Kirchheim

Vor dem Feuer bewahrt

Konzert Zu seinem 70-jährigen Bestehen beschenkt das Orchester der Kirchheimer Volkshochschule die Zuhörer in der Stadthalle mit zwei fantasievollen Sinfonien von Gade und Mendelssohn Bartholdy. Von Peter Dietrich

Das VHS-Orchester spielte „Allerlei Leipziger“ in der Stadthalle.Foto: Peter Dietrich
Das VHS-Orchester spielte „Allerlei Leipziger“ in der Stadthalle.Foto: Peter Dietrich

Warum erklingen in der Stadthalle zwei Sinfonien und kein Werk für Solisten? Auch an der Volkshochschule, so die Orchesterleiterin Sabine Bruns zu Beginn, gingen die finanziellen Einsparungen nicht vorbei. Solisten gebe es daher erst wieder beim nächsten Serenadenkonzert am 16. Juli.

Als das vhs-Orchester im Jahr 1946 gegründet wurde, zählte es sieben Laienmusiker. Auch heute noch überwiegen die Freizeitmusiker, doch es sind mehr als 50, und deren Qualität ist beachtlich. Mit Oskar Schnürch, Werner Hentschel, Joachim Stumber und seit 2007 Sabine Bruns hat das Orchester in 70 Jahren nur vier verschiedene Dirigenten gehabt - ein Hinweis auf große Konstanz und angenehme Arbeitsbedingungen.

Das Konzert war mit „Allerlei Leipziger“ überschrieben, stammten beide Sinfonien doch von Musikern, die in dieser Stadt tätig waren: Niels Wilhelm Gade und Felix Mendelssohn Bartholdy. Es hätte auch anders ausgehen können, und die beiden Sinfonien wären der Nachwelt gar nicht erhalten geblieben. Die Geschichte der beiden Sinfonien zeigt, wie subjektiv der Erfolg doch sein kann - und dass an dem biblischen Spruch, der Prophet gelte nichts in seinem Vaterlande, durchaus etwas dran ist.

Im Jahr 1842 hatte der junge dänische Komponist Gade seine 1. Sinfonie c-Moll, op. 5 dem Orchester des Kopenhagener Musikvereins präsentiert und war damit prompt durchgefallen. Doch Mendelssohn Bartholdy sah das ganz anders, die Leipziger Uraufführung des Werks unter seiner Leitung war sehr erfolgreich. Gade zog dann um nach Leipzig, immerhin hatte er in seiner Heimat zumindest ein Reisestipendium erhalten. Mit seiner Begabung und viel Anstrengung schaffte Gade einen schnellen Aufstieg.

1848 ging er nach Kopenhagen zurück, Europa war nun politisch - wie derzeit ebenfalls wieder - auf nationale Abgrenzung bedacht. Gade komponierte nicht nordisch-national genug und geriet nach seinem Tod in Vergessenheit. Erst in jüngerer Zeit wird er wieder mehr beachtet, die Aufführung des vhs-Orchesters war ein kleiner Teil dieser Wiederentdeckung.

Noch eine spannende Frage werfen die beiden Komponisten auf: Kann ein Künstler sein eigenes Werk beurteilen? Wohl eher nicht. Seinen Hochzeitswalzer schmiss Gade voller Verachtung weg. Hätte nicht ein Freund das Manuskript gerettet, Dänemark wäre heute um einen beliebten Hochzeitshit ärmer. Mendelssohn Bartholdy konnte seine „Reformations-Sinfonie“, die Sinfonie Nr. 5 in d-moll op. 107, nicht mehr ausstehen, hätte sie nach seinen eigenen Worten lieber verbrannt als irgendein anderes seiner Stücke. Niemals, schrieb er, solle diese Sinfonie veröffentlicht werden. Das hätte auch die Aufführung in Kirchheim verhindert.

Mendelssohn Bartholdy hatte die Sinfonie auf eigenes Risiko für das Reformationsfest des Jahres 1830 komponiert, in Berlin waren zur Erinnerung an das „Augsburger Bekenntnis“ von 1530 große Feierlichkeiten geplant. Diese fielen aber wegen Unruhen in Frankreich aus. Der Komponist hatte im vierten Satz das Lutherlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ verarbeitet. Das war formal ungewöhnlich, die Zuhörer konnten nicht damit umgehen und waren verunsichert. Solche Hintergründe und noch viele weitere Einblicke verdankten die Zuhörer Gerhard Calaminus. Er spielte nicht nur Posaune, sondern war auch für die Texte des sehr informativen Programmheftes verantwortlich.

Zum Glück hatte Leipzig einst die Kopenhagener Ablehnung korrigiert, zum Glück sich Mendelssohn Bartholdy nicht wirklich des Feuers bedient. Sonst wären den Zuhörern in der Stadthalle zwei sehr ansprechende Werke entgangen - von einem von Sabine Bruns klar geführten, hervorragend spielenden Orchester, das es hoffentlich weitere 70 Jahre lang gibt.

Eine kleine Zugabe gab es auch, zum Vergleich erklang Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ in der Version von Johann Sebastian Bach. Frühe Romantik und Barock, welch ein enormer Unterschied, was doch so ein Jahrhundert gleich ausmacht.

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