Kirchheim

Von Höhenflügen und Abstürzen

Vortrag Der ehemalige Kirchheimer Kult-Gastronom Paul Kestermann erzählt in der „Wunderbar“ seine Lebensgeschichte – ehrlich, authentisch, ungeschminkt Von Günter Kahlert

Auch nach 20 Jahren „ganz der Alte“: Nur wenige können Geschichten erzählen, wie Paul Kestermann sie erzählt.Foto: Günter Kahler
Auch nach 20 Jahren „ganz der Alte“: Nur wenige können Geschichten erzählen, wie Paul Kestermann sie erzählt.Foto: Günter Kahlert

Es ist wie eine Zeitreise. Paul Kestermann („der Paul“) in der Kirchheimer „Wunderbar“, das ist, als ob er erst gestern weggegangen wäre und nicht vor 20 Jahren. Die gleichen grauen Wuschelhaare, die gleiche sonore Bärenstimme, nur der Bart etwas kürzer getrimmt. Fehlt nur noch Momo, sein Bobtail, der in Kirchheim zu Pauls Markenzeichen gehörte. Und da steht er nun und erzählt. Ganz von Anfang an. Seine Kindheit im väterlichen Dachdecker-Betrieb, sein Abschluss als bester und jüngster Dachdeckermeister in NRW, seine erste Ehe mit Danny und sein damaliges Leben: „Ich hatte einen Porsche, ich war ein geiler Typ.“ Was er nicht hatte, sieht er heute ganz deutlich: Anerkennung – „ich hatte einen Scheiß-Job, den ich nicht wollte“, – und Liebe. Sein Vater neigt zu Gewalt und seine Mutter ist mehr mit sich selbst beschäftigt. Soweit die tiefenpsychologische Aufarbeitung seiner ersten 25 Jahre.

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Segelschule auf den Balearen

„Das Leben ist ein Spiel“, ist das Motto seines „Vortrags“, obwohl – von Vortrag kann eigentlich keine Rede sein. Hier steht die „Marke“ Paul und erzählt, als ob man mit ihm an der Bar sitzt. Vom Ausbruch nach Ibiza zu einem vermögenden Freund, von den Millionären, unter denen er sich damals bewegt mit weniger als 1000 Mark in der Tasche. Anerkennung und Akzeptanz in diesen Kreisen: Null. Und von seinem Bemühen, auch dort auf eigenen Beinen zu stehen, mal mit großem Erfolg, mal mit herben Rückschlägen: Leiter der größten Segelschule auf den Balearen, Chef-Animateur im größten Club Ibizas, eigenes Restaurant („Ich konnte gar nicht kochen“), was man halt so alles macht und probiert auf der hippen Insel. Aber: Auf Ibiza freundet er sich mit dem Österreicher Heinz Piber an, damals bestens vernetzt auf der Gastro-Achse Baden-Baden – Karlsruhe – Pforzheim – Kirchheim. Und der hatte in Kirchheim nicht nur den „Piper‘s Club“, sondern auch den „Bären“ übernommen. Mit mäßigem Erfolg – teurer Umbau, aber der Umsatz dümpelt vor sich hin. Tja, und so kommt Paul nach Kirchheim, Piber holt 1979 den umtriebigen Westfalen in den Bären. Erste Aktion: am Heiligen Abend ist der Bären geöffnet, Paul taucht auf als Weihnachtsmann. Dabei bleibt es aber nicht. „Ich brachte Plattenspieler mit, engagierte Bands, die ich von Ibiza kannte, habe eine Beach-Party gemacht.“ Drei Tonnen Sand werden in den Bären gekarrt, an den Wänden hängen Sonnen-Tapeten à la Ibiza. Für viele Kirchheimer eine unfassbare Aktion. Mit „kleinen“ Hindernissen in der späteren Entsorgung: „Es war leider kein Sand von Ibiza, sondern schwäbischer Fluss-Sand. Drei Tage haben wir den zusammengebackenen Sand wieder rausgepickelt“, muss Paul heute immer noch schmunzeln. Jedenfalls verdoppelt sich der „Bären“-Umsatz innerhalb von drei Monaten, was sich auch schnell bis zur Brauerei nach Stuttgart herumspricht.

„Gott der Hektoliter“

Prompt das Angebot für den „Gott der Hektoliter“: Gastronomie in Göppingen. „Das war mein Lebenstraum, ein Musiktheater mit drei mal Live-Musik die Woche“, erinnert sich Paul. „Marienkäfer“ hieß der Club, in dem Nena einen ihrer ersten Auftritte hatte und für den er „Steppenwolf“ engagierte. „Da bin ich heute noch stolz drauf, auch wenn sich das überhaupt nicht gerechnet hat.“ Dann mal wieder einer seiner Abstürze. Die Stadt entzieht ihm die Genehmigung für Live-Musik, und Paul hat danach 150 000 Mark Schulden. Der Grund, warum er letztlich in Kirchheim bleibt. Hier kann er Geld verdienen und zunächst mal seine Schulden abbezahlen. Der Rest ist Kirchheimer Gastro-Geschichte: Kaffee Klatsch (heute „3 König“), das „Nichts“ (heute „Magellan“), die Tiefgaragen-Parties (TIGA) im Park-Hotel und nicht zu vergessen eine eigene Sendung beim damaligen Radio ES. „Kirchheim war mein Leben“, resümiert er diese Zeit.

1996 ist Schluss für Paul in Kirchheim. Er folgt seiner Frau Dagmar nach München, sie leitet dort eine große Burda-Zeitschrift. Und dann eine 20 Jahre lange Geschichte von Höhenflügen und Abstürzen, von Ideen, Millionen, Gier, menschlichem Stranden und Burn-Out. Das Scheitern seiner Ehe mit Dagmar als ein trauriger Höhepunkt. „Ich habe sie fast zwei Jahre komplett vernachlässigt, und habe es nicht mal gemerkt.“ Heute reflektiert er: „Ich war nicht mehr ansprechbar, nur noch ich, ich, ich!“

Paul erzählt das alles ehrlich, authentisch, ungeschminkt – so wie ihn seine Freunde in Kirchheim schätzen und mögen. Und es sind viele in die „Wunderbar“ gekommen, Paul geht an jeden Tisch, spricht mit jeder und jedem. Man kennt sich eben immer noch. Aber warum erzählt Paul das alles? „Ich habe einen Reifeprozess gemacht, eine gewisse Selbsterkenntnis gewonnen und das möchte ich an Menschen, die mich kennen und die ich mag, weitergeben. Vielleicht ein bisschen Lebenshilfe.“

Sein alter Freund Michael Holz, längst auch Kult in der Kirchheimer Gastronomie, sieht Pauls damaliges Auftauchen in der Kirchheimer Szene als Initialzündung: „Er hat die Erlebnisgastronomie nach Kirchheim gebracht. Er war eine Institution, und das hat bis heute Auswirkungen auf die Gastronomie der ganzen Gegend.“ Und Paul, ist er jetzt nach aller Selbstreflektion weise geworden? Er schmunzelt, „Nein, ich bin nur ehrlich zu mir selbst geworden. Ich bin jetzt 67, ich werde immer laut bleiben, ich werde immer den Mund aufmachen, solange man mir zuhört.“ Und die Sache mit dem Leben als Spiel? „Ich vergleiche das ein bisschen mit Roulette. Manchmal auf die falsche Farbe gesetzt, manchmal auf eine Zahl gesetzt und alles verloren oder gewonnen. Sicherheit war mir nicht wichtig. Aber das Leben wird immer ein Spiel bleiben.“ Eines haben ihm 15 Jahre Kirchheim auf jeden Fall gebracht: Anerkennung und Liebe. Das, was er sein Leben lang sucht. Klingt jetzt ein bisschen schwülstig, nur: Paul Kestermann sieht es exakt so.