Kirchheim

Vier neue Jungs gehören jetzt ins Haus

Ehrenamtspreis Starke Helfer: Familie Raff hat Flüchtlinge aus Pakistan bei sich aufgenommen

Vor fünf Monaten hat Familie Raff in Weilheim großen Zuwachs bekommen: vier erwachsene „Söhne“ auf einmal. Alle vier stammen aus Pakistan.

Zum interkulturellen Austausch gehört in der Weilheimer Familie Raff auch das Teilen von Speisen und Rezepten. Die pakistanische
Zum interkulturellen Austausch gehört in der Weilheimer Familie Raff auch das Teilen von Speisen und Rezepten. Die pakistanischen Familienmitglieder kochen und servieren dann auch Gerichte aus ihrer Heimat.Fotos: Markus Brändli

Weilheim. Der Ehrenamtspreis des Teckboten und der Stiftung Kreissparkasse steht unter dem aktuellen Motto „Zusammen leben ohne Grenzen“. Nichts könnte besser das Leben im Hause Raff beschreiben. Grenzen haben die neuen Mitbewohner schon vor mehr als einem Jahr überschritten – viele Grenzen. Ihr jeweiliger Weg von Pakistan nach Deutschland hat ein gutes halbes Jahr in Anspruch genommen.

Seit Anfang April leben die vier Pakistanis nun nicht mehr im „Camp“ am Weilheimer Stadion, sondern mit einer deutschen Familie unter einem Dach. Insgesamt leben neun Personen im Alltag zusammen, und Grenzen gibt es keine im Haus. Im Gegenteil, es herrscht grenzenloses Vertrauen, wie Friederike Raff berichtet: „Wir waren im August für zwei Wochen im Urlaub, und währenddessen waren die vier alleine hier im Haus.“

Bis sie aber dauerhaft vom Camp ins Raffsche Haus übersiedeln konnten, war ein gewaltiger bürokratischer Hürdenlauf vonnöten, denn eigentlich ist es nicht vorgesehen, dass Flüchtlinge ein privates Wohnquartier beziehen, bevor sie nicht bleibeberechtigt sind. Noch immer dauern die Behördengänge an. „Ein Asylantrag ist der reinste Dschungel“, erzählt Karl Heinz Raff. „Shani hätte einen Job in der Gastronomie bekommen, aber nirgendwo war sein Antrag zu finden. Die Genehmigung zum Arbeiten hat neun Wochen gebraucht. Und bis die dann da war, war der Job natürlich weg.“

Bei Nomi ist es besser gelaufen. Seine Arbeitsgenehmigung kam ziemlich kurzfristig. „Aber das war im März“, sagt Karl Heinz Raff. „Jetzt dauert alles viel länger.“ Die Behörden seien mit den vielen Anträgen wohl häufig überlastet. Trotz Arbeitsgenehmigung aber ist Nomis Asylantrag abgelehnt worden. Generell ist die Bleibewahrscheinlichkeit für Pakistanis nicht sehr hoch. „Man sieht da eher auf die Nation, nicht auf den einzelnen Menschen“, meint Karl Heinz Raff. In Nomis Heimatregion, dem pakistanischen Bergland, gibt es große Schwierigkeiten mit den Taliban, wie er selbst berichtet. Ständig seien die Menschen dort von Entführungen oder von Bomben bedroht.

Bei Abid und Shafique gibt es derzeit eine andere Art von Bedrohung: Die beiden sind gemeinsam aus Pakistan geflüchtet, und nach Deutschland sind sie letztlich über Ungarn eingereist. Zumindest ist Ungarn das Land, in das sie nach geltendem Recht jederzeit zurückgeschickt werden könnten oder gar müssten. Karl Heinz Raff stellt in allen Fällen fest: „Immer herrscht die Angst, dass man nicht weiß, wie es weitergeht.“

Im Hause Raff weiß zwar auch niemand, wie es genau weitergeht. Aber dort spielt das keine so große Rolle. Auch hier gilt nämlich, dass die vier Jungs aus Pakistan – 23, 24, 27 und 28 Jahre alt – als richtige Familienmitglieder gelten. Bei den eigenen Kindern weiß man ja auch nie, wie lange sie zu Hause wohnen bleiben.

In gewisser Weise haben die beiden älteren Kinder den Weg freigemacht für die vier Pakistanis. Sie wohnen nicht mehr im elterlichen Haus, kommen allenfalls am Wochenende noch zu Besuch. In ihren Zimmern wohnen nun je zwei der pakistanischen „Geschwister“ gemeinsam. Dass es dazu kam, hat sich „einfach so“ ergeben. Friederike Raff engagiert sich im Weilheimer Arbeitskreis Asyl und hat im „Camp“ immer wieder die vier Jungs getroffen, die Tee und Essen mit ihr geteilt haben. Lange, bevor die vier ins Haus der Raffs zogen, waren sie dort regelmäßig zu Besuch. Man hat sich also gegenseitig gekannt – „und das macht es viel einfacher.“ Das Zusammenleben gestaltet sich leichter, als man denken würde. Gegenseitige Rücksichtnahme ist für alle wichtig: „Nach ein paar Wochen hat Abid gefragt, was gut und was schlecht sei, und ob sie sich anders verhalten sollen“, erzählt Friederike Raff. Die Jungs fühlen sich sichtlich wohl bei Raffs. Shani sagt: „Wir wohnen sehr schön, wir sind alle sehr glücklich. Friederike ist wie unsere Mama, Karl Heinz wie unser Papa.“

Auch in anderer Hinsicht nehmen die vier Pakistanis den Platz der beiden älteren Kinder ein: „Der Küchentisch ist für uns immer schon so eine Art Marktplatz, wo man sich trifft und unterhält.“ Jetzt geht es dabei oft um interkulturellen Austausch. Friederike Raff beantwortet dann Fragen, die sie erst einmal selbst zum Nachdenken anregen: Beispielsweise, warum es in Deutschland so viele Scheidungen gibt, wo man doch aus Liebe heiratet – oder warum hier so viele alte Menschen allein in ihrer Wohnung oder gar im Altersheim leben, wo sie doch Kinder und Enkelkinder haben, bei denen sie wohnen könnten.

Zum interkulturellen Austausch gehört in der Weilheimer Familie Raff auch das Teilen von Speisen und Rezepten. Die pakistanische
Zum interkulturellen Austausch gehört in der Weilheimer Familie Raff auch das Teilen von Speisen und Rezepten. Die pakistanischen Familienmitglieder kochen und servieren regelmäßig auch Gerichte aus ihrer Heimat.Fotos: Markus Brändli
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