Kirchheim

Von Muschelgeld bis zur Kryptowährung Bitcoin

Vortrag Die meisten haben es als Papier oder Münzen in der Tasche. Doch was ist Geld überhaupt?

Kirchheim. Die Stiftung Martinskirche braucht Geld. Derzeit hat sie 355 000 Euro im Grundstock, bis zum Jahr 2023 sollen es 500 000 Euro sein. Ein klein wenig mehr wurde es wieder durch den Vortrag von Dr. Martin Kastrup, der Eintrittserlös dient dem Erhalt der Kirche. Dr. Martin Kastrup ist promovierter Forstwissenschaftler. Ein brillanter Kopf, der seine Zuhörer bei der Definition von „Geld“ forderte - und es schaffte, auch noch unterhaltsam zu sein.

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Ein erstes monetäres System gab es um 3000 vor Christus in Mesopotamien, es nutzte Silber und Gerste. Erste Münzen wurden etwa 650 vor Christus geschlagen und erleichterten den Handel: Es wurde nun gezählt statt gewogen. Erstes Papiergeld tauchte etwa 700 nach Christus in China auf, in Europa erstmals 1656 durch die Bank von Stockholm.

Was Geld ist, kann man soziologisch, rechtlich oder ganz praktisch definieren. Soziologisch ist es ein sozialer Mechanismus, der Komplexität reduziert und auf Vertrauen basiert. Fährt jemand in Urlaub, kann er mit Geld in der Tasche ganz verschiedene Probleme lösen, ob er nun Benzin braucht oder eine Bahnfahrkarte. Liquidität erspart sogar Information: Wer genug Geld hat, muss sich nicht darum kümmern, wo er kostenlos parken kann, er zahlt eben die paar Euro. Umgekehrt, so Kastrup, bedeute das: „Je weniger Geld jemand hat, desto unfreier ist er.“

Für ein komplexes Wirtschaftssystem ist Geld unerlässlich. Keiner muss einen Partner suchen, der mit ihm Armbrust gegen Kuh tauscht, der Handel nimmt den Umweg über Geld.

Geld basiert auf Vertrauen: Vertrauen in die Stabilität des Geldwertes, in die Verwendbarkeit und in das Sozialsystem. Bei Scheinen aus Nordkorea, meinte Kastrup, könne das der Besitzer bezweifeln. Für Wissende gibt es spezielle Indikatoren: Bis der „kleine Mann“ von einem Crash erfährt, haben die Experten ihr Vermögen längst in Sicherheit gebracht.

Geld kann ein Befriedungsmittel sein: Nicht die Macht des Stärkeren entscheidet darüber, wer knappe Ressourcen bekommt, sondern die Zahlungsfähigkeit. Geld muss knapp sein, eine Instanz muss für diese Knappheit sorgen. Von 1948 bis 2014 hat das Geld in Deutschland rund 80 Prozent seines Wertes verloren. Eine leichte Inflation, betonte Kastrup, sei aber nötig, sonst breche die Wirtschaft zusammen. Denn bei Deflation sparen die Leute, weil die Waren ja noch billiger werden.

Geld ist nicht nur für Tauschgeschäfte da. Es gibt es auch als Schuldgeld, das der Schuldner ausgibt: Der Herrscher prägte Münzen, um seine Soldaten zu bezahlen, diese kauften damit beim Bauern ein, von diesem flossen die Münzen als Steuern wieder an den Herrscher zurück. Und es gibt Geld als Kreditgeld, wenn der Gläubiger das Geld ausgibt: „80 Prozent des Geldes, das eine Bank verleiht, ist nicht gedeckt, auch die EZB und die Zentralbanken schöpfen Geld aus dem Nichts.“ So werden aus Nichts Zinseinnahmen, ein verlockendes Geschäftsmodell.

Geld sei ein guter sozialer Mechanismus, fasste Martin Kastrup zusammen. Wichtig sei aber, dass das Geld einigermaßen gerecht verteilt sei. Am Ende bot er noch eine unterhaltsame Reise durch das, was schon mal Geld war, vom Muschelgeld bis zur Kryptowährung Bitcoin.Peter Dietrich

Was schon alles Geld war . . .

Zum Primitivgeld zählen Muschelgeld und auf einer Schnur aufgereihte Achatscheiben.

In den 1920er-Jahren gab es durch Münzmangel Notgeld auf Papier.

Eigenes Geld kann es auch in kleinen Gebieten geben, oder als privates Geld auf den Osterinseln.

Zimbabwe brachte es durch die Hyperinflation bis zum 100-Trillionen-Schein, inzwischen hat das Land gar kein eigenes Geld mehr und nutzt den südafrikanischen Rand und den US-Dollar.

Der Disney-Dollar galt nicht nur im Disneyland, sondern auch in der Gegend.

Auch Kryptowährung Bitcoin ist die Knappheit gesichert, sie kann nur durch einen sehr aufwendigen Algorithmus erzeugt werden. Bisher hat das funktioniert. pd