Kirchheim

Wenn der Briefkasten mal wieder leer ist

Zustellung Viel Post, riesige Bezirke und Arbeit bei Wind und Wetter: Dass der Brief manchmal nicht so schnell wie erwartet ankommt, hat viele Gründe. Von Melissa Seitz

Ist der Brief angekommen oder nicht? Manche Kirchheimer könnten sich beim Blick in den Briefkasten die Haare raufen. Sie beschwe
Ist der Brief angekommen oder nicht? Manche Kirchheimer könnten sich beim Blick in den Briefkasten die Haare raufen. Sie beschweren sich, dass sie oft auf ihre Post warten müssen.Foto: Jean-Luc Jacques

Endlich 18, endlich müssen Mama und Papa nicht mehr daneben sitzen, wenn Cara die Straße unsicher macht. Der rosa Zettel für das Begleitete Fahren ist passé. Jetzt kann das labbrige Ding dem „richtigen“ Führerschein weichen. Eigentlich. „Wir haben den Brief am Montag losgeschickt“, heißt es in der Kirchheimer Zulassungsstelle. Die Tage vergehen, die Weilheimerin wartet und wartet. Erst am fünften Tag liegt die Plastikkarte in ihrem Briefkasten. So wie Cara geht es vielen Menschen rund um die Teck. Die lang ersehnte Post kommt einfach nicht, tagelang bleibt der Briefkasten leer. Die Vermutung vieler Kunden: Der Postbote schaut nicht mehr täglich vorbei. Ist das wirklich so?

Bezirke für Postboten zu groß?

Die Kisten sind oft bis an den Rand mit Briefen gefüllt, wenn die Kirchheimer Postboten sich auf ihre Runden begeben - das wurde in einem Gespräch mit dem Teckboten deutlich. Wenn nach acht Stunden der Feierabend ruft und alle Kisten eigentlich leer sein sollten, geht die Arbeit für sie weiter. Denn: Die Bezirke, die den Postboten zugeteilt werden, seien oft viel zu groß. Das tägliche Postpensum könne ein Zusteller kaum in der regulären Arbeitszeit verteilen. Das bestätigt auch Pascal Klein, Verdi-Gewerkschaftssekretär im Bezirk Schwarzwald-Bodensee und Fils-Neckar-Alb. Nicht nur die Größe der Bezirke sei ein Problem, auch die steigende Sendungsmenge. Vor allem die Anzahl an Paketen hat zugenommen. „Wenn in einem Wohngebiet einmal weniger Briefe zugestellt werden, schrumpft der Bezirk dadurch nicht“, stellt Pascal Klein klar. Die Zulieferer haben dieselben Strecken, müssen dieselben Distanzen zurücklegen.

Die Folge: Viele Postboten machen unbezahlte Überstunden und schaffen es selbst unter diesen Umständen nicht, die komplette Post an einem Tag zu verteilen. Die halb vollen Kästchen landen oft wieder nach der Schicht in der Zentrale. Der Kunde muss auf seine Briefe warten. Am nächsten Morgen starten die Postboten einen neuen Anlauf und verteilen zuerst die Briefe, die am Abend zuvor liegen geblieben sind. Ein Teufelskreis.

Für Hugo Gimber von der Pressestelle Süd der Deutschen Post sind die Gebiete sinnvoll zugeteilt. Die Zustellbezirke werden einmal im Jahr neu ausgetüftelt, wie er erklärt. Das bedeutet: Die Postmenge wird überwacht, die Bezirke unter die Lupe genommen und die Wege, die der Postbote zurücklegen muss, berechnet. Im Jahresdurchschnitt soll ein voll beschäftigter Zusteller durch diese Maßnahmen auf eine wöchentliche Arbeitszeit von 38,5 Stunden kommen - nicht mehr und nicht weniger. Doch die Realität zeigt: Davon sind viele Postboten weit entfernt.

Wenn doch alles genau berechnet ist, wieso passiert es dann, dass sich Teckboten-Leser immer wieder beschweren, dass sie keine Post bekommen haben? 94 Prozent der Briefe kommen am nächsten Werktag an, stellt Hugo Gimber klar. „Aber wir können keine Unregelmäßigkeiten ausschließen“, gibt er zu. So habe die Grippewelle auch die Kirchheimer Postboten nicht verschont. „Wenn jemand sehr kurzfristig krank wird, wird einem anderen Postboten zusätzlich zu seinem eigenen Bezirk ein Teil der Arbeit des kranken Kollegen zugeteilt“, erklärt der Pressesprecher der Deutschen Post.

Bei Wind und Wetter sind Postboten draußen, stehen unter Zeitdruck und rennen von Briefkasten zu Briefkasten. Da sollte doch wenigstens die Bezahlung stimmen, oder? Rund 2 000 Euro brutto im Monat sind nicht gerade viel. „Wir sind an der Sache dran“, versichert Gewerkschaftssekretär Pascal Klein. Mit Warnstreiks wird immer wieder auf die finanzielle Situation der Zusteller aufmerksam gemacht: Ende Februar haben über 1 500 Brief- und Paketzusteller in neun Bundesländern - unter anderem in Baden-Württemberg - ihre Arbeit niedergelegt. Die Deutsche Post reagierte und legte ein Tarifangebot vor. Zusteller sollen entscheiden dürfe, ob sie anstatt einer Lohnerhöhung freie Tage nehmen. In einer Mitgliederbefragung wird im Moment darüber abgestimmt.

„Feierabend heißt Feierabend“

Damit Kunden wie Cara in Zukunft nicht mehr mehrere Tage auf ihre Post waren müssen, sollte sich vor allem an den Arbeitszeiten der Zusteller etwas tun. „Wir sind dabei, eine neue Regelung mit der Deutschen Post zu finden“, sagt der Verdi-Gewerkschaftssekretär Pascal Klein. Ob in Zukunft also mehr Postboten einem Bezirk zugeteilt werden oder die Zusteller-Gebiete schrumpfen, ist noch nicht beschlossen. Klar ist jedoch: „Wenn auf meinem Plan steht, dass ich um 15.30 Uhr Feierabend habe, dann kann ich auch um Punkt 15.30 Uhr nach Hause gehen“, sagt Pascal Klein. Überstunden soll es nicht mehr geben, und Briefe dürfen aufgrund von Zeitmangel nicht mehr liegen bleiben.

Ein kleiner Brief auf großer Reise

Briefmarke drauf und ab in den gelben Briefkasten oder in eine Postfiliale: Das ist der erste Schritt auf dem Weg eines Briefes zu seinem Empfänger.

Kommt der Umschlag aus Kirchheim oder Esslingen, wird er in das Briefzentrum nach Salach gebracht.

Wichtig ist jetzt, herauszufinden, wohin der Brief ausgeliefert werden soll, also wo der Empfänger wohnt. Wenn die Umschläge in der sogenannten „Leitregion 73“ ausgeliefert werden müssen, -das sind die Gebiete, bei denen die Postleitzahlen mit „73“ beginnen - bleiben sie in Salach.

Steht als Zielort zum Beispiel Stuttgart auf dem Umschlag, wird der Brief in das Briefzentrum nach Waiblingen weitergeleitet.

In den Briefzentren werden die Umschlage so sortiert, dass die Briefe am Ende in der Fahrfolge der Postboten geordnet sind.

Die sortierten Briefe werden dann am frühen Morgen zu den Postboten in die Zustellstützpunkte gebracht.

Jeder Postbote schnappt sich jetzt ein Kästchen und macht sich auf zur Arbeit.sei

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