Kirchheim

Welche Chancen hatten einst die Mütter?

Stadtführung zeigt das Leben von Frauen in früherer Zeit

Auf eine ungewöhnliche Stadtführung nahm die Historikerin Dr. Iris-Patricia Laudacher ihre Zuhörerinnen und Zuhörer durch die Innenstadt von Kirchheim mit. Das Leben der Mädchen und Frauen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stand dabei im Mittelpunkt. Die Stadtführung „Frauenorte – Frauenleben“ fand im Rahmen der Frauen-Kultur-Tage statt.

Das Schloss war nicht nur Witwensitz, sondern hat auch weitere Frauengeschichten zu bieten.Foto: Stefanie Klink
Das Schloss war nicht nur Witwensitz, sondern hat auch weitere Frauengeschichten zu bieten.Foto: Stefanie Klink

Kirchheim. Am Startpunkt Altes Haus schildert Dr. Iris-Patricia Laudacher anschaulich nicht nur Fakten zur Architektur des Alten Hauses, sondern auch zu dessen Bewohnern. So beherbergte das Haus ab 1903 eine Mädchenmittelschule. In der ersten Hälfte des 20.  Jahrhunderts bot sich für Mädchen die Möglichkeit, neben der Volksschule die „höhere Töchterschule“ oder die Mittelschule zu besuchen. Hier konnten die Mädchen eine etwas umfangreichere Ausbildung genießen und etwa eine Fremdsprache erlernen. Als 1909 die Alleenschule erbaut wurde, wurden im dort ansässigen Gymnasium sogar Mädchen aufgenommen – sofern es noch einen freien Platz gab. Darüber hinaus kostete die Schule vor Ende des Zweiten Weltkriegs Schulgeld, war also nur für begüterte Familien erschwinglich. Eine Teilnehmerin erzählt, dass sie in der Mädchenmittelschule ab 1962 den Unterricht besucht hat. „Weißnäherinnen“ nannte man die Schülerinnen, weil sie mit weißen Textilien wie Bettwäsche, Herrenhemden und Nachthemden arbeiteten. „Nähen wurde von der Pike auf gelernt.“ An die „Teilarbeiten“, also das Ausbessern der Näharbeiten, erinnert sie sich mit Grausen: „Das war so ein Höllengeschäft!“ Ihre Mutter schickte sie auf die Schule, denn sie fand: „Das ist wichtig für eine Hausfrau“. Nach der Schule hat die Teilnehmerin allerdings in einem Büro gearbeitet.

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Auf den Rossmarkt, die nächste Station, brachten die Frauen früher ihre Matratzen, um sie zu lüften. In den Hinterhöfen des Alleenrings gab es einfach zu wenig Platz und Sonne dafür.

Das Gebäude Nummer 14 in der Dreikönigstraße hat eine mutige Frauengeschichte zu bieten. Berta Pfirrmann eröffnete hier in den Zwanzigerjahren ein Kleidergeschäft – auf ihren eigenen Namen und nicht den ihres Mannes. Ein Modegeschäft zu eröffnen war ein Novum, in einer Zeit, in der Näherinnen ihre Kunden zu Hause besuchten und Kleidung maßgeschneidert anfertigten. Dass die Kunden dennoch zufrieden waren bezeugt eine Werbeanzeige des Modegeschäftes: „Ein klarer Beweis der durch Spezialisierung erhöhten Leistungsfähigkeit ist die Zufriedenheit meiner Kundschaft beim Einkauf des neuen Winter-Mantels.“

In der Dreikönigstraße Nummer 4 trafen sich die Frauen beim Bäcker, um dort ihr Brot zu backen. Aus Feuerschutzgründen war es nicht erlaubt, zu Hause zu backen. „Das war ein Treffpunkt für Frauen“, erzählt Laudacher.

Weiter geht es in Richtung Schlossplatz. Ab der ersten Hälfte des 20.  Jahrhunderts war das Kirchheimer Schloss „zu altmodisch“ für seine Fürsten und wurde von da an vermietet, beispielsweise an den „evangelischen Jungfrauenverein“. In einigen Zimmern war bis 1947 auch eine Frauenarbeitsschule untergebracht. Diese Schule wurde von Mädchen besucht, die mit 13 oder 14 Jahren die Volksschule beendet hatten, aber „doch noch etwas lernen sollten“. Bis sie heirateten, verbrachten sie hier ihren Schulalltag mit Schnittmustern und geometrischem Zeichnen. Vor allem im Dritten Reich lebte die Frauenarbeitsschule auf. Auch für diese Schule musste Schulgeld entrichtet werden. Mädchen, die sich das nicht leisten konnten, gingen arbeiten, unter anderem in Fabriken. Die zunehmende Zahl von Fabrikarbeiterinnen sorgte dafür, dass neue Konzepte für die Kinderbetreuung benötigt wurden. Im Kirchheimer Schloss waren bis 1950 alle möglichen Institutionen beheimatet, unter anderem eben auch ein „Fröbelkindergarten“. Dieser Kindergarten, benannt nach Friedrich Fröbel, einem Pestalozzi-Schüler, vertrat ein Konzept der frühkindlichen Förderung, bei dem es nicht nur darum ging, Kinder zu parken, sondern ihnen auch etwas Sinnvolles beizubringen. Das beinhaltete auch die nicht ganz einfache Anfertigung typischer Fröbelsterne - Dr. Iris-Patricia Laudacher hält einen winzigen, roten, kunstvoll gefalteten Papierstern hoch.

Ebenfalls am Schlossplatz befand sich das ehemalige Margarethenheim, in dem sich in den Dreißiger-und Vierzigerjahren ein Entbindungsheim befand. Auf dem Marktplatz trafen sich allwöchentlich die Bauersfrauen der umliegenden Ortschaften und verkauften ihre selbst produzierte Ware auf dem „Viktualienmarkt“, wie er auch in Kirchheim hieß.

Unter der Arkade des Rathauses zeigt Laudacher ein Bild von Frieda Keppler, die nach dem Zweiten Weltkrieg eher zufällig erste weibliche Gemeinderätin in Kirchheim geworden ist. Als der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende ihren Stiefsohn als Gemeinderat wollte, lehnte der ab. Frieda Keppler meldete sich prompt: „No machs halt i!“ Letzten Endes war sie nur eine Wahlperiode im Amt, danach musste sie sich um ihren Mann kümmern, der einige Jahre älter war als sie. Es sei eine zähe Geschichte mit den Frauen im Gemeinderat, bemerkt Dr. Iris-Patricia Laudacher abschließend.

Endpunkt der Führung ist das Spital, in dem ab 1750 ein Mädchenschulhaus untergebracht war. Dort fand auch der erwähnte Handarbeitsunterricht für Volks- und Mittelschule statt.

Nähen, Kochen, eine „gute Hausfrau“ werden, diese Themen kehren bei der Stadtführung stetig wieder. Wenige Frauen hatten die Möglichkeit oder auch den Mut, aus dieser Norm auszuscheren und Fuß in anderen Erwerbstätigkeiten oder in Ämtern zu fassen. Laudacher sieht die Stadtführung als eine Gelegenheit, sich die früheren Lebensbedingungen der Menschen bewusst zu machen und die Heimatstadt plötzlich mit anderen Augen zu betrachten. Oder sich zu fragen: Welche Chancen hatte eigentlich meine Großmutter? Oder meine Mutter?