Kirchheim

Weder Latin, noch Jazz, noch Mass

Musik Das Benefizkonzert in Kirchheim hieß „The Latin Jazz Mass“, doch der Titel war nicht Programm. Die begriffliche Schärfe war den Besuchern aber egal, es ging ausschließlich um das Erleben der Musik. Von Ernst Leuze

Martinskirche , Konzert "The latin Jazz Mass" zugunsten der orgelsanierung , Benefizkonzert
Martinskirche , Konzert "The latin Jazz Mass" zugunsten der orgelsanierung , Benefizkonzert

Katholisch der Komponist, von der neuapostolischen Kirche der Chor, evangelisch die vier Kirchen in Kirchheim, Nürtingen, Göppingen und Esslingen, in denen „The Latin Jazz Mass“ aufgeführt wird. Wenn das keine Ökumene ist. Da war es beinahe selbstverständlich, dass gleich zwei Kirchenobere den Chor zum Benefizkonzert begrüßten, die evangelische Dekanin Renate Kath und der Gemeindevorsteher der neuapostolischen Gemeinde Kirchheim Jens Strähle. Das Werk des Schweizer Kirchenmusikers Martin Völlinger hat inzwischen eine internationale Karriere hingelegt. Auch in der Martinskirche Kirchheim hat es voll eingeschlagen.

Szenenbeifall, Standing Ovations, und erst nach der dritten Zugabe waren die Zuhörer bereit, zu gehen. Wie lässt sich das erklären, wo doch zurzeit an Chorkonzerten in Kirchheim kein Mangel ist? Sind wir nun im Messefieber, oder was zieht die Leute massenweise ins Kirchenkonzert? Nachdem das Werk den wenigsten Besuchern vorher bekannt sein konnte, kann es nur an der Erwartung liegen, die der seltsame Titel geweckt haben dürfte. Jazz Mass verspricht mitreißende Musik, modern, doch nicht zu sehr. Latin verspricht südamerikanische Rhythmen und ordentlich melodischen Pfeffer. Dass es mit lateinischer Sprache zu tun haben könnte, ist eher unwahrscheinlich.

Jede lateinische Messe beginnt mit griechischen Worten, Kyrie eleison. Tatsächlich begann das Konzert auch so, erst dann gefolgt vom Gloria, dem einzigen Chor in lateinischer Sprache. Weiter ging es dann auf Deutsch, Italienisch, und Englisch sowieso. Trotzdem war eine Prise Latino-Musik zu hören, vor allem bei „Laudato si“. Hier legte sich die Solistin aus dem Chor, Lorena Arnold, so ins Zeug, dass man hätte meinen können, man schwärme durch Havanna. Danach taten sich die ruhigeren Stücke aus der Messliturgie wie Sanctus, Benediktus und „Deinen Tod verkünden wir“ etwas schwerer. Nur der hervorragenden Präsenz des Chores und der stets hellwachen Begleitband war es zu verdanken, dass die Musik trotzdem fesselnd blieb. Die zwei englischsprachigen Stücke erfrischten den Chorklang, sodass beim furiosen Schluss, „Singt das Lied der Freude über Gott“ die Begeisterung der Anwesenden keine Grenzen mehr kannte.

Apropos Band – der Keyboarder Kilian Haiber spielte auf dem schönen Instrument des evangelischen Kirchenbezirks einen lupenreinen Part – hochpräzise und hoch motiviert, durchdringend und anpassungsfähig, professionell eben. Neben ihm, an der Bassgitarre, Rainer Frank, unerschütterlich ruhig und konzentriert auch im wildesten Getümmel. Erste Sahne auch der Schlagzeuger! Gelegenheit für Soloeskapaden bot ihm die Partitur leider nicht, doch was wäre aus dem Abend geworden ohne seine anfeuernden Schläge, ohne sein funkelndes rhythmisches Feuerwerk! Für besondere Gänsehauterlebnisse sorgte der Saxofonist Jonas Gawehn, ein junger Amateur, der so manchen Profi locker in die Tasche stecken könnte. Seine teilweise improvisierten Partien auf dem Sopran- und Altsaxofon waren die Glanzlichter des Abends, der, man kann es nicht anders sagen, selbst ein einziges Glanzlicht war.

Da passte wirklich alles zusammen: die perfekt ausgestattete Verstärkeranlage, mitverantwortlich Toningenieur Gerhard Raichle, der überaus sorgfältig einstudierte Chor, in allen Stimmen sehr gut besetzt, die gleichmäßig gute Stimmkultur, rhythmisch sattelfest und dynamisch beweglich; und nicht zuletzt die fabelhafte Dirigentin Martina Sturm. Sie hielt nicht nur alle Fäden in der Hand, sondern beherrschte und inspirierte auch souverän den großen Apparat. Von alleine läuft so etwas ja nirgends auf der Welt. Wenn der Chor nach einer vollen Stunde Dauerbeanspruchung immer noch taufrisch klang, ist es das Verdienst ihrer jahrelangen stimmpädagogischen Arbeit.

Noch ein Wort zum Titel „The Latin Jazz Mass“: Sicher war die Formulierung, wie schon vermutet, mit ein Grund für die volle Kirche. Doch muss, was Kirchen füllt, von vorneherein gut sein? Es war doch ein bisschen wie bei Wahlversprechen: Keines der vier Worte „The Latin Jazz Mass“ trifft wirklich zu: Weder handelt es sich um eine reine Messvertonung noch um Jazz, und Latin trifft die Sache gleich gar nicht. Schließlich das unsägliche „The“. Wie wenn es keine anderen Jazzmessen gäbe! Doch Englisch ist von jeher die Sprache der Pop- und Jazzmusik. Begriffliche Schärfe ist da nicht erwünscht; es geht ausschließlich um das Erleben der Musik.

In dieser Beziehung kamen die Besucher auch voll auf ihre Kosten, und das sogar mit einer Originalkomposition und nicht, wie üblich, beim Nachsingen erfolgreicher Poptitel. Die Musik geisterte stilistisch zwar in verschiedenen Stilbereichen herum, traf aber stets den richtigen Ton: dem Sujet angemessen und die Besucher unmittelbar ansprechend. Die Novemberkonzerte in der Martinskirche Kirchheim zeigen, wie zukunftsfähig und modern die Chormusik inzwischen wieder geworden ist.

Martinskirche , Konzert "The latin Jazz Mass" zugunsten der orgelsanierung , Benefizkonzert
Martinskirche , Konzert "The latin Jazz Mass" zugunsten der orgelsanierung , Benefizkonzert
Martinskirche , Konzert "The latin Jazz Mass" zugunsten der orgelsanierung , Benefizkonzert
Martinskirche , Konzert "The latin Jazz Mass" zugunsten der orgelsanierung , Benefizkonzert
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