Kirchheim

Vorsicht vor Helikoptereltern und Alles-Googlern

Comedy Der Komiker Michl Müller ist ein Bühnenprofi. In rund zweieinhalb Stunden gab er in der Kirchheimer Stadthalle alles – natürlich ohne Agenda. Von Peter Dietrich

Michl Müller versteht, das Publikum mit urkomischen aber auch belanglosen Witzen zu unterhalten.Foto: Peter Dietrich
Michl Müller versteht, das Publikum mit urkomischen aber auch belanglosen Witzen zu unterhalten.Foto: Peter Dietrich

Die meisten Zuhörer hatten am Freitagabend noch gar nicht vom Tod von Helmut Kohl erfahren, da hatte Michl Müller das Ereignis schon in sein Programm eingebaut. An vielen Stellen hatte er „Ausfahrt freihalten!“ lokal angepasst - so steuerte seine 3 000-Euro-Flusskreuzfahrt natürlich die Lauter hinunter nach Wendlingen. Als einem Zuschauer eine Trinkflasche umfiel, kommentierte Michl Müller blitzschnell. Ein Vollprofi eben.

Das muss er auch sein, wenn er zweieinhalb Stunden lang mit nur einer Pause den Dauersprecher geben will. Als Erholung gab es zwischendurch immer wieder „Protestsongs“ - die sich dann aber doch nicht, wie Müller selbst bemerkte, als Protestsongs entpuppten. Höchstens als Protestsongs gegen die furchtbaren Banalitäten, die Zuhörern anderswo im Andrea-Berg-Helene-Fischer-Modus zugemutet werden. Michl Müller entlarvte die Banalität, indem er sie ins Absurde übersteigerte: Ob die besungene Ingwerreibe aus Porzellan wirklich ein Grund zur ehelichen Treue sein kann? Wer es tatsächlich glaubte, konnte sie nach dem Auftritt beim Fanshop erwerben, handsigniert versteht sich.

Imitator und Komiker zugleich

Bei vielen Liedern sang das meist nicht mehr ganz jugendliche Publikum begeistert mit, bei der zweiten Zugabe gab es sogar ein Medley mit „Klos mit Soß“ und anderen Michl-Müller-Hits. Wenn er davon sang, dass jeder Mensch auf seine Art und Weise sexy sei, kam die Komik weniger aus den Liedtexten sondern vielmehr aus Michl Müllers amüsanten Bewegungen. Wie er verschiedenste Typen vom ultracoolen Jugendlichen bis zu schrillen Gestalten aus der Damenwelt nachmachte, war oft so komisch, dass der Komiker manchmal das eigene Lachen nicht unterdrücken konnte.

Viele Sprüche und Gags waren frech und einfallsreich, wenn Michl Müller etwa klarstellte, bei Roman Herzogs „Ruck-Rede“ habe dieser in Wirklichkeit „Es muss ein Rock durch Deutschland gehen“ gesagt. Deshalb sei dann Kanzlerin Angela Merkel gekommen, die aber stets Hosenanzug trage. Wenn Präsident Donald Trump den Russen etwas verrate, was er vielleicht nicht hätte verraten sollen, sei er „im Prinzip ein Whistleblower wie Snowden“. Dann sei Trump beim G7-Gipfel auf Sizilien gewesen: „Wo ist die Mafia, wenn man sie mal braucht?“ Michl Müllers politische Hiebe gingen kurz einmal querdurch, bis hin zur Bundeswehr. Dort Nazis zu finden, sei ja überraschend, dort seien doch eher Friedensaktivisten und Veganer zu erwarten.

Bald verließ Michl Müller die Politik und widmete sich mit guter Beobachtung den Typen des Alltags. Etwa militanten Rentnern, die die Parkplatzordnung überwachen, oder Helikoptereltern auf dem Spielplatz. Neu im Angebot sind die Alles-Googler: Die Zeiten, als es nach dem Stammtisch wochenlang offen und zudem egal war, ob einer mit seiner Behauptung recht hatte, seien eben vorbei. Auch politische Forderungen nach längerem Arbeiten zog Komiker Michl Müller durch den Kakao: Brauche der 70-Jährige Dachdecker dann ein Baugerüst mit einem Treppenlift? Und auf dem Dach eine Gebissablage?

Keine Proll-Comedy

Michl Müller kam ohne persönliche Beleidigungen aus, weder Einzelner noch ganzer Gruppen. Bei Politikern ist der Maßstab verständlicherweise etwas höher - wenn der Komiker etwa erklärte: „Merkel ist vor Trump sicher. Sie passt nicht in sein Beuteschema.“ Michl Müller, das ist eindeutig, bietet keine dümmliche Proll-Comedy.

Aber trotzdem macht Michl Müller Comedy, kein Kabarett. Hinter seinen einzelnen Hinweisen auf Missstände ist keine politische oder gesellschaftliche Agenda zu erkennen. Sie ist bei Comedy ja nicht zwingend. Doch so wirkt „Ausfahrt freihalten!“ zwar komisch bis urkomisch und unterhaltsam, aber zugleich oberflächlich und belanglos. Wer nach deren Bühnenabgang schmerzlich einen Volker Pispers oder Georg Schramm vermisst, wird in Michl Müller keinen Ersatz finden. Doch der Komiker will es wahrscheinlich auch überhaupt nicht.

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