Kirchheim

Was kümmert Kirchheim der regionale Bedarf?

Wohnbau Kirchheimer Gemeinderat diskutiert über einen Schwerpunkt, durch den auf dem Galgenberg Wohnungen für 1 200 Menschen entstehen sollen. Von Andreas Volz

Noch wächst hier das Korn. Geht es nach den Plänen der Stadt, stehen bald Wohnhäuser an dieser Stelle - spätestens 2024. Foto: C
Noch wächst hier das Korn. Geht es nach den Plänen der Stadt, stehen bald Wohnhäuser an dieser Stelle - spätestens 2024. Foto: Carsten Riedl

Kirchheim dürfte in den nächsten Jahren einen gewaltigen Bauboom erleben. Insgesamt sind an den verschiedensten Stellen der Stadt Projekte geplant, durch die bis 2024 rund 1 300 neue Wohneinheiten entstehen. Das ist aber noch nicht alles, denn zusätzlich will Kirchheim zwischen „Lange Morgen“ und der Autobahn den Galgenberg weiterentwickeln. Geplant ist ein regionaler Wohnbauschwerpunkt, der circa 500 weitere Wohneinheiten schaffen würde. Die vorbereitenden Untersuchungen dafür gehen nun bereits in die zweite Runde.

Bevor der Gemeinderat nach ausführlichster Debatte vom aktuellen Sachstand Kenntnis genommen hatte, schwor Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker die Ratsmitglieder auf die Verantwortung der Stadt gegenüber der Region ein: „Menschen brauchen Wohnraum in der Region, und Kirchheim würde hier Verantwortung übernehmen, über den eigenen Bedarf hinaus.“

Dieser Bedarf war aber bereits im September an die örtlichen Verhältnisse angepasst worden: Ursprünglich hätten auf dem Galgenberg 22 Hektar neu bebaut werden sollen. Allerdings hätte es dazu neuer Zubringerstraßen bedurft. Deshalb wurde die Größe des geplanten Wohngebiets auf 13 Hektar reduziert. Für die 1 200 neuen Bewohner sollen nach einer ersten Untersuchung die vorhandenen Straßen - Milcherberg und Hahnweidstraße - ausreichen. Ohnehin sieht die Planung vor, dass die neuen Bewohner eher die S-Bahn nutzen sollen als ihre Autos.

Lärm und Entwässerung waren letzten Herbst ebenso als Herausforderung genannt worden. Außerdem weist die Fläche beste Ackerböden auf, was als Gegenargument gegen die Bebauung durchaus ins Gewicht fallen könnte.

Aktuell ging es aber um weitere vorbereitende Untersuchungen: Bei dem beabsichtigten Verfahren einer städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme sind nämlich gewisse rechtliche Hürden zu nehmen. So ist unter anderem ein erhöhter Bedarf an Wohn- und Arbeitsstätten nachzuweisen, aber auch die „mangelnde Verkaufsbereitschaft der Grundstückseigentümer“. Im nächsten Schritt geht es also auch darum, diese Verkaufsbereitschaft überhaupt erst einmal auszuloten.

Eine weitere Schwierigkeit: Die Stadt wollte die Aufgabe, das Ackerland in Bauland zu verwandeln, einem Entwicklungsträger übereignen und hatte dafür bereits die Landsiedlung Baden-Württemberg GmbH ausersehen. Inzwischen steht aber fest, dass es dabei einen rechtlichen Haken gibt: Der Entwicklungsträger darf in diesem Fall nämlich nicht auf eigene Kosten wirtschaften. Vielmehr müsste er treuhänderisch für die Stadt arbeiten. Das Konzept wäre also zunächst einmal komplett aus dem städtischen Haushalt zu finanzieren.

Bevor der Gemeinderat mit seiner Debatte anfing, machte auch noch Thomas Kiwitt, Leitender Technischer Direktor und Planungschef des Verbands Region Stuttgart, ausführlich Werbung für die regionalen Wohnbauschwerpunkte. Anhand der demografischen Entwicklung zeigte er auf, dass bis 2030 allein in Kirchheim 1 200 neue Wohnungen benötigt würden - „nur um den eigenen Kindern, die schon da sind, eine Perspektive vor Ort zu erhalten“. Dazu komme, dass bis dahin die Menschen fehlten, um die Arbeitsplätze zu übernehmen, die die geburtenstarken Jahrgänge zurücklassen, wenn sie in Rente gehen. Bis 2030 sollte der Galgenberg jedoch, wenn es denn überhaupt zur Bebauung kommt, längst fertiggestellt sein. Die Planung sieht vor, dass der Baubeginn Anfang 2021 erfolgt und dass bis 2024 alles abgeschlossen ist.

Die Ratsmitglieder waren allerdings nicht restlos von der Verpflichtung überzeugt, für den regionalen Bedarf Wohnungen anzubieten. Hans Kiefer (CIK) fragte ganz grundsätzlich: „Müssen wir alles immer weiter steigern? Oder gibt es nicht irgendwann ein Ende für eine Stadt wie Kirchheim?“

Zur Arbeit nicht nach Ludwigsburg

Sabine Bur am Orde-Käß, die Fraktionsvorsitzende der Grünen, zeigte zwar „Verständnis für das Bemühen der Region“. Aber sie zweifelt stark daran, dass angesichts der Aufwendungen für Entwässerung und Lärmschutz auf dem Galgenberg wirklich günstiger Wohnraum entstehen könne. Außerdem sieht sie keine Notwendigkeit, einen Bedarf zu decken, der gar nicht aus Kirchheim kommt: „Wir wollen nicht, dass da viele Leute nach Kirchheim ziehen, die dann über die Autobahn zur Arbeit nach Ludwigsburg brettern.“

Es bleibt also spannend, wie der Gemeinderat nächsten Sommer entscheidet: Im Juni sollen die Ergebnisse der Untersuchungen vorliegen, und im September 2018 stünde der Satzungsbeschluss an.

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