Kirchheim

Weniger Arbeit, mehr vom Leben

Arbeitszeit Die IG Metall will das Recht auf verkürzte Vollzeit durchsetzen. Trotz Fachkräftemangels? „Gerade deshalb“, sagt die Gewerkschaft. Von Peter Dietrich

Gerhard Wick.Foto: Peter Dietrich
Gerhard Wick. Foto: Peter Dietrich

Für den Acht-Stunden-Tag hat es 1918 noch die Revolution gebraucht“, sagt Gerhard Wick, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Esslingen. In den 1960er-Jahren habe die Gewerkschaft den freien Samstag erkämpft, mit dem legendären Slogan „Samstags gehört Vati mir“. 1984 kam der Streik für die 35-Stunden-Woche. Bis zu 18 Prozent der Beschäftigten im Betrieb dürfen seither 40 Stunden arbeiten, die Arbeitszeit ist also nicht mehr für alle gleich. „Davor gab es nur Vollzeit, Teilzeit, Überstunden und Kurzarbeit“, erklärt Wick.

Ab Mitte der 1990er-Jahre kamen dann flexible Arbeitszeitkonten. Mit ihnen kann der Arbeitgeber auf Auftrags- und Saisonschwankungen reagieren. „Die Unternehmen können damit atmen und sparen Zuschläge“, sagt Gerhard Wick. „Mir ist noch kein Fall bekannt, in dem ein Unternehmen nicht genügend Flexibilität hatte.“ Bei Berufen wie Mechatroniker und Elektroingenieur lasse der Tarifvertrag Spielraum über 18 Prozent zu. Aber: „Die Arbeitgeber ärgert es, dass sie den Betriebsrat fragen und in manchen Fällen Zuschläge zahlen müssen.“

Mitarbeiter wollen Flexibilität

Doch der Arbeitnehmer möchte ebenfalls beweglich sein. „Die Betriebsvereinbarungen sind sehr unterschiedlich, teils hat nur der Arbeitgeber viele Rechte.“ Auf manchen Gleitzeitkonten, sagt Gerhard Wick, liefen bis zu 900 Stunden auf. Dann komme die Flaute, aber die Firma sei nicht liquide. So sei schon manches Stundenguthaben verfallen. „48 oder 50 Stunden zu arbeiten, aber dafür kein extra Geld und keine Zuschläge zu bekommen, das ist enorm belastend.“ Eine Befragung der Beschäftigten hat gezeigt: Sie klagten über zu wenig Einfluss auf die Arbeitszeit. Am liebsten hätte Gerhard Wick zwei verschiedene Konten: Das Flexibilitätskonto, mit dem die Firma atmet, und das persönliche Gleitzeitkonto mit plus minus 20 oder plus minus 35 Stunden.

Seither gibt das Teilzeitbefristungsgesetz die Möglichkeit, die Arbeitszeit zu reduzieren. Das will die IG Metall um ein Rückkehrrecht erweitern. Für bis zu zwei Jahre soll der Arbeitnehmer in kurze Vollzeit gehen können, mit mindestens 28 Stunden pro Woche. Mancher sei in einer Zwangssituation, wie bei der Pflege von Angehörigen oder der Erziehung.

Weil Leute in unteren Lohngruppen den Einkommensverlust schlechter verkraften, fordert die IG Metall für sie für die Zeit der Verkürzung einen monatlichen Zuschuss von 200 Euro. Jährlich 750 Euro soll es für Menschen in belastenden Arbeitsplätzen und Arbeitszeitmodellen geben, etwa für Schichtarbeiter. „Sie müssen gegen die innere Uhr und gegen die Hormone arbeiten, werden öfters krank und sterben früher.“ So sollen sie pro Jahr zehn Tage extra freinehmen können.

Klagen über den Fachkräftemangel und zugleich die individuelle Arbeitszeit verkürzen? Passt das? Ja, sagt Gerhard Wick. „Sonst wandern junge Entwickler, denen die Familie wichtig ist, zu andern Firmen ab.“ Und so lasse sich die Frauenerwerbsquote erhöhen. „Es gibt viele Frauen in Teilzeit, die länger arbeiten wollen. Und es gibt Männer in Vollzeit, die kürzer arbeiten wollen.“

Bei der Arbeitszeit gebe es positive Beispiele wie Festo mit „weitgehenden Regelungen mit viel Augenhöhe“, auch Siemens sei zu erwähnen. Gerhard Wick verweist auf die alte Erkenntnis, die in Skandinavien bekannter ist: „Wenn Arbeit nicht krank macht, wenn einer nicht ständig im roten Bereich ist, dann arbeitet er effektiver.“

Info Die nächste Tarifverhandlung ist am Donnerstag, 14. Dezember. Am Sonntag, 31. Dezember, endet die Friedenspflicht. Gerhard Wick weiß sehr gut um die immer gleichen Rituale: Es sei klar, dass die Arbeitgeber die erste Forderung der Gewerkschaft zuerst einmal empört zurückweisen müssten. „Manche denken an früher zurück, als wir vier Wochen lang streiken mussten, bis das Lager leer war. Heute stockt die Produktion schon nach zwei Tagen.“ Und er verweist auf ein neues Druckmittel: Der Vorstand der IG Metall könne nun schon vor einer Urabstimmung 24-Stunden-Streiks in ausgewählten Bezirken beschließen.

Arbeitszeit am Beispiel von Festo

„Bei der Arbeitszeit haben wir so gut wie keine Schwierigkeiten“, sagt Hans-Jürgen Drung, Betriebsratsvorsitzender bei Festo in Esslingen. Die Betriebsvereinbarung gelte seit 1994 fast unverändert. In den meisten Bereichen gebe es flexible Arbeitszeiten. „Auch bei der Übergabe von Schicht zu Schicht gibt es einen Korridor von einer Stunde.“ Einmal im Jahr muss das Konto unterhalb von plus 40 Stunden sein. Für den Ausgleich gibt es keine Obergrenze, das können auch mal drei Wochen am Stück sein.

Einmal im Jahr wird abgerechnet. Wer zu viele Stunden hat und nicht frei bekommt - oder vielleicht in einer Krise dringend Geld braucht - bekommt nach Absprache einen Teil mit Überstundenzuschlag ausbezahlt. Oder er bekommt nur die Zuschläge ausbezahlt und bucht die restlichen Stunden auf sein Langzeitkonto für den früheren Ruhestand. Negativ findet Hans-Jürgen Drung, dass hohe Zeitguthaben auflaufen. „Die Arbeit ist erledigt, ohne dass weitere Beschäftigte eingestellt wurden.“

Eine Zeit lang die Arbeitszeit reduzieren - diesen Wunsch haben auch manche Festo-Mitarbeiter. In Absprache wird mit der Führungskraft und der Personalabteilung versucht, einen befristeten Teilzeitvertrag zu bekommen. „Das gelingt nicht immer“, erklärt Drung. Die Teilzeitquote im Unternehmen sei gering, meist seien es Frauen und die wenigsten wollen in Vollzeit arbeiten. Einen Anspruch auf Rückkehr in die Vollzeit, wie von der IG Metall gefordert, sähe Hans-Jürgen Drung als positiv an.pd

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