Kirchheim

Volle Kraft voraus ins Unterirdische

Neubaustrecke Beide Tunnelbohrmaschinen arbeiten eifrig daran, den Weg für die ICE-Neubaustrecke zwischen Stuttgart und Ulm freizuschaufeln. Von Iris Häfner

Von der Vortriebsmaschine Wanda ist nur noch das Ende am Anfang des Tunnels zu sehen. Fotos: Carsten Riedl
Von der Vortriebsmaschine Wanda ist nur noch das Ende am Anfang des Tunnels zu sehen. Fotos: Carsten Riedl

Von Wanda ist am Tunnelloch noch das hell erleuchtete Ende in der linken Röhre zu erkennen. Ihr auf den Fersen ist seit Mitte vergangener Woche ihre Zwillingsschwester Sibylle. Deren „Schwänzchen“ ist noch der winterlichen Witterung ausgesetzt, aber auch sie hat sich mit leichtem Abwärtstrend schon ganz ordentlich in die Erde gebohrt - an der ICE-Tunnelbaustelle in Kirchheim tut sich derzeit einiges.

Gerade der Anfahrt der riesigen Tunnelvortriebsmaschinen (TVM) kommt große Bedeutung zu. „Wir haben da noch eine geringe Überdeckung, und die Röhren stehen eng zueinander“, erklärt Schicht-Ingenieurin Kathrin Haas, die für Sibylle zuständig ist. Stabilität ist in dieser Phase das oberste Gebot, schließlich wollen die Ingenieure eine gegenseitige Beeinflussung der XXL-Maschinen vermeiden.

Die Kipper in Warteschleife

Beide Förderbänder stehen just beim Besuch der Baustelle still. Das ist kein Grund zur Besorgnis, sondern ganz normaler Arbeitsablauf, versichert der Bahnsprecher. Werden die zwei Meter breiten Tübbinge hinter dem Bohrkopf eingefügt, fällt logischerweise kein Aushubmaterial an. Dass schon ordentlich was geschafft wurde, davon zeugen die dunklen Hügel. Hier wartet das zermalmte Schiefergestein auf den Abtransport, der an diesem trüben Nachmittag in vollem Gange ist. Gleich mehrere Kipper müssen in der Warteschleife der Dinge und damit Befüllung harren.

Wer sich zu Fuß in Richtung Tunnel aufmacht, wird sich der Dimensionen immer deutlicher bewusst. Die Bohrpfähle werden immer höher und damit - gefühlt - gewaltiger. An deren Flanken befinden sich Bandspeicher. 300 Meter Gummiband, auf denen später das Aushubmaterial abtransportiert wird, lassen sich hier in Wartestellung bringen. Die Bänder sind ähnlich dem Nähmaschinenprinzip aufgefädelt, der Speicher erinnert entfernt an eine Murmelbahn. Sind die 300 Meter aufgebraucht, wird die gleichlange Charge wieder eingebracht.

Später wird von diesem Tunneltrog nichts mehr zu sehen sein. Hier steht dann das Verwirbelungsbauwerk. „Das alles hier wird zugedeckelt und dient dazu, den Tunnelknall zu vermeiden“, erklärt der Bahnsprecher. Dieser Knall entsteht wegen der hohen Geschwindigkeit, mit der die ICE-Züge in den Tunnel ein- oder ausfahren.

Über die Eisenleiter

Das Hinterteil von Sibylle ist erreicht. Der Einstieg erfolgt über eine kleine, senkrechte Eisenleiter und schon ist die erste Ebene erklommen. Weiter geht es über Treppen und schmale Stege, vorbei an großen Eisenfässern, Generatoren, Rohren und festmontierten Containern. Die Arbeiter genießen bei Tageslicht gerade ihre Pause in dem Aufenthaltsraum in der obersten Etage.

Der Tunneleingang rückt näher, der Blick geht noch einmal in Richtung Himmel - und die Verblüffung ist groß: An den massiven Eisenverstrebungen baumeln doch tatsächlich zwei Vogelhäuschen. In einem ist sogar eine große, gedruckte Eule drapiert. „Ich habe noch keinen Vogel in der Röhre gesehen“, sagt Kathrin Haas. Und genau so soll es bleiben. Ob diesen Hinweis auch die Vögel verstehen, bleibt abzuwarten.

Kaum sind die tierischen Behausungen passiert, kommt die erste Tübbing-Reihe in Sicht. Statt grauem Himmel wölbt sich nun fast auf Augenhöhe die graue Betonwand. Und Sibylle hat sich schon ordentlich in den Untergrund gegraben. Pressluftgeräusche stechen als markantes phonetisches Merkmal hervor. Ohne diese ungewohnte Beschallung könnte man fast meinen, sich im Heizungskeller mit etwas willkürlich verlegten und überdimensionierten Kabeln und Rohren zu befinden. Dass hinter dieser nahezu klinisch reinen und weißen Wand ein Tunnel gebohrt wird, erscheint surreal.

Diesen Anblick werden irgendwann zig Bahnreisende genießen können: graue Wände.
Diesen Anblick werden irgendwann zig Bahnreisende genießen können: graue Wände.
Rauf und runter geht es für die Ingenieure auf den Bohrmaschinen im XXL-Format. Die haben nämlich gleich mehrere Etagen.
Rauf und runter geht es für die Ingenieure auf den Bohrmaschinen im XXL-Format. Die haben nämlich gleich mehrere Etagen.
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