Kirchheim

Von der Brache zur Oase

Das Güterbahnhofsgelände soll zum fortschrittlichen Quartier werden – Baustart Ende 2017

Neben dem Kirchheimer Bahnhof sollen möglichst günstige Wohnblöcke entstehen – so schick, dass sie kein Billig-Label verpasst kriegen.

Wo sonst samstags Flohmarktbesucher bummeln, soll Ende 2017 ein neues Wohnquartier gebaut werden. Fotos: Carsten Riedl
Wo sonst samstags Flohmarktbesucher bummeln, soll Ende 2017 ein neues Wohnquartier gebaut werden. Fotos: Carsten Riedl

Kirchheim. In Kirchheim gibt es schönere Orte als das alte Güterbahnhofareal. Zwischen Bauten der 50er- und 90er-Jahre, dem alten Güterbahnhof, Eisenbahnschienen und der viel befahrenen Schöllkopfstraße herrscht derzeit die gespenstische Stimmung einer Industriebrache. Schon bald soll dort ein modernes Viertel mit rund 240 Wohnungen entstehen. So kommt die Stadt dem Ruf nach mehr günstigem Wohnraum nach: Dadurch, dass immer mehr Flüchtlinge in der Stadt anerkannt werden und aus der Erstunterbringung ausziehen müssen, hat sich der angespannte Markt in Kirchheim noch verschärft.

Aus sieben Bewerbungen von Architekturbüros aus ganz Süddeutschland hat sich die Kirchheimer Jury jetzt für einen Entwurf eines Münchner Büros entschieden. Er glänzt vor allem durch seine Leichtigkeit: Sechs schwungvoll gewellte Wohnblöcke bilden auf dem Entwurf drei Innenhöfe mit Spielplätzen, vielen Bäumen und vor allem Ruhe. Der Kegelesbach, der vom Milcherberg runterkommt, ist freigelegt und schlängelt sich zwischen den Häusern hindurch. Der „Unort“ Kirchheimer Güterbahnhofsgelände, wie es der Stuttgarter Stadtplaner Hans Martin Mader bezeichnet, soll zu einer kleinen, städtischen Oase werden.

Denn eigentlich ist die Lage des Areals genial wie kaum eine andere. Zu Fuß ist man in wenigen Minuten beim Bahnhof, bei den Bussen und in der Altstadt. Wer braucht da noch ein Auto? Die Architekten spielen mit den Gedanken der Internationalen Bauausstellung, auf die die Region für 2027 hofft. In ihr wird eine andere Art der Mobilität skizziert, eine Welt ohne Autos. Ganz urban. Der Verwaltung der Radkulturstadt Kirchheim gefällt‘s. „Inzwischen geben doch viele Leute ihr großes Haus mit Garten auf dem Land auf und suchen sich eine schöne Wohnung in der Stadt“, sagt Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker. Fürs Heckenschnippeln fehle den Leuten einfach die Zeit.

Für die neue Wohnanlage muss die Stadt einen Drahtseilakt zwischen schicker Architektur und günstigem Bauen bewältigen. Denn vor allem an Wohnraum für junge Familien mangelt es in Kirchheim extrem. Neben dem geplanten Steingauquartier ist die Wohnanlage am Bahnhof das zweite große Bauprojekt in wenigen Monaten. Beide trennen nur ein paar Hundert Meter Luftlinie. Einigermaßen günstige Mietpreise erreicht die Stadt nur mit Dichte. Dicht bebaute Viertel laufen wiederum Gefahr, mit dem Label „Billig“ versehen zu werden. Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker zeigt sich mit dem Kompromiss zufrieden, nennt die Lösung einen „guten Wurf“.

Als Eigentümerin des Geländes hat die Stadt außerdem bei der Mietpreisgestaltung auch ein Wort mitzureden. 2013 hatte die Verwaltung das Gelände nach eigenen Angaben zu einem Spottpreis gekauft, schmiedete damals noch ganz andere Pläne mit der Fläche. Unter den heutigen Umständen ist sie jedoch froh um jedes Stück Baugrund. Einen Teil der Wohnungen auf dem Güterbahnhofsgelände plant die Stadt auch zur Anschlussunterbringung von Flüchtlingen ein.

Wenn alles glatt geht und der Kirchheimer Gemeinderat in der Julisitzung das Okay gibt, könnten die Bagger schon Ende nächsten Jahres anrollen. Bis dahin muss allerdings noch einiges passieren: Weil das Grundstück nie zuvor bebaut war, fehlt dort jegliche Infrastruktur. Außerdem steht auf einem Teil der Fläche noch ein altes Bootshaus einer Sportbootschule.

Von der Brache zur Oase
Von der Brache zur Oase

Wie funktioniert das Verfahren?

Einer aus sieben: Für das Güterbahnhofgelände hat die Stadt Kirchheim sieben Architekturbüros ausgewählt. Die konnten sich ein Bild machen und innerhalb weniger Wochen ihren Entwurf einsenden. So ist die Stadt schon öfter vorgegangen. Der Vorteil des Gutachterverfahrens gegenüber dem offenen Wettbewerb: Die Qualität ist von Anfang an relativ hoch. Über den Tellerrand: Auf lokale Beiträge wollte die Verwaltung nicht verzichten. So wurde auch ein Kirchheimer Büro eingeladen. Um sich anderswo inspirieren zu lassen, seien Beiträge von außen laut Stadtplaner Hans Martin Mader trotzdem wichtig. Die anderen Architekten stammen aus Stuttgart, München, Kaiserslautern und Konstanz. Geheime Wahl: Eine Jury aus Architekten, Gemeinderäten und Stadtverwaltung hat schließlich am Donnerstag den Sieger gekürt. Die Beiträge wurden mit Tarnzahlen versehen, sodass die Juroren die Teilnehmer nicht identifizieren konnten. Einige Entwürfe schieden schon früh wegen Formalien aus. Das Kirchheimer Büro wurde auf den zweiten Rang gewählt. mona

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