Kirchheim

Wenige Sekunden können töten

Verkehr Müdigkeit am Steuer ist gefährlicher als viele denken. Laut einer Umfrage ist jeder Vierte im Fahrersitz schon mal eingeschlafen. Von Daniela Haußmann

Wer auch nur zwei Sekunden die Augen schließt, legt 56 Meter „blind“ zurück - gefährlich. Foto: Mirko Lehnen
Wer auch nur zwei Sekunden die Augen schließt, legt 56 Meter „blind“ zurück - gefährlich. Foto: Mirko Lehnen

Zuckende Augenlieder, häufiges Gähnen und unwillkürliches Frösteln - die klassischen Anzeichen für Müdigkeit kennt jeder und viele haben sie sogar selbst hinterm Lenkrad erlebt. Laut einer Emnid-Umfrage, die 2016 im Auftrag des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) und des Bundesverkehrsministeriums unter 1 000 Personen durchgeführt wurde, sind 26 Prozent der Autofahrer schon hinterm Steuer eingenickt. 45 Prozent der Fahrer sind nach DVR-Angaben überzeugt, dass sie die Müdigkeit durch ihre Erfahrung kompensieren können. Doch aus Sicht des Vereins lässt sich das Einschlafen nicht willentlich verhindern. Stattdessen wird die Gefahr, die von Müdigkeit hinterm Steuer ausgeht, verkannt, während die eigenen Fähigkeiten oft überschätzt werden.

Bei einem Sekundenschlaf von gerade einmal zwei Sekunden legt ein Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern circa 56 Meter unkontrolliert zurück. Entlang dieser Strecke kann sprichwörtlich alles passieren. Trotzdem setzen 17 Prozent der Kfz-Lenker ihre Fahrt fort, obwohl sie merken, dass sie eigentlich nicht mehr können - teilt der DVR mit. Damit setzen sie nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das anderer Fahrer aufs Spiel. Eine Studie am australischen Queen Elizabeth Hospital hat gezeigt, dass 24 Stunden ohne Schlaf in ihrer Wirkung mit 1,0 Promille vergleichbar sind.

Abgesehen von Erkrankungen, die den Schlaf beeinträchtigen und zur Tagesschläfrigkeit führen, gibt es verschiedene Ursachen, die laut Dr. Markus Schulz auch beim gesunden Menschen zu Schlafdefiziten führen können. Dazu zählen für den Oberarzt der Klinik für Innere Medizin der Medius-Klinik Nürtingen beispielsweise Stress durch ständige Erreichbarkeit, Schichtarbeit, lange Wachzeiten, fahren oder arbeiten in Zeiten, in denen man normalerweise schläft. Regelmäßiger, ausreichender und gesunder Schlaf sei wichtig, um auch im Straßenverkehr komplexe Situationen konzentriert, flexibel und sicher zu meistern. Große Bedeutung misst Markus Schulz deshalb der Tief- und REM-Schlafphase bei. „Im Tiefschlaf ist der Körper entspannt und das Gehirn füllt seine Energiespeicher“, so der Fachmann. Im REM-Schlaf würden durch Träumen psychische Spannungen reguliert, das Niveau des Stresshormons Cortisol ist im Lauf der Nacht niedrig und steigt erst morgens vor dem Aufwachen wieder an.

Wer auf einen konstanten Schlafrhythmus, eine störungsfreie Umgebung, eine angenehme Raumtemperatur und Zimmerbelüftung achtet, schafft laut Markus Schulz ein solides Fundament für hohe Schlafqualität. Außerdem rät der Mediziner beim Anflug spontaner Müdigkeit zum Powernapping. Dieses Nickerchen, das nicht länger als zehn bis 30 Minuten dauert, ist nach Meinung des Experten ein probates Mittel gegen Müdigkeit und steigert zudem die Konzentrations- aber auch Leistungsfähigkeit.

Gleichzeitig kann Powernapping Erschöpfungszuständen vorbeugen, sagt Markus Schulz. „Zwischen zwei und fünf Uhr morgens sowie am Nachmittag gegen 14 Uhr befindet sich der Mensch in einem biologischen Tief“, weiß Carsten Bamberg. „Genau zu diesen Zeiten steigt die Unfallhäufigkeit an.“ Dies sollten Autoreisende bei ihrer Fahrt in die Ferien beachten. In der Nacht aufzubrechen, um den großen Staus zu entgehen, geht im Zweifelsfall auf Kosten der Sicherheit, betont der Verkehrsexperte des ADAC Württemberg.

Auch außerhalb der genannten Zeiten können Autofahrer unter Müdigkeit leiden, vor allem dann, wenn die Fahrt sehr lange dauert und besonders monoton verläuft. Carsten Bamberg rät Kfz-Lenkern, sich selbst genau zu beobachten, um nicht vom plötzlichen Sekundenschlaf überrascht zu werden.

Akute Warnzeichen sind häufiges Gähnen, plötzliches Frösteln und ein starkes Bewegungsbedürfnis. „Wer zudem Schwierigkeiten hat, die Spur zu halten oder das Gefühl hat, die Straße würde sich verengen, sollte schnellstmöglich eine Pause einlegen“, findet der Experte. Bei zufallenden Augen, plötzlichem Erschrecken und ruckartigen, unwillkürlichen Kopfbewegungen sei der Fahrer bereits im Sekundenschlaf.

Fahrerassistenzsysteme können Carsten Bamberg zufolge auf ein verändertes Fahrverhalten hinweisen. Spurhalteassistent und Auffahrwarnsysteme haben jedoch nur eine unterstützende Funktion und können einen Einschlafunfall nicht verhindern, warnt der ADAC-Vertreter, der jedem Fahrer ans Herz legt, sich nur ausgeschlafen hinters Lenkrad zu setzen und während der Fahrt dann regelmäßig Pausen einzulegen.

Foto: ADAC
Carsten Bamberg. Foto: ADAC

„Der Körper holt sich seinen Schlaf“

Herr Bamberg, lange Fahrten im Auto sind anstrengend und ermüdend. Das gilt gerade für Urlaubsreisen. Wie lässt sich da Sekundenschlaf vermeiden?

Carsten Bamberg: Eine gute Planung beugt der Gefahr von Müdigkeit am Steuer vor. Die Fahrt sollte nur ausgeschlafen angetreten werden und möglichst nicht nach einem langen Arbeitstag. Während der Fahrt sind regelmäßige Pausen wichtig. Der ADAC empfiehlt, ungefähr alle zwei Stunden eine Pause zu machen und sich an der frischen Luft zu bewegen. Wer müde ist, kann ein kurzes, etwa 20-minütiges Nickerchen machen, also powernappen. Fahrer, die noch mehrere hundert Kilometer vor sich haben, sollten einfach eine Übernachtung einlegen.

Ist es bei spontaner Müdigkeit tatsächlich ratsam auf Kaffee oder Energydrinks zurückzugreifen?

Carsten Bamberg: Um fit zu bleiben, sind ausreichend Flüssigkeit und leichte Kost wichtig. Zum Trinken empfehlen sich Wasser, Fruchtschorle und ungesüßte Früchtetees. Urlauber sollten für die Pausen gut verdauliche Zwischenmahlzeiten wie Obst, Rohkost und Vollkornbrötchen einpacken.

Erhöhen Fahrer, die auf Koffein und Co. zurückgreifen das Risiko von Sekundenschlaf?

Carsten Bamberg: Die durchschnittliche tägliche Schlafzeit in Deutschland beträgt circa sieben Stunden, doch der persönliche Schlafbedarf kann auch darüber oder darunter liegen. Genügend geschlafen hat man, wenn man sich am folgenden Tag erholt fühlt. Wenn man weniger schläft, entsteht ein Minus auf dem Schlafkonto. Ein Schlafdefizit wird aufgebaut. Dauert das einige Tage, dann holt sich der Körper seinen Schlaf, manchmal auch zum falschen Zeitpunkt. Damit das nicht geschieht, ist es wichtig, ausreichend zu schlafen, und zwar regelmäßig. Mit Energydrinks oder Kaffee lässt sich Schlafmangel nicht beheben. Koffein kann die Aufmerksamkeit nur kurzfristig erhöhen. 30 Minuten nach der Einnahme beginnt die Wirkung und hält für circa zwei bis drei Stunden an. Wer sehr schläfrig ist, kann jedoch trotz Koffeins in einen Sekundenschlaf fallen. Daniela Haußmann

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