Kirchheim

Vom Lernen völlig fremder Sprachen

Integration Der 28-jährige Syrer Marei Hasan unterrichtet an der Volkshochschule Arabisch. Sein Traum: in Deutschland als Lehrer arbeiten zu können. Von Günter Kahlert

Der Syrer Marei Hasan in seinem Arabisch-Kurs an der vhs Kirchheim ist ein geduldiger Lehrer.Fotos: Günter Kahlert
Der Syrer Marei Hasan in seinem Arabisch-Kurs an der vhs Kirchheim ist ein geduldiger Lehrer.Fotos: Günter Kahlert

Arabisch ist schon ein harter Brocken. Zumindest für Deutsche, die sich für die Sprache interessieren. Geschrieben und gelesen wird von rechts nach links, und auch die Aussprache hat nun mal gar nichts mit Deutsch, Englisch oder Französisch zu tun. Ebenso die Schriftzeichen, die eher wie fein ziselierte Kalligrafien aussehen und doch ganz normale Buchstaben und Sätze sind.

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Doch Marei Hasan ist geduldig, sehr geduldig. Der 28-jährige Syrer unterrichtet seit Herbst einmal pro Woche in der Volkshochschule Kirchheim arabische Schrift und Sprache. Ein Flüchtling, der Deutsche unterrichtet? Das klingt fast ein bisschen wie verkehrte Welt.

Doch ganz so ist es nicht, denn Marei ist von Beruf Lehrer für Englisch und Arabisch. In seiner Heimatstadt Deir ez-Zor, direkt am Euphrat nahe der irakischen Grenze gelegen, hat er an der dortigen al-Furat-Universität seine Ausbildung absolviert. Auch Deutsch war dabei, „aber nur ein bisschen“, wie er lächelnd anmerkt. Vier Jahre konnte er unterrichten, schließlich machten es die Kriegswirren und der IS unmöglich bis lebensgefährlich. Dann kam die Flucht aus Syrien: Balkanroute, 20 Tage im Freien geschlafen, Ankunft in Deutschland, Sonthofen, Ellwangen und schließlich die Kreissporthalle in der Kirchheimer Boschstraße.

Eva Vogelmann, bei der vhs zuständig für Sprachkurse, wurde schnell auf den Syrer aufmerksam. „In den Sprachkursen für Flüchtlinge haben wir sofort gemerkt, dass er total unterfordert ist neben den Anfängern - und teilweise neben Analphabeten“, erzählt sie.

Ihm war langweilig, er kam nicht voran, und so hat sich Marei Hasan in den Kursen kurzerhand als „Co-Trainer“ bewährt. Er selbst schlug schließlich Eva Vogelmann vor, einen Sprachkurs „Arabisch“ anzubieten. Ein glückliches Zusammentreffen, die Nachfrage war da. Eva Vogelmann bestätigt: „Es gab schon vorher Anfragen, von Leuten, die Flüchtlinge betreuen.“

Landesweit haben die Volkshochschulen ein steigendes Interesse an der Sprache registriert. Der Kurs war sofort ausgebucht - und Marei war glücklich. Er konnte wieder in seinem geliebten Beruf arbeiten - ein bisschen wenigstens. Mit sehr positiven Rückmeldungen der Teilnehmer. Für Eva Vogelmann nicht verwunderlich: „Marei ist einfach sehr fleißig, sehr sprachbegabt, und er will halt auch.“

Im Mai letzten Jahres ist er von der Boschstraße in ein eigenes Zimmer nach Oberesslingen gewechselt. Seitdem zieht er seine eigenen Deutsch-Kurse im Turbo-Tempo durch. Die ersten drei hatte er bereits nach sechs Monaten mit Bravour absolviert. Aber typisch für den ehrgeizigen Marei: Er ärgert sich, wenn er die Maximal-Punktzahl knapp verfehlt hat, obwohl er mit Abstand der beste Prüfling war. Momentan büffelt der Syrer von Montag bis Freitag in Stuttgart Deutsch für B2 - das entspricht etwa der hiesigen Mittelstufe - und die Qualifikation „Deutsch für Wirtschaft“.

Er tut das alles für seinen Traum, in Deutschland als Lehrer arbeiten zu können. Da hat Marei sogar ein Angebot der Esslinger Fachhochschule zurückgestellt, als Englisch-Dozent auf Honorar-Basis zu arbeiten. „Ich will das durchziehen, damit ich in einem ganz normalen Vollzeit-Job arbeiten kann“, erklärt er seine Motivation und seinen Ehrgeiz - natürlich in perfektem Deutsch.

Seine Schüler in der vhs sind zweifellos auch motiviert, aber nicht so schnell wie der 28-jährige Syrer. Im laufenden zweiten Semester bewegt man sich immer noch auf einer eher bescheidenen Ebene wie etwa „ma aismak“ (Wie heißt du?), „nem“ (Ja) oder „hal tatakallam al‘almania“ (Sprichst du Deutsch?). Sprechen geht ja noch halbwegs, beim Lesen der arabischen Schriftzeichen wird es schon schwieriger. Man kann sich sehr gut vorstellen, wie schwierig es andersherum ist, wenn die Flüchtlinge schnell Deutsch lernen sollen. Klar ist in beiden Fällen: Schnell geht gar nichts - auch wenn viele Flüchtlinge inzwischen besser Deutsch sprechen als ihre Betreuer Arabisch.

Bis 2018 darf Marei Hasan erst einmal in Deutschland bleiben, aber er hofft auf eine weitere Verlängerung um fünf Jahre. Angesichts des Integrationsbedarfs in Deutschland könnten seine Chancen als mehrsprachiger Lehrer nicht schlecht stehen. Das gilt sowohl für Schulen als auch für die Eingliederung der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt. Neben einem festen Job steht im Übrigen noch etwas auf seiner Wunschliste: Marei würde gerne in Kirchheim wohnen.