Effi nicht die Gestalt, in der sich laut Fontane „in allem, was sie tat, Übermut und Grazie paarten“. Sie präsentiert sich im jeansfarbenen Overall und einer rötlichen, wilden, verfilzten, schwer kämmbaren Haarmähne. Statt wortreicher Konversation gibt es eine Pantomime mit Effis Eltern, in der sich die Figuren ruckartig bewegen.

Nanu, so viel Progressivität aus Memmingen? Die Recherche ergibt, dass es sich um eine Studioproduktion handelt, vorgesehen für einen Zuschauerraum von maximal neunzig Personen. Studiobühnen sind Spielwiesen für Experimente. Das Publikum sitzt ganz nahe am Geschehen und ist auf Experimente gefasst. Experimentell ist schon die Bühne: Ein Verlies mit zwei Treppenabgängen und einer in Grautönen gehaltenen, gemusterten, an manchen Stellen eingerissenen Tapete erzeugen eine kalte, ungemütliche Atmosphäre. In diesem Raum gibt es in rascher Folge Szenenspots mit der Reduktion der Sprache auf das Nötigste, überbrückt durch dissonante Akustik. Moderne Medien sind in Form eines Fernsehers und von Smartphones präsent.

Es wird deutlich: Die Memminger Dramaturgin und die Regisseurin versetzen Fontanes Effi in die heutige Zeit und werfen einen Blick aus der heutigen Zeit auf diese Gestalt. Effi ist umgeben von einer Gesellschaft, die wie Marionetten nach starren gesellschaftlichen Regeln leben. Ihr wird als Frau in der patriarchalisch dominierten Ständegesellschaft kein Eigenleben zugestanden. Diese Thematik, die bei Fontane schon angelegt ist, bei einer Bühnenfassung zuzuspitzen, ist eine legitime Vorgehensweise.

Problematisch wird die Theaterfassung der Memminger Theaterfrauen aber auf der Darstellungsebene. Sie überlassen es nicht dem Publikum, aus dem Bühnengeschehen die gewünschten Schlüsse zu ziehen, sondern bieten die Interpretation gleich auf der Darstellungsebene. Innstetten und Crampas werden in ihrer Fremdbestimmtheit nicht durchschaut, sondern sie treten gleich als Playmobilfiguren auf, mit schwarzer Helmfrisur und eckigen Bewegungen. Dass in Innstetten viel Aggression steckt, wird immer wieder durch seinen Fernsehkonsum von Gewaltszenen demonstriert. Vater Briests Spießigkeit wird nicht entdeckt, sondern durch Filzlatschen und die Lektüre des Memminger Tagblatts konkretisiert. Und natürlich Effi: Dass sie auch eine Frau ist mit Gefühlen und überbetonten weiblichen Körpermerkmalen, wird gleich durch ihr Äußeres klargestellt. Dass sie nicht einmal anfangs eine lustvolle Bewegungsfreiheit hat (wie bei Fontane), wird demonstriert, indem sie sich nach dem vorgegebenen Muster der Hausfrauenfernsehgymnastik bewegt.

Kurzum: Es wird vor lauter missionarischem Mitteilungsbedürfnis schon auf der Darstellungsebene zu viel interpretiert. Dadurch leiden das lebendige Bühnengeschehen, und die Bühnengestalten leiden unter Blutverlust. Das Tempo bleibt gleichförmig. Die Schauspieler haben keine Gelegenheit, differenzierteres Können zu zeigen. Viele Fragen bleiben offen, etwa die Doppelrolle Mutter/Crampas. Ist da nur ein Sparwille am Werk oder auch Tiefsinn? Zur Distanz und der kalten Atmosphäre trägt auch bei, dass eine Studioproduktion in der Stadthalle gezeigt wird, die Zuschauer sind relativ weit weg von den Aktionen, die sich oft im Kulissenhintergrund abspielen.

Also ein misslungener Theaterabend und falsch investierte Zeit? Gewiss nicht. Das Live-Erlebnis Theater ist immer einen Einsatz wert, die Auseinandersetzung mit einem Experiment immer anregend. Und die Dramatisierung eines Romans kann immer Anlass sein, zum Originalwerk zu greifen. Nebenbei: Es wäre interessant, die Meinung der heutigen Jugend zu diesem Romanzugriff zu hören. Schließlich gehört „Effi Briest“ zum Lektürekanon der Schule. Offensichtlich hat es sich noch nicht genügend herumgesprochen, dass der Kulturring ein Jugend-Abo für einen Spottpreis anbietet. Ulrich Staehle

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