Kirchheim

Was alte Kacheln über den Glauben sagen können

Handwerk Der Archäologe Harald Rosmanitz berichtet im Städtischen Museum über Funde mittelalterlicher Ofenkacheln in Kirchheim. Von Elisabeth Kanski

Was alte Kacheln über den Glauben sagen können
Was alte Kacheln über den Glauben sagen können

Bereits 2010 hatte der Kunsthistoriker und Mittelalter-Archäologe Rosmanitz, dessen Forschung mit Kirchheimer Kachelfunden begann, zu diesem Thema referiert. Doch in der Zwischenzeit gibt es jede Menge Neues über die Ofenkacheln in Kirchheim zu berichten. Auch dieses Jahr kamen wieder neue Funde hinzu, erzählte Rainer Laskowski, Leiter der Archäologie-AG und ehrenamtlich Beauftragter des Landesamts für Denkmalpflege, in seiner Begrüßung.

Kachelöfen sind laut Rosmanitz wichtige Indikatoren für Alltagskultur, Geisteswelt, Wirtschaft und Technik. Kirchheim eigne sich besonders gut für deren Erforschung, da die Stadt übersichtlich und ihre mittelalterliche Infrastruktur bekannt sei und viel Material erhalten blieb.

In Kirchheim fand man Kachelfragmente aus der Spätgotik, der Renaissance und dem Barock, die jedoch zuerst entschlüsselt werden müssen.

Nach einem Überblick über Kirchheims mittelalterlichen Aufbau und die Infrastruktur am Wegesrand einer großen Fernhandelsstraße erklärte Rosmanitz den Prozess der Kachelproduktion, die von der Tonaufbereitung bis zum Vertrieb Aufgabe des Töpfers war. Eine Besonderheit ist die Produktion glasierter Reliefkacheln um 1400 in Kirchheim, das somit zu den frühesten Produktionsorten dieser Kacheln in Südwestdeutschland gehörte. Die Kontakte zwischen den damaligen Produktionsorten reichen weit. So verrät das Drachenmotiv einer Kirchheimer Kachel die Verbindung zum damaligen Töpferzentrum Dieburg bei Frankfurt.

Nicht nur über Wirtschaft, auch über Mode lässt sich viel von den Kacheln ablesen: Eine besonders gut erhaltene Kirchheimer Kachel zeigt den damals aufwendigen Kopfschmuck reicher Damen, den Kruseler.

Interessant sind laut Rosmanitz auch die zur Reformationszeit entstandenen Kacheln. Luther verbreitete seine Lehren über Bilder, die in den Haushalten präsent waren. Der Wittenberger Künstler Lucas Cranach entwickelte reformatorische Bildideen, die in Nürnberg auf Kacheln umgesetzt und weit verbreitet wurden. Auch in Kirchheim fand man eine eindeutig reformatorische Kachel – jedoch auch eine mit gegenreformatorischem Motiv. Fraglich ist, was man davon über den Glauben des Ofenbesitzers ableiten kann. Die Kirchheimer Kacheln spiegeln vermutlich eher die damals in Europa beliebten Designs wider.

Dass Kirchheim in der frühbarocken Kachelproduktion eine wichtige Rolle spielte, beweist der Fund einer Werkstatt in der Marienstraße, in der ein Künstler neue Motive entwickelte. Kirchheim zeigt also nicht nur exemplarisch die Entwicklung dieser Handwerkskunst in mittelgroßen Städten, sondern besaß mit der spätgotischen und der frühbarocken Werkstatt eine eigenständige, hochkarätige Kachelproduktion, die Rosmanitz den Zuhörern wissenschaftlich fundiert und sehr anschaulich mit zahlreichen Bildern vorführte.

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