Kirchheim

Vom Netz in die Scheune

Ressourcen besser nutzen: In Kirchheim gibt es ab Mitte Juni einen „analogen“ Schenkladen

Die Kirchheimer Verschenk-Gruppe läuft auf Facebook schon richtig gut. Eine Gruppe Öko-Aktivisten will die Idee jetzt in die Realität umsetzen.

Vom Netz in die Scheune
Vom Netz in die Scheune

Kirchheim. In jedem deutschen Haushalt häufen sich mit der Zeit rund 10 000 Dinge an. Seien es Bücher, Klamotten, Besteck oder Möbel: Viele davon werden gar nicht mehr gebraucht und verschwinden irgendwann in der Versenkung. Nutzen tun sie dort keinem mehr. Stattdessen brauchen sie nur Platz – ein Phänomen, das fast jeder kennt.

Im Internet erleben sogenannte „Verschenk-Gruppen“ derzeit ihre Hochphase. In der Kirchheimer Facebook-Gruppe wurden allein gestern elf Gegenstände umsonst weggegeben – darunter Dinge, für die man neu gut mehrere Hundert Euro zahlen würde. Und auch abseits der virtuellen Welt haben sich Schenkläden in vielen Großstädten der Republik etabliert. In Kirchheim wird Mitte Juni der voraussichtlich 90. eröffnet.

Es ist ein Erfolg für die Aktivisten, die hinter dem Projekt stecken: Jonathan Lamp, Daniel Hughes und Raphael Fellmer, der durch seinen fünfjährigen Geldstreik in Berlin bekannt wurde, sind seit Monaten dran, Projekte für ein umweltfreundlicheres Kirchheim zu initiieren. Der Schenkladen in der Schlierbacher Straße, der vielmehr eine Schenkscheune ist, wird die erste konkrete Aktion der Gruppe sein, die ganz Kirchheim erreicht. Wenn alles nach Plan läuft, öffnet die Scheune am 11. Juni.

An drei Tagen die Woche sollen Schenkende und Suchende die Scheune aufsuchen können. An Kleinkram können sich Interessierte direkt vor Ort bedienen, für sperrige Gegenstände gibt es ein Schwarzes Brett. Für Lamp, Hughes und Fellmer ist der Schenkladen wie ein Puzzleteil: Es ist ein Stück vom Ganzen, ein Schritt in die richtige Richtung. „Wir können unsere Ressourcen teilen“, sagt Jonathan Lamp. „Schließlich gibt es alles schon irgendwo. Man muss es nicht immer neu kaufen.“ Diese Philosophie lässt sich nicht nur auf Bücher und Möbel übertragen, sondern beispielsweise auch auf Lebensmittel.

Laut einem der Aktivisten, dem ehemaligen Geldstreikenden und Foodsharing-Gründer Raphael Fellmer, wird in Europa fast die Hälfte der Lebensmittel weggeschmissen. Dem wollte er mit seiner Internet-Plattform Foodsharing entgegentreten, auf der sich inzwischen rund 16 000 Essensretter tummeln, die Deutschlands Supermärkte auf der Suche nach Lebensmitteln, die eigentlich noch gut sind, abklappern.

In Kirchheim hatte die Bewegung um Fellmer Ende letzten Jahres ihr erstes Organisationstreffen. Einige Supermärkte und Marktstände haben seitdem eine feste Vereinbarung mit der Gruppe. Außerdem betreibt die Gruppe einen Gemeinschaftsgarten in Jesingen. Die Ernte aus nachhaltigen Perma- statt Monokulturen soll den Gärtnern ermöglichen, sich teilweise selbst zu versorgen. Der Rest wird geteilt.

Ganz in diesem Sinne soll es im Schenkladen auch für den ersten Kirchheimer „Fair-Teiler“ einen Platz geben: Das ist ein Kühlschrank oder Regal, in dem die „geretteten Lebensmittel“ für jedermann zugänglich gemacht werden – umsonst versteht sich. Es ist nicht nur eine ökologische Vision, die die Gruppe teilt, sondern vor allem eine soziale.

Zumindest für den Schenkladen malt sich Jonathan Lamp eine rosige Zukunft aus: „Davon hat doch jeder was.“ Mit so einem Laden könne man die Hemmschwelle, nachhaltig zu handeln, besonders niedrig halten. Bis Ende 2016 ist das Bestehen des Ladens auf jeden Fall gesichert. Für die Zeit kann der Platz umsonst genutzt werden. Danach müsste sich ein Förderverein gründen, der die Miete für einen anderen Standort übernimmt.

 

 

Am Freitag, 3. Juni, um 19 Uhr findet in der Kirchheimer Stadthalle ein Klima-Vortragsabend statt. Dort spricht unter anderem der Foodsharing-Gründer und Aktivist Raphael Fellmer über seine Zeit ohne Geld.

Raphael Fellmers Projekt „Yunity“: Teilen weltweit

Essen teilen. „Foodsharing“ ist Raphael Fellmers erstes großes Teil-Projekt. 2012 gegründet, wurden über die Internet-Plattform nach eigenen Angaben mehr als vier Millionen Kilo Lebensmittel gerettet. Deutschlandweit vernetzen sich „Essensretter“ und treffen Abhol-Vereinbarungen mit Läden. Auch Privatleute können eigene Vorräte, die sie selbst nicht mehr brauchen, online zur Abholung bereitstellen.

Leben ohne Geld. Der 33-jährige Berliner kam durch seinen Geldstreik aufs Lebensmittelretten. Fünf Jahre lang hat Fellmer sich und seine Familie mit gefundenem Essen über Wasser gehalten. Schließlich wurde aus der Not Leidenschaft. Inzwischen hat er seinen Streik beendet.Über seine Erfahrungen hat er ein Buch geschrieben. Jetzt lebt er in Kirchheim.

Schenkladen online. Bald wird Foodsharing eine weltweite Erfahrung. Mit einer Änderung: Künftig sollen nicht nur Essen, sondern auch Gegenstände oder Fähigkeiten online geteilt werden. Die Angebote landen in einem Pool, auf den immer wieder zugegriffen werden kann. Stellt einer beispielsweise ein Buch auf die Plattform, wird es ständig weitergegeben. Es macht quasi eine endlose Reise von einem zum nächsten Nutzer.

Workshop in Kirchheim. Noch bis Freitag tüfteln Aktivisten aus aller Welt an der dazugehörigen Software bei den „Wupp Days“ in Kirchheim. Die fertige, kostenlose Software namens „Yunity“ soll schließlich als eine Art Werkzeugkasten für die Initiatoren in anderen Ländern funktionieren. Wie genau sich die Länder im Endeffekt organisieren, bleibt ihnen selbst überlassen. Das Ziel ist es Menschen regional zu vernetzen und so die Ressourcen weltweit besser zu nutzen.

Voll im Trend. Das wirtschaftliche Prinzip zu teilen, auch „Share Economy“ genannt, gewinnt in Deutschland immer mehr an Bedeutung. Menschen teilen und leihen Fahrräder, Autos und andere Nutzgegenstände, die sie nicht ständig gebrauchen. Das Internet vereinfacht das. mona

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