Kirchheim

Von wegen allein zu Haus

Gesellschaft Kinderreiche Familien stehen in Corona-Zeiten vor Herausforderungen. Das merken auch Anja und Andreas Matthes aus Kirchheim. Von Bianca Lütz-Holoch

Mit fünf Kindern läuft das Leben ein bisschen anders ab - auch und ganz besonders in Corona-Zeiten. Langeweile und Einsamkeit gi
Mit fünf Kindern läuft das Leben ein bisschen anders ab - auch und ganz besonders in Corona-Zeiten. Langeweile und Einsamkeit gibt es zwar nicht. Beim gemeinsamen Wandern aber fällt eine siebenköpfige Familie zurzeit ganz schön auf. Fotos: Jean-Luc Jacques, privat

Im Hause Matthes läuft der Drucker seit Montag wieder im Dauermodus. Wie viele Packungen Papier und wie viel Toner sie in den Wochen des coronabedingten Homeschoolings noch verbrauchen werden, darüber möchte Anja Matthes gar nicht nachdenken. Sie und ihr Mann Andreas haben fünf Kinder im Alter zwischen 3 und 16 Jahren, vier davon schulpflichtig. „Es kostet unglaublich viel Zeit, all das Unterrichtsmaterial herunterzuladen, zu sichten und zu entscheiden, was ausgedruckt werden muss“, erzählt die Kirchheimerin. Immer wieder gibt es auch Engpässe: „Wenn zwei Kinder Unterricht per Skype haben und eines einen Physikversuch auf Youtube anschauen soll, stoßen wir an unsere Grenzen“, sagt sie. Am PC arbeitet ihr Mann im Homeoffice, der Rest muss sich den Familien-Laptop teilen. Und während alle anderen lernen, turnt Nesthäkchen Emil angesichts geschlossener Kindergärten durchs Haus und möchte beschäftigt werden.

Der Unterricht zu Hause und die Betreuung der Kleinsten sind längst nicht die einzigen Themen, die kinderreiche Familien in Zeiten von Corona vor spezielle Herausforderungen stellen. Der Wocheneinkauf, virtuelle Instrumentenstunden, das alltägliche Kochen und Familienausflüge - alles hat andere Dimensionen.

„Ich würde ja gerne nur einmal pro Woche einkaufen gehen“, sagt Anja Matthes. Das ist aber schlichtweg unmöglich. „Wir müssen zwei bis drei Mal die Woche los.“ Der volle Wagen an der Kasse wird von anderen Kunden dann noch skeptisch beäugt. „Aber wir hamstern gar nicht, das reicht bei uns gerade mal für zwei oder drei Tage.“ Die Zeit, die Anja Matthes im Supermarkt beim Anstehen und Zusammensuchen der Sachen verbringt, ist immens. „Wann immer es möglich ist, fahre ich deshalb mit dem Rad in die Stadt und kaufe auf dem Markt ein“, sagt sie.

Klar: Wer eine große Familie hat, muss immer viel kochen. „Normalerweise essen die drei Großen unter der Woche aber in der Mensa“, erzählt Anja Matthes. Ihre Ältesten besuchen das Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasium, das zweitjüngste Kind geht noch zur Grundschule. „Jetzt bereite ich an sieben Tagen Mittagessen für sieben Personen zu.“

Ihr eigener Teilzeitjob? Liegt auf Eis. „Ich habe glücklicherweise einen toleranten Chef und konnte unbezahlten Urlaub nehmen“, berichtet Anja Matthes, die in der Buchhaltung eines Unternehmens arbeitet. Eine Dauerlösung ist das aber nicht - zumal unklar ist, wann Schulen und Kindergärten wieder regulär öffnen. „Wenn das so weiter geht, muss ich meinen Job an den Nagel hängen“, sagt sie. „Dann verdiene ich nichts und muss auch noch meine Krankenversicherung selbst zahlen.“

Aber auch wenn zwischen Homeschooling und Hausarbeit, Seelentrösten, Streitschlichten und Spielen in dem Sieben-Personen-Haushalt wenig Zeit für sie selbst und ihren Mann bleibt, will Anja Matthes nicht jammern. „Uns geht es gut“, sagt sie: „Wir wohnen in einem Haus mit Garten, und jedes Kind hat sein eigenes Zimmer.“ Ein dicker Pluspunkt der Großfamilie: Einsamkeit und Langeweile sind kein Thema.

Oft unternimmt die Familie Wanderungen und Radtouren. „Aber auch da werden wir komisch angeschaut, wenn wir zu siebt unterwegs sind“, erzählt Anja Matthes. Neulich, als sie im Zipfelbachtal gewandert sind, hat ein älteres Ehepaar sie gefragt: „Sind das wirklich alles Ihre?“

Am schwersten, schätzt Anja Matthes, kommen ihr Jüngster und ihr Ältester mit der Kontaktsperre klar. Der Kleine versteht das Ganze nicht und fragt nach seinen Spielkameraden. Ihr 16-jähriger Sohn macht zwar tapfer jeden Ausflug mit, hat angesichts der Überdosis Familie aber schon angekündigt, dieses Jahr nicht mit in den Urlaub zu fahren. Aber der ist aufgrund der Reisebeschränkungen ohnehin gestrichen. „Keine Aussicht auf Urlaub und eine Auszeit zu haben, ist für mich schon sehr schwer“, gibt Anja Matthes zu und betont: „Die Familien bräuchten einen Silberstreif am Horizont.“ Nicht nur berufstätige Mütter leiden unter der Mehrfachbelastung. Auch die Kinder sehnen sich nach Perspektiven: „Ihnen fehlen die Freunde, der Sport und der Kontakt zu Gleichaltrigen.“ Ein Ausweg aus Anja Matthes‘ Sicht: Die Kinder auf Corona testen und langsam wieder den Weg zurück in Schule, Kindergärten und Vereine ermöglichen.

Anzeige