Kirchheim

Von wegen ausgerottet

Gesundheit Im Landkreis Esslingen sind weniger als 95 Prozent der Einwohner gegen Krankheiten wie Masern und Röteln geimpft. Dadurch steigt das Risiko von Ausbrüchen. Von Antje Dörr

In der Kinderarztpraxis im MVZ in Kirchheim gehören Impfungen zum Alltag.Foto: Carsten Riedl
In der Kinderarztpraxis im MVZ in Kirchheim gehören Impfungen zum Alltag.Foto: Carsten Riedl

Impfgegner sind eine „Bedrohung für die globale Gesundheit“. Das sagt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Januar 2019. Hintergrund ist der weltweite Anstieg von Krankheiten wie Masern. Krankheiten, gegen die es längst einen Impfschutz gibt.

„Bedrohung für die globale Gesundheit“: Solche Worte kommen Dr. Dominique Scheuermann nicht über die Lippen. Besorgt ist die Leiterin des Esslinger Gesundheitsamts aber trotzdem. Denn das Grundproblem, das die WHO beschreibt, ist auch im Landkreis Esslingen bekannt. Es lautet: Je weniger Menschen geimpft sind, desto leichter breiten sich Krankheiten aus, die eigentlich längst ausgerottet sein könnten. Sind 95 Prozent der Bevölkerung immunisiert, haben Masern, Keuchhusten, Röteln und Co. keine Chance. „Nein“, sagt Dominique Scheuermann, das sei im Landkreis Esslingen nicht gewährleistet. Nur 90,1 Prozent der Vorschulkinder haben hier 2017/18 die Grundimmunisierung gegen Masern erhalten.

Wie groß die Zahl der Impfskeptiker und -gegner zwischen Neckar und Alb ist, und ob sie gestiegen ist, kann die Leiterin des Gesundheitsamts nicht sagen. Das Landesgesundheitsamt spricht von einer Entwicklung, die man beobachten muss.

Warum Eltern vor der Immunisierung ihrer Kinder zurückschrecken, kann die Ärztin nur vermuten. „Manche Menschen haben möglicherweise Angst vor Impfschäden, andere sind der Überzeugung, dass das Durchmachen einer Erkrankung zu Entwicklungsschüben bei den Kindern führt.“ Außerdem führe die Verfügbarkeit verschiedenster Informationen im Netz zur Verunsicherung von Eltern, die für ihre Kinder richtige Entscheidungen treffen wollten. Noch heute geistern beispielsweise Meldungen durchs Netz, dass die Kombi-Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln Autismus auslösen kann. „Das ist längst widerlegt worden“, sagt Scheuermann.

Die Leiterin des Gesundheitsamts ist davon überzeugt, dass vielen Eltern die zwei Seiten der Impfung nicht klar sind: „Einerseits geht es um den Individualschutz, andererseits um den Herdenschutz.“ Letzteres bedeutet, dass die Impfquote bei 95 Prozent gehalten wird, damit auch Menschen geschützt sind, die sich nicht impfen lassen können. „Wer Rheuma hat, verträgt unter Umständen den Impfstoff nicht“, sagt Dominique Scheuermann. Gefährdet sind auch Säuglinge, weil Babys frühestens mit einem Jahr die schützende Dosis gegen Mumps, Masern, Röteln und Windpocken erhalten können. Gegen Keuchhusten, eine Krankheit, die bei Säuglingen zu Komplikationen wie Atemstillständen führen kann, ist die Impfung frühestens mit drei Monaten möglich.

Relevant ist der Herdenschutz auch bei vermeintlich harmlosen Krankheiten wie Windpocken. Dagegen waren 2017/18 nur 81,5 Prozent der Vorschulkinder im Landkreis geschützt. Gefährliche Verläufe bei Kindern sind äußerst selten, aber bei ungeschützten Schwangeren kann es laut der Ärztin zu fatalen Konsequenzen für das ungeborene Kind kommen. Auch die Masern können in seltenen Fällen zu Hirnhautentzündungen führen. Die Masernenzephalitis, die in der Regel tödlich verläuft, kann noch Jahre nach Durchmachen der Krankheit auftreten.

Von einer Impfpflicht hält Dominique Scheuermann dennoch nichts. „Das würde manche Eltern noch weiter in den Widerstand treiben“, glaubt sie.

Dr. Matthias Komp, der in Kirchheim eine Hausarztpraxis betreibt, ist einer jener Ärzte, die man als impfkritisch bezeichnen würde. Was nicht heißt, dass er per se gegen Impfungen ist. „Jede Impfung ist für sich sinnvoll und im Einzelfall durchaus begründet“, sagt er. Ihre Notwendigkeit allerdings bedürfe der Entscheidung und Begründung in jedem Einzelfall. 

Viele Impfungen kommen für den Hausarzt zu früh. Das Immunsystem des Säuglings sei erst in der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres soweit entwickelt, dass es „eine ihm gemäße Immunantwort“ entwickeln könne. „Deshalb müssen die Stoffe mit Substanzen versehen werden, um gewissermaßen eine Immunantwort zu provozieren. Eventuelle Impfversager werden nicht hinterfragt“, kritisiert Dr. Komp. Als Arzt sei es seine primäre Aufgabe, Eltern zu Wissen zu verhelfen, das sie in die Lage versetze, im Dialog mit dem Arzt eine eigenverantwortliche individuelle Impfentscheidung zu treffen. „Das kann den Zeitpunkt der Impfung, den Umfang der Impfung und den biografischen Zusammenhang betreffen“, so der Arzt.

Wenn die Impfentscheidung eine individuelle Entscheidung ist, was ist dann mit dem Herdenschutz, der immer geringer wird, je weniger Menschen sich impfen lassen? Klärt er die Eltern über diesen Zusammenhang auf? Auf diese Frage antwortet Dr. Komp nur indirekt: Er hält es für „dringend geboten“, erst einmal die Eltern selbst auf ihren „Impfstatus“ hin zu überprüfen, da sie den allerersten Herdenschutz repräsentierten, sagt er. Erst, wenn diese Frage geklärt sei, solle man sich dem Kind zuwenden.

Das hält Dr. Scheuermann für falsch. „Die Gesellschaft hat sich geändert. Die Eltern sind nicht mehr die Herde“, sagt die Leiterin des Gesundheitsamts. Kinder gingen heute früh in die Kita und kämen dort in Kontakt mit anderen Kindern. In Einrichtungen, in denen wenige Kinder geimpft seien, sei der Gefahr von Ausbrüchen noch viel größer. Säuglinge besuchten Pekip-Kurse oder würden von Großeltern betreut. „Die Kinder sind heute früh in verschiedenen Herden unterwegs“, sagt die Ärztin.

Dass die Impfentscheidung individuell abgewogen werden müsse, findet Scheuermann bei Krankheiten wie FSME auch. „Wenn ein Kind immer nur zwischen Schule und Computer hin- und herpendelt, ist die Gefahr eines Zeckenbisses gering.“ Bei ansteckenden Krankheiten wie Mumps, Masern, Röteln, Windpocken oder Keuchhusten sei das „eine ganz andere Geschichte“. Warum werden schon Säuglinge gegen die Geschlechtskrankheit Hepatitis B geimpft? „Damit sie versorgt sind“, sagt Dominique Scheuermann. Sind die Kinder nicht geimpft, müssten Eltern später daran denken, das vor deren erstem Geschlechtsverkehr nachzuholen. „Die meisten haben das aber nicht auf dem Schirm“, sagt die Leiterin des Gesundheitsamts. Jugendliche, die sich selbst darum kümmern müssten, blendeten das Thema Impfen komplett aus. Das belegen Zahlen des Gesundheitsamts, die an beruflichen Schulen erhoben werden.

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